Beilage zum Diözesan-Archiv von Schwaben — 1893

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liehen einen neuen, nämlich den jetzigen Hochaltar bauen lassen.
Unsere klösterliche Quelle, welcher wir das Gesagte entnehmen,
erwähnt, daß Frühholz „zu männiglichem Wohlgefallen" sich
seines AnftrageS etttledigt habe. Nach unserer Ansicht ist
aber auch der gegenwärtige Hochaltar nicht frei von Mängeln.
Nun erhebt sich die Frage: Sind die Figuren n. s. w. am
gegenwärtigen Steinhäuser Hochaltäre von dem früheren her-
übergenommeit worden und somit als Werke Macheins anzu-
sehen? — Wir glauben verneinend antworten zu müssen.
Want Vertrag durfte nämlich Frühholz wohl das Holz von
dem Altäre de anno 1730 auch zu demjenigen vom Jahre
1750 verwenden, aber er mußte die Schreiner- und Bild-
hanerarbeit aus seine Kosten vollständig neu Herstellen. So-
mit dürste sich an dem gegenwärtigen Hochaltar zu Stein-
hansen kein Kunstobjekt von der Hand Macheins mehr vor-
sindeu, dagegen haben sich zwei bedeutende Maler an diesem
Werke verewigt. Das große Altarblatt (das Kreuz nach
Abnahme des Leichnams Jesu darstellend) ist nämlich von
Franz Martin Kuen von Weißenhorn für 200 fl. und das
obere, kleinere Bild (Auferstehung Christi) von Xaver Forch-
uer von Dietenheim für 21 fl. gemalt worden. Wenn wir
übrigens außer dem Schusseurieder Chorgestühl auch kein
einziges sonstiges Kunstprodukt Macheins mit Sicherheit be-
stimmen und ihm vindiziereu könnten, müßten wir uns doch
damit einverstanden erklären, daß in einem Baukostenverzeich-
nisse des vorigen Jahrhunderts unser Meister mit Recht das (auf
Personen angewendet) allerdings etwas ungewöhnliche Ehren-
prädikat des Kunstreichen bekommt.

Welche Geld stimme hat nun unser Holzschnitzer für
seine Kunstschöpfung erhalten? — Hierüber erteilt uns, das
Tagbuch des Abtes Jnnoeenz Schmid Aufschluß. Im Dia-
rium dieses Prälaten findet sich nämlich auf den ersten Mai
des Jahres 1715 nachstehender Eintrag: „Den 1. h. (hujus,
dieses Monats; gemeint ist der Mai) habe ich denen majo-
ribus de domo meine iahresrechuung abgelegt. Und atich
mit dem Bildhauer wegen des Lborgestühls gar abgehandelt
und ihm versprochen 11 500 fl." Bezüglich des Elfers in
genannter Summe müssen wir übrigens bemerken, daß der-
selbe im Original nicht gut lesbar ist. Als Abt Jnnoeenz
zu seiner hohen Würde gelangte, war er ein schon hochbetagter
Herr und seine Handschrift undeutlich. Uebrigens haben wir
viele ähnliche Ziffern seines Tagbnches verglichen und erst
dann für die oben angegebene Lesart uns entschieden. So
besteht die größtmögliche Wahrscheinlichkeit für die Annahme,
daß Machein für sein Werk elftau send fünfhundert
Gulden von dem Schussenrieder Kloster empfangen hat.

Im Oktober des Jahres 1892 hat Photograph D. Kreh-
wisch aus Weingarten von den hiesigen Chorstühlen vier Auf-
nahmen gemacht, zwei vom Hochaltäre und zwei vom Mittel-
schiffe aus. Jede derselben ist bei dem Photographen um
80 Pfennig erhältlich.

Einen Versuch, die Figuren und Bilder des Chorgestühles
zu erklären und zu deuten, hat unseres Wissens bisher nur
der verstorbene Pfarrer I. Vaeeano in Schussenried gemacht.
Sein in etwa sechs Abschriften vorhandenes Manuskript hat
auch uns Vorgelegen und wurde im „Diözesan-Archiv" von
Schwaben 9. Jahrgang Nr. 24 durch Amtsrichter Beck ver-
öffentlicht. So anerkennenswert nun and) die Bemühungen
des verblichenen Pfarrherrn sind, so dürfen wir doch nicht
verschweigen, daß wenigstens ein Dutzend feiner Deutungen
irrig sittd; über andere kann man wenigstens verschiedener
Ansicht sein. Ferner ist in angezogener Publikation folgendes
zu verbessern: Der weltberühmte Eremite ans der Thebaiö

heißt nicht Petrus, sondern Paulus; der hl. Philipp ist nicht von
Alexandrien, sondern dargestellt ist Philipp Neri; an siebter Stelle
auf der rechten Seite steht nicht ein Petrus de Neri, sondern
St. Petrus vott Murrone. Endlich wird das GZtühl nicht
von einem Paar, vielmehr von zwölf durchbrochenen Auf-
sätzen gekrönt.

Rückblick.

Welches ist nun das Resultat unserer Studien über das
Schusseurieder Chorgestühl? — Wenn wir an manche armselige
diesbezügliche Produkte der Kunstschreinerei aus der Gegen-
wart denket:, welche jeglichen Figurenschmuckes entbehret: und
kaum eine dürftige Maßwerkverzierung aufweisen, dann lernen
wir unser reiches Chorstuhlwerk hoch taxieren. Denn da sind
dogmatische, historische, symbolische Kenntnisse mit bedeutender
Kunstfertigkeit gepaart; Kopf und Hand habet: einander unter-
stützt, um dieser Kunstschöpfuttg das Dasein zu verleihen.
Wie eine Menge von Ornamenten und Gestalten dem Auge
sichtbar wird, so ist auch eine Fülle von Gedanken und Lehren
dem sinnenden Geiste geboten. Allerdings hat der Meister
feinem Werke die Formet: des Spätbarockes gegeben, welche,
weil in der Periode der Renaisfanee und einer falschen Auf-
klärung geboren und großgezogen, einigermaßen als Kinder
und Erben antichristlicher Bestrebungen zu gelten haben, allein
der Künstler hat seiner Schöpfuitg trotzdem tiefreligiöse Ge-
fühle und Ueberzeugungen eingehaucht, wie sie selbst das
glaubensinnige Mittelalter nicht zarter empfunden hat. Mag
immerhin die Stilrichtnug und die Art der künstlerischen Aus-
führung modert: und von einem Zeitgeiste angekränkelt jein,
welcher sich im großen und ganzen als Verfall christlicher
Kunstthätigkeit darstellt, so wurzelt eben dennoch die Idee des
Schusseurieder Chorgestühles, der Geist, von dem es höheres
Leben erhält, noch ganz in den religiösen Atischauungen frü-
herer Jahrhunderte. Wohl ist die Hand uitseres Bildhauers
von der Luftströmung der unsteteti, pathosreichen im Barock-
stile waltenden Geschmacksrichtutig bei ihrem Schaffen gerüt-
telt worden, so daß ihre Gebilde bisweilen ein fliegendes,
flatterndes Gewand oder eine unruhige Haltung bekommen
haben: allein das Herz des Meisters ist noch kerngesund, weil
genährt vom Blutstrom echtkatholischen Glaubens und Füh-
lens. Gerade sein Gehalt an Geist und Frömmigkeit scheint
uns aber das Ausschlaggebende bei einem Werke, wo die
Symbolik, der Sinn im Bilde, jedes Teilchen desselben be-
herrscht und adelt.

Wenn wir bisweilet: auf die Stiftsstühle mit ihren zwei
gewaltigen Dorsalen schauten, ist uns die Erinnerung an jene
beiden Steintafeln in beit Sinn gekommen, auf welche ehedetu
der Finger Gottes die für alle Zeiten und Völker Geltung
habenden Sittenvorschriften des Dekaloges geschrieben hat.
Jene zwei vom Allerhöchsten selbst geweihten Steinurkunden
hat Moses im Heiligtum Israels, in der Buudeslade, nieder-
gelegt. Dort sollte deren stille Sprache der auserwählten
jüdischen Nation immer wieder den Willen Jehovas ins Ge-
dächtnis zurückrufen. In ähnlicher Weise haben auch die
Bäume, welche vor alters int Klostergartet: von Langnau
grüntet: und wuchsen, in geheiligter Erde ihr Grab gefunden;
dem: das durch den Mund und von der Hand eines Bischofs
konsekrierte ehrwürdige Klvstergotteshaus zu Schussenried ist
ihre Gruft geworden. Aber auf die toten Riesenleiber jener
Bäume ließen die Nvrbertiuermönche durch Meisterhand mit
Stift und Stichel die Doppelmahnung zur Flucht der Sünde
und zum Vollzug der Tugettd uiederschreibeu. So ist ihr
Chorgestühl eit: wertvolles, ans Bildern und Figuren ge-
formtes Gesetzbuch der christlichen Sittenlehre geworden. Dieses
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