Beilage zum Diözesan-Archiv von Schwaben — 1893

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heilige» Seelenfriedens (II a 10). Die Segens- und Weihe-
gewalt der Kirche sinnbildet eine Figur, die eine Stola in den
Händen hält (II a 9). Den Eifer nach jenem sittlichen Fort-
schritte, welcher in obigen Scenen teils erstrebt, teils erreicht
ist, will der Meister vornehmlich auch dadurch wecken, daß er
am Gestühl viele geflügelte Gestalten angebracht hat
(z. B. I a 5. I b 1 n. 2. II a 2. 4. 5. re.) Durch die geflügelten
Menschenwesen lehrt der Bildhauer die Erhebung über das
Irdische und mahnt zu christenwürdigem Aufwärtsstreben, zu
einem Leben in den himmlischen Regionen der Vollkommenheit.
Er versäumt aber auch nicht, dem Gottesfürchtige» den ewigen
Lohn, die Seligkeit aufmunternd vor Aug und Seele zu stellen.
Denn er hat an den Stnhlwangen auch eine Figur geschnitzt,
welche eine Krone (nebst Palme) als Sinnbild der Hinnnels-
glorie in der Hand trägt, während eine weitere Gestalt, gleich-
sam dem Gesetze der Schwere entrückt, mit der Leichtigkeit
eines verklärten Leibes auf einem Pflanzenstengel einher-
schreitet und mit der rechten Hand einen Lorbeerkranz hält,
mit der linken aber eine Palme. Lorbeer und Palme aber
sind bekanntlich Symbole des Triumphes über Versuchung und
Sünde und des ewigen, über den Sternen winkenden Friedens.
Mit diesem Hinweise auf Krone und Frieden, auf Sieg und
Seligkeit schließt unser Chorgestühlsschöpfer seinen Bilderkreis
aus dem Menschen- und Christenleben. Er läßt auf diese
Art die Figurenreihe an den Stuhlwangen in ein herrliches
sursum corda! aufwärts die Herzen! ausklingen. Mit diesem
Fingerzeig auf den Himmelslohn gewinnt der Künstler einen
trefflichen Uebergang zu den Statuetten an den Pfeilern der
Gestühlsrückwände, welche eine ziemliche Zahl von Heiligen
uns vor Augen stellen.

Die Statuen der Rückwände.

Es sind insgesamt 28 freistehende Ganzfignren den Kanten
der Strebepfeiler der Dorsale vorgelagert. Dieselben stellen
verschiedene Heilige dar. Und zwar wurden, ganz passend für
eine Klosterkirche, diese Tugendvorbilder dem monastischen
Wirkungskreise entnommen. Denn es sind lauter Ordens-
stifter und -Stifterinnen, welche schon durch ihr bloßes
Bildnis den im Chorgestühle betenden Vätern und Brüdern
des Norbertiner Reichsstiftes stumme und doch beredte Prediger
und Lehrerinnen des Klostergeistes wurden, durch ihre hohen
Tugendbeispiele zur Nacheiferung anspornten. Es war ein
trefflicher Gedanke, gerade da, wo die Norbertinermönche sich
zum Beten der Tagzeiten zu versammeln pflegten, auf sie die
Bilder jener heiligen Ordensmänner und -Frauen hernieder-
blicken zu lassen, welche schon am Throne Gottes das Lob des
Allerhöchsten verkünden. Während so die weißen Mönche von
Schussenried als die geistlichen Kämpfer in ihrer Kirche sich
um den Altar des Herrn scharten, sahen sie um sich die
Standbilder jener glorreichen Sieger, welche ausgerungen
und auf dem Wege klösterlicher Vollkommenheit den Himmel
erreicht haben.

Die technische Ausführung der Statuetten anlangend, ist
zugegeben, daß ihre teilweise unruhige, pathetisch bewegte
Haltung und die zum Teil wie im Winde flatternden, fliegen-
den Gewänder das Tadelnswerte in der befolgten Stilrichtung
nicht verleugnen. Auch sind die Mitren außergewöhnlich groß.
Ein paar Verzerrungen und anatomische Mißbildungen müssen
gleichfalls getadelt werden. Dagegen sind die Gesichter hin-
reichend individualisiert, wenn sie auch nicht hervorragend
durchgeistigt genannt werden können. Namentlich aber ist auf
treuesten Anschluß an die herkömmliche Ordenskleidung und
auf die traditionellen Insignien und Symbole größtes Gewicht

gelegt. Bei der Gewandbildnng tritt solche Leichtigkeit und
Schaffensfreude zu Tage, daß man meinen könnte, der Künstler
habe trotz der Härte des zu bearbeitenden Materiales fein
Instrument dennoch fast so gewandt gehandhabt, wie ein ge-
übter Zeichner seine Bleifeder.

Die Aufzählung der einzelnen abgebildeten Ordensheiligen
beginnen wir am süglichsten auf der Männer-(Süd-)Seite
vom Kirchenschiffe aus. Von da gehen wir dann in Gedanken
zur Frauen-(Nord-)Seite hinüber. Hierauf wechseln wir wie-
der in der Weise ab, daß die Figuren auf der Südseite stets
mit den ungeraden, diejenigen auf der Nordseite mit geraden
Ziffern gezählt werden. Denn bei den einander gegenüber-
gestellten Standbildern waltet meist ein geistiger Berührungs-
punkt, ein gewisser Gegensatz oder eine chronologische An-
näherung ob. Uebrigens ist bei der Reihenfolge der Statuetten
nicht so fast die Periode der Wirksamkeit der dargestellten
Heiligen berücksichtigt, vielmehr wahrscheinlich der Grad der
Verehrung, welche die einzelnen Orden, beziehungsweise deren
Stifter und Stifterinnen seitens der Schusfenrieder ReichS-
prälatur genossen haben. Zuerst kommen die männlichen,
dann erst folgen die weiblichen Vertreter des Ordensstandes.

1) Den Ehrenplatz unter allen Ordensstiftern hat der hl.
A n g u st i n u S (st 430) inne. Er ist abgebildet im vollen Ornate
als Bischof mit Mitra , Albe, Pluviale rc. Es pflegten die
Schusfenrieder Norbertiner Chorherren von einer sog. Regel
des hl. Augustinus zu reden und diesen Kirchenlehrer, welcher
mit seinen Freunden zu Tagaste in Afrika seit 388 ein zu-
rückgezogenes Leben führte, als einen Patriarchen monastischen
Geistes zu verehren. Speziell das Prämonstratenser Ordens-
statut wurde als in augnstinischen Schriften wurzelnd gedacht.
Davon leitete sich das hervorragende Ansehen ab, welches der
selige Bischof von Hippo in dem Gotteshause Schussenried
genoß. Ja die Verehrung gegen diesen Heiligen war so be-
deutend, daß sämtliche Plafondsfresken des rechten Seiten-
schiffes der Kirche daö Leben St. Augustins zum Gegenstand
haben.

2) Die zweite Stelle ist dem eigentlichen Stifter des in
Soreth ehemals blühenden Ordens, nämlich dem hl. Nor-
bert (st 1134) eingeräumt. Er steht da als Erzbischof (von
Magdeburg), mit Mitra, Brustkreuz und Pallium geschmückt.
Die weißen Mönche von Schussenried stellten sich das Ver-
hältnis St. Norberts zu St. Angustin vor wie dasjenige des
Schülers zum Lehrer, des Sohnes zum Vater. Sie be-
trachteten den Prämonstratenser Orden als ein Ablegreis aus
der augnstinischen Pflanzung.

3) Der hl. Paulus der Eremite aus der ägyptischen
Wüste Thebais (st 341). Er gilt als Vater der Einsiedler;
am Gestühle ist er gegürtet, trägt das aus Bastrindenstückchen
der Palme selbstgefertigte Gewand und faltet die Hände zum
Gebet.

4) Ein anderer Sprosse Aegyptens, der eigentliche Grün-
der des klösterlichen Lebens, der geistliche Vater (Abt) von
ca. 6000 Mönchen, der hl. Antonius nämlich (st 356),
trägt eine Glocke in der Hand und hat neben sich ein Schwein
als Symbol des Satans, welcher den Heiligen unter ver-
schiedenen, auch tierischen Gestalten anfocht.

5) Der große Mönchspatriarch des Abendlandes, St.
Benedikt (st 543), trägt seinen Ordenshabit und hält
sinnend, meditierend die Rechte an ben Mund.

6) Ihm, dem Freunde gottgeweihtcr Bergeshöhen, gegen-
über steht sein weltberühmtes Gegenbild aus dem „Thale
des Lichtes", der hl. Bernhard von Clairvaux (st 1153)
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