Becker, Hanna Luise; Altdorfer, Albrecht [Ill.]
Die Handzeichnungen Albrecht Altdorfers — München, 1938

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Die Anlage von seitlichen Baumkulissen mit einem Durchblick
in der Mitte — vgl. Ölberg, Berlin — klingt bei der Berliner Zeich-
nung einesToten Ritters noch an. Ihre zeichnerische Form aber T.H
und die für die Bildwirkung in starkem Maße ausgenutzte Weiß-
höhung unterscheiden sie von der etwas früheren Darstellung.
Schlanke schmale Tannen rechts und ein Baumstamm links schlie-
ßen ein Halbrund von tiefer zurückliegenden spitzzulaufenden
Strauchbäumen ab, die wie um eine Waldlichtung gestellt sind,
in der ein junger Ritter auf einem Tierfell ausgestreckt liegt.

Sehr dünne und fast vereinzelte Linienzüge bestimmen das gra-
phische Bild, an den Bäumen des Grundes leuchtet das Weiß in
hellen Spiralen auf, gleitet im Halbrund nach vorn und spannt
sich in den spitzigen Ästen und Zweigen flimmernd über den
blauen Grund. Nur behutsam wird der Tote von hellen Linien um-
spielt, das reich geschlitzte Gewand, die Stirn und die herunter-
fallenclen Locken leuchten silbern auf. Der dunkle Arkadengang
an der rechten Seite betont das Geheimnisvolle der fast märchen-
haft anmutenden Szene, die in sehr starkem Maße stimmungs-
mäßig erfaßt ist.

In clieser besonderen Art des Lebendigwerdens eines Vorgangs
in einer landschaftlichen Umgebung, die mit der Darstellung eng
verbunden lebt, macht die Ölberg-Zeichnung (Karlsruhe, Kat.

weise von anderen Gesiehtspunkten bestimmt. Die Edelfrau (Dessau) ent-
spricht in etwa, obwohl früher — vgl. den Gewandstil — dem Liebespaar
der Slg. Burkhardt, Basel. — In der Bannerträgerin ist eine vollkommen
andere Stufe der Schwarz-Weiß-Technik in der entkörperlichenden Weiß-
höhung gegeben. — Weshalb in diese Reihe auch der Heilige Andreas
(Berlin) aufgenommen wurde, ist nicht klar, da weder im Strich, noch in
der Darstellungsart irgend eine Verwandtschaft zu einem der drei Blätter
festzustellen ist.

In einer dritten Reihe werden die den Hauptweg der Entwicklung be-
stimmenden Zeichnungen zusammen genommen, der seinen Ausgangspunkt
im Wilden Mann (London) hat. Dieser „Weg“, der auch hier durch die
Zeichnungen der Waldmenschen (Wien) und der Sebastiansmarter (Braun-
schweig) als eine wichtige Richtung innerhalb der frühen Zeichenkunst
Altdorfers angesehen wird, bereitet letzten Endes die Beweinung von 1513
(Florenz) vor.

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