Beilage zum Diözesan-Archiv von Schwaben — 1893

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kunstreiche Lehrbuch fand seinen Platz im Chore der Kloster-
kirche, damit es weitgeöffnet bei Tag und Nacht den Mönchen
selbst und auch jedem anderen Kirchenbesncher den Haß gegen
die Sünde^und die Liebe zur Tugend ohne Aufhören einpräge.
Die ehemaligen Schussenrieder Chorherren erkannten es als
ihren Beruf, durch Wort und. Beispiel den sittlichen Forr-
schritt zu fördern. Aber auch die stumme und doch so be-
redte Sprache ihrer Chorstühle sollte in jedermann den Geist
der Gottesfurcht wecken und beleben. Sogar jetzt noch, nach-
dem die einstigen Mönche mit Machein, dem Manne ihres
Vertrauens, längst im Tode verstmnmt sind, hat der Figuren-
nnd Orna'mentenschatz des prächtigen Schussenrieder Chor-
gestühlcs als eines Lehrbuches der guten Sitte die zwei
Wahrheiten zu predigen: Meidet das Böse, übet das Gute!

Allein das Schussenrieder Chorgestühl ist bei seinem ge-
dankentiefen, symbolischen Charakter gleichfalls eine treffliche
Illustration zu dem Schriftworte: „Lobet den Herrn alle
Werke des Herrn, preiset und erhebet ihn in Ewigkeit!"
(Daniel 3, 57). Es ist ein großartiges Benedicite ohne
Worte, eine in Holz gehauene Gotteshuldigung, ein trefflicher
Lobpsalm auf die Größe des Allerhöchsten. Text und Melo-
die dieses Psalms wurde von einem tieffrommen Gemüte er-
dacht und empfunden. Auf die Zellen und Atome des Holzes
ward er durch eine gottbegnadete Künstlerhand niedergeschrieben.
Seine Töne haben sich verdichtet und sind auf den Ueberresten
kräftiger Baumriesen festgebannt; wie verzaubert schlummern
sie dort. Wenn aber ein frommer Beter in ihre Nähe kommt,
dann werden diese Geister der Andacht lebendig und berühren
mit Macht die Seele des Kirchgängers. Der Bann wird ge-
löst, der Zauber schwindet, die Töne der Frömmigkeit geraten
ins Schwingen, ins Jubilieren; in ihrer und des Tabernakels
Nähe scheint eine himmlische Sphärenharmonie ihre Laute zu
Accorden der Gottesverehrung auszuweben. In ihrer Jugend-
frische und Manneskraft standen die gewaltigen Bäume, welche
jetzt das Material für die Chorstühle bilden, droben in der
Bodenseegegend, sie blickten auf die Wasser des schwäbischen
Meeres und schauten hinüber zu den himmelanstrebenden
Alpen; beim Wehen des Windes und beim Toben des Stur-
messtrugen sie bald leise, bald laut einen Hymnus auf die
Macht des Schöpfers zu den Höhen des Himmels empor.
Jetzt sind diese Baumriesen schon zweihundert Jahre lang tot,
aber'auch nach ihrem Versterben können sie das Gotteslob
nicht lassen. Auf ihr alterndes, vom Wurm schon stark be-
nagtes Gebein ist ein Lied zum Lobpreise des Allerhöchsten
geschrieben. Dessen Töne schwinden und sterben nicht, son-
dern schon seit Jahrzehnten und Jahrhunderten strömen sie
fort.' Aus dem Chorstuhlwerke quellend, haben diese Töne der
Andacht ehedem die weißen Mönche von Soreth gehoben und
erbaut, wenn dieselben zu ihren Gebetssitzen traten, um die
Horen zu singen und ihre Andachtsergüsse mit jener GotteS-
huldigung zu vereinigen, welche schon Jahrtausende lang aus
der gesamten Schöpfung im Himmel und auf Erden her-
vorgeht. Aus dem Chorgestühle, als einem künstlerischen
Miniaturbilde des Universums, erklang ihnen ein eigenartig
schönes, von der Kunst intoniertes geistliches Weltkonzert zu
Ehren Gottes.

1 Wohl den Söhnen und Töchtern der Jetztzeit, besonders
den Gliedern der Pfarrgemeinde Schussenried, wenn auch sie
recht oft und wohlbereitet an diesem Orte des Gebetes er-
scheinen! Wohl ihnen, wenn sie kvmmen als gottgesegnete
Sonntagskinder mit feinfühligem Christenherzen. und zart-
besaitetem Christengemüte, hinreichend geeigenschaftet, um die
Stimmen der Geister der Andacht aus dem Chorgestühle

heraus zu vernehmen! Mögen recht viele Kirchenbesucher
der Gegenwart durch einen Blick ans das Chorgestühl er-
muntert werden, auch ihrerseits zur steten Wiederholung und
Verwirklichung des hundertfünfzigsten Psalms beizutragen!
(In diesem Psalm hat ja der König David eindringlich zum
Gotteölobe ermuntert). Dann wird immer mehr jener Wunsch
zur Wahrheit, welcher als letzter von allen auS den Saiten
der frommen königlichen Davidsharfe klang. Der Wunsch,
welchen wir meinen, lautet: „Alles was Odem hat, lobe den
Herrn!" (Psalm 150, 6).

Rückblicke auf das Nrrhivwesen einst und jelst.

Von Rcnz-Regensburg.

Wohl kaum ein anderer Zweig der modernen Wissen-
schaft dürfte einen so hervorragenden Aufschwung genommen
haben, als ihn in den letzten Jahrzehnten die Archivkundc
erfahren hat.

Es ist noch Zar nicht so lange her, da wußte der sich
mit historischen Studien und Forschungen Befassende nicht,
auf welche Art und Weise er sich das benötigte, urkundliche
Material beschaffen sollte, dessen er dringendst bednrfte, um
ein vor dem Forum der Geschichtswissenschaft bestehendes Werk
edieren zu können. In den meisten Fällen war er nur auf
die für seine Arbeit einschlägige, bereits gedruckte Litteratur
angewiesen, höchst selten fand er ein Archiv, dessen Vorstand
ihm in loyaler Weise mit Nat und That an die Hand ging
oder gar ihm aus der Fülle seiner Urkundenschätze spärliche
Bruchstücke znkommen ließ. Gingen ja doch in übertriebener
Aengstlichkeit und tadelnswertestem Egoismus manche Archive
so weit, auf alle diesbezüglichen, wissenschaftlichen Anfragen
entweder überhaupt nicht oder in möglichst lakonischer Kürze
Bescheid zu erteilen, so daß der Fragesteller genau so viel
wußte als zuvor. Andere Archive blieben ex principio jeg-
licher Forschung ganz und gar verschlossen, wieder andere
waren nur den Angehörigen einer bestimmten Kaste zugängig
und, last not least, noch andere nur auf Grund weitgehendster
Protektion benützbar.

Daß eine derartige, oft recht einseitige und nur von
rein individuellen Gesichtspunkten dirigierte Amtspraxis der
eigentlichen Bestimmung und dem Zweck der Archive, als Auf-
bewahrungs- und Konservierungsorte von Dokumenten vergange-
ner Jahrhunderte für spätere Generationen zu dienen, schnurstracks
entgegenlief, bedarf keiner weiteren Ausführung. Naturgemäß
wurde dadurch bis in die neueste Zeit herein die historische
Forschung, insbesondere diejenige auf spezialgeschichtlichem Ge-
biete für manchen nahezu lahnigelegt oder doch so behindert,
daß seine Bestrebungen gewöhnlich über die ersten Anläufe
nicht hinauskamen. Es war dies um so bedauerlicher, als
mancher jungen, strebsamen Kraft durch diese unbegreifliche
Engherzigkeit die Flügel derart beschnitten wurden, daß sie
entmutigt und erbittert ein anderes Feld der Thätigkeit zu
suchen sich veranlaßt sah, und doch bilden gerade die Ergeb-
nisse spezialgeschichtlicher Studien die einzelnen, wichtigen
Bausteine, mit denen das ganze Gebäude der Geschichtswissen-
schaft zu einem herrlichen Ganzen sich ausbauen läßt. Eine
Ansicht, mit der die ersten historischen Autoritäten durchaus
einig gehen.

Geradezu bahnbrechend ist in dieser Nichtnng das Ober-
haupt der katholischen Christenheit Papst Leo XIII. vor-
gegangen, indem er das bisher unzugängliche, geheime vati-
kanische Archiv der historischen Forschung freigab und selbst
die Herausgabe von Papsturkunden durch Angehörige des
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