Becker, Hanna Luise; Altdorfer, Albrecht [Ill.]
Die Handzeichnungen Albrecht Altdorfers — München, 1938

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kirche zur „Schönen Maria“ anstelle der abgerissenen Synagoge
gebaut wurde, häufig gestaltet. Nicht in einem architektonisch
strengen Altaraufbau wie auf dem Holzschnitt (B. 5o) erscheint
sie hier, sondern sie ist einem unbestimmten graugrünen Dunkel-
grund verbunden und von dreifachem Lichtkranz umschlossen.
So wird ihr in sehr ausgeschriebenem zeichnerischem Strich die
der Technik gemäße Ausgestaltung zuteil.

Diese letzten nachweisbaren Zeichnungen Altdorfers auf far-
bigem Grund fallen zeitlich zusammen mit der Yollendung eines
großen Gemäldewerkes: dem Passions- und Sebastian-Altar in
St. Florian. In diesem werden neue Raum- und Lichtprobleme für
die Bildgestaltung wirksam und die unruhige Bewegtheit der Ge-
wandformen in den Zeichnungen kann als eine Ausstrahlung die-
ses gesteigerten Ausdruckswillens angesehen werden. Die Kompo-
sitionen des Altares zeigen große Formen, d. h. das Verhältnis von
Figuren und Rarnn ist gegenüber den früheren kleinen Bildern
ein vollkommen gewandeltes. Die Innenräume — meistens eng und
gedrängt voll Menschen und ohne eine klare Übersicht — werden
in starkem Maße von Pacher beeinflußt. In der farbigen Wir-
kung sind die Tafeln verschieden, zum Teil von Lichteffekten be-
stimmt: ein kontrastreiches Ilelldunkel in den nächtlichen Szenen
am Ölberg und bei der Gefangennahme, die Yerhörszenen des
Sebastian sehr hellfarbig und einige Passionsbilder von weicher,
ausgeglichener Lichtstimmung. Im ganzen Werk steckt ein un-
geheurer Wille zu großer, kraftvoller Form, ein fast ungezügel-
tes Temperament, das nur in dieser Zeit so zur Entfaltung gelangt.

Die Zeichnungen von 1520 —1530.

Zu Beginn des dritten Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts setzt
im Werk Altdorfers hinsichtlich der Formgebung und des Aus-
drucks eine große Beruhigung ein. In den Gemälden am Anfang
der zwanziger Jahre ist das Problem der Gestaltung des architek-
tonischen Raumes und der Belebung dieses Raumes durch das
Licht weiter wichtig. Im Hinblick auf die Mariengeburt (Mün-

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