Kissling, Hermann; Stadtarchiv <Schwäbisch Gmünd> [Hrsg.]; Deibele, Albert [Bearb.]
St. Leonhard in Schwäbisch Gmünd und die ihm angeschlossenen Pflegen: Geschichte u. Verzeichnis d. Urkunden, Akten u. Bände mit e. Anh. über d. Dreifaltigkeitskapelle u. den St. Salvator ; 1323 bis zur Gegenwart — Schwäbisch Gmünd, 1971

Seite: 1
DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/deibele1971/0021
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
A. Geschichte der Kapellen und deren Pflegen
Überall im Lande finden sich innerhalb und außerhalb der Gemeinden größere
und kleinere Kapellen, teilweise mit Kaplanei- und Mesnerhäusern. Viele sind
allerdings im Laufe der Jahrhunderte eingegangen, und oft erinnern nur noch alte
Flurnamen oder vergilbte Schriften an sie. Bei den meisten von ihnen verliert sich
der Ursprung in einem Gestrüpp von Sage, Legende und Dichtung, ohne daß
genaue Zeiten zu ermitteln wären. Das liegt in der Art ihres Entstehens, der sich
oft folgendermaßen vollzog:
An einem besonders schönen Platze, auf luftiger Flöhe, an einer Quelle, im
Walde, unter einer Baumgruppe, an viel begangenen Wegen oder an Unglücks-
stätten wurden Kreuze oder Bildstöcke errichtet. Es entsprach dem frommen Sinn
des Mittelalters, das Gedenken an die himmlischen Mächte zu jeder Tages- und
Nachtzeit, an allen Ecken und Enden wachzuhalten. Man lebte inmitten einer auf
das Jenseits ausgerichteten Welt, in welche auch höllische Spukgestalten hinein-
griffen, welche die Menschen ängstigten. Ein jeder war sich seiner Sündhaftigkeit
bewußt und suchte durch Gebete, Wallfahrten und fromme Stiftungen Verzeihung
seiner Schuld und Rettung vor der ewigen Verdammnis. Wer diese Gedanken-
gänge nicht versteht, wird den mittelalterlichen Menschen nie begreifen. Dieser
tief verwurzelten Gefühlswelt entsprangen auch die vielen religiösen Mahnmale,
die allerorts errichtet wurden. Es war eine eigentümliche Zeit: auf der einen Seite
überquellende Sinnesfreude, auf der anderen zerknirschtes Sündenbewußtsein. Bei
den kleinen Heiligtümern stand oft ein Opferstock, und es war selbstverständlich,
daß die gefallenen Gaben wieder für religiöse Zwecke verwendet wurden. So
schreibt der Magistrat zu Gmünd in einer Stiftungsurkunde 1354: Daneben haben
wir angesehen, daß man Kirchenalmosen wieder in der Kirche Nutzen verwenden
soll, usw.
Bei vielen Heiligtümern fielen die Opfer überaus reichlich, besonders wenn von
außergewöhnlichen Gebetserhörungen oder gar Wundern berichtet wurde. Dann
war es oft möglich, an der Stelle eines Bildstocks oder Kreuzes eine Kapelle zu
erbauen, diese mit Meßstiftungen zu begaben, ja sogar einen eigenen Geistlichen
samt Mesner anzustellen. Für die Pilger sorgte gewöhnlich ein Gasthaus, in wel-
chem auch Wahlfahrtsandenken und Kerzen gekauft werden konnten. Am Tage
der Kirchweihe oder des Kapellenheiligen entwickelte sich um die Kapelle oft ein
jahrmarktähnliches Treiben, das sich teilweise bis heute erhalten hat. Für die
Vermögensverwaltung dieser Kapellen wurden fast ausnahmslos eigene Pflegen
errichtet. Die meisten von ihnen wurden in den Stürmen der Reformation und
Säkularisation entweder aufgehoben oder mit den Pfarrkirchenpflegen vereinigt.
Dasselbe Schicksal erlitt meistens der Rest von ihnen im 19. und 20. Jahrhundert,
so daß es heute nur noch wenige völlig selbständige Kapellenpflegen gibt.
Auch auf Gmünder Markung standen innerhalb und außerhalb der Stadt eine
Anzahl viel besuchter Kapellen, von deren Anfang wenig schriftliche Zeugnisse
vorliegen. Einige von ihnen hatten eigene Kapläne; alle aber bildeten eigene

2

1
loading ...