Becker, Hanna Luise; Altdorfer, Albrecht [Ill.]
Die Handzeichnungen Albrecht Altdorfers — München, 1938

Page: 15
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/becker1938/0029
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
steigendcn Baum lose verbunden, sodaß der Durchblick auf die
kleine Hintergrundlandschaft fast wie von einem Waldgrund auf
eine Lichtung gegeben ist. Eine Steigerung der Formen gegenüber
der Ölbergzeichnung, nicht im Sinne einer naturalistischen Gestal-
tung, sondern in der Intensität des Ausdrucks wird durch eine
größere und befreitere Strichführung erreicht. Der Einzellinie
ist mehr Bedeutung gegeben und die Gegensätze wirken vor allem
in der Landschaft stärker, weil die Strichfolgen von weiß und
schwarz getrennt stehen : dabei verlaufen die dunklen Lagen mehr
in geraden — schrägen, wagerechten oder senkrechten — Linien,
während die weißen in gehäuften Rundformen — Häkchen oder
Spiralen — aufgesetzt sind.

Diese besondere Art einer befreiten und großzügigen Strich-
führung hat in der Zeichnung der Marter des heiligen Seba- T.tl
stian (Braunschweig) aus dem folgenden Jahr x5u insoweit
eine Weiterentwicklung erfahren, als eine Abstraktion des Ge-
genständlichen einsetzt. Die Komposition, nicht an das Schema
einer beiderseitigen Landschaf tskulisse gebunden, läßt eine Gruppe
von drei Henkern frei in den Bildraum treten, nur der rechte Bild-
rand wird durch den Baum, an den der jugendliche Heilige ge-
bunden ist, gefestigt. Lose Strichfolgen fügen den Stamm und
die Krone zusammen, ohne daß Zweige und Äste im einzelnen zu
erkennen oder deutlich von einander geschieden wären. Die Ge-
stalten haben aufgelöste, unruhig flackernde Konturen und form-
lose Gesichter, die im Dunkel des Grundes fast völlig unter-
gehen. Die flotten linksläufigen Bodenschraffuren, die mehr sind
als nur ein Abschluß für die Komposition, erscheinen ebenso
wichtig wie der helle spitze Bergkontur, der als solcher fast wesen-
los ist, aber die Gruppe der stehenden Männer rahmend und fe-
stigend umschließt (vgl. den Bergkontur des gleichzeitigen Holz-
schnitts des heiligen Georg, B. 55). — Wichtig ist vor allem die
weiße Höhung, die in stärkerem Maße hier bildgestaltend wird
als bei den besprochenen Waldlandschaften: eine Sammlung der
Helligkeiten bei dem mittleren Mann und am oberen Baum, von
hier aus verteilen sie sich sprunghaft über Körper und Kontu-
ren. — Wenn von diesen beiden Blättern aus der weitere Weg in

15
loading ...