Beilage zum Diözesan-Archiv von Schwaben — 1894

Page: 1
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dioezarchivschwab_beil1894/0001
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile


cilagc zum Möpsan-Archiv

.ir. o.

von Schwaben.

«•

Nus eiurm schwäbischen Reichsstiste im vorigen
Jahrhundert?)

Von Amtsrichter a. D. Beck.

Den Mittelpunkt, von welchem aus Nah und Ferne sich
die nachfolgend miigcteilten Begebenheiten abwickel», bildet die
im Herzen von Oberschwaben nicht unschön gelegene ehemalige
Prämonstratenser-Reichsabtei Schussenried. Noch jetzt bieten
die vorhandenen, nnnmehr in eine Irrenanstalt umgewandelten
Klostergebäude einen ebenso stattlichen als srenndlichen Anblick
dar. Im Jahre 1183, in einer glaubensstarke» Zeit, in
welcher so viele andere Gotteshäuser in Oberschwaben, im
Klosterwinkel des heiligen römischen Reichs Deutscher Nation
entstanden, von den Herren von Schussenried, den Brüdern
Konrad und Berengar, den letzten ihres Stammes, gegründet,
hatte sich das Kloster ans kleinen Anfängen' trotz vielfacher
Anfeindungen, Stürme und Bedrängnisse namentlich im Dreißig-
jährigen Kriege, wo eS gänzlich eingeäschert und ruiniert dem
Untergange nahe schien, nach und nach bis zu einem reichsnnmittel-
baren Stifte mit einem Gebiete von gegen 4000 Unterthanen
und beträchtlichen Einkünften emporgeschwungen und hätte im
Jahre 1883 die Feier seines 700 jährigen Bestehens zu be-
gehen gehabt, wäre es nicht 80 Jahre zuvor, im Jahre 1803,
der allgemeinen großen Säkularisation verfallen. Gleichwohl
ist der Jahrestag seiner Gründung nicht spurlos an seinen
Mauern vorübergegangen; der ganze Ort, welcher seine Exi-
stenz mehr oder weniger dem Kloster zu verdanken hat, ließ
es sich im Zeitalter der Jubiläen nicht nehmen, den Gedenk-
tag am uralten „Mangenfeste" (den 9. September 1883),
mit welchem die Erinnerungsfeier sinnig verbunden worden,
festlich zu begehen und glaubte damit, wenn auch das Stift
seiner früheren Bestimmung entfremdet, nur einen Akt der
Pietät zu erfüllen; über die Art und den Verlauf dieses hi-
storischen Festes, sowie hauptsächlich über die Geschichte des
Klosters selbst giebt eine eigens zu diesem Zwecke vom Ver-
fasser dieses (Stuttgart im Selbstverläge, 1883) erschienene
Festschrift, ein Auszug ans einer größeren Arbeit des Ver-
fassers, näheren Aufschluß, ans welche sowie auf die in diesen
Bl. (I, S. 32, 46/47; II, S. 7/8, 13—15, 47/48; III,
S. 92/93; IV, S. 7/8, 11 — 13; IX, S. 93—96; X, S. 1/2,
20, 27 re.) gleichfalls vom Verfasser dieses erschienenen Nachträge
wir in der Folge denjenigen, der sich für die Geschichte näher
interessiert, zu verweisen uns erlauben. Was wir hier post
lostum bieten, ist dem interessanten, noch nicht benützten
Tagebuch eines Schnsscnrieder Mönches entnommen. Es ist
die zwar an sich noch nicht so entlegene, aber nichtsdesto-
weniger uns schon ziemlich ferne stehende und fremd anmu-
tende Zeit des 18. Jahrhunderts, und zwar das vierte, fünfte
und sechste Dezennium desselben, welche diese Aufzeichnungen
eines Schnsscnrieder Mönches umfassen — also unter den
sechs Jahrhunderten schnssenriedscher Geschichte nicht die un-
interessanteste Epoche, in welcher die größten Gegensätze dnrch-

0 Erstmals in der „(Fauchers) Vierteljahrsschrift für Volks-
wirtschaft, Politik und Kulturgeschichte", XXIII. und XXIV. Jahrgang
(bezw. 92. Bd.), IV. Bd. S. 32—64 und I >3—152, Berlin, Verlag
von F. A. Herbig, 1886 erschienen; folgt nunmehr etwas erweitert.

und nebeneinander hergingen, in welcher man wohl viel aus
Formen gab, aber doch wieder zu leben verstand und leben
ließ, in welcher alles durcheinander gährte und schließlich alles
auch drunter und drüber ging. Darum ist daö Jahrhundert
der Kontraste auch reich an sog. intimer Geschichte, und gerade
darin besteht der Vorzug der uns vorliegenden Tagebuchblätter,
daß sie uns nicht nur einen Blick in das Innere eines der
vielen Mikrokosmen der früheren Zeit thnn lassen, sondern
daß sie uns auch eine ziemliche Ausbeute über daö „intime
Leben" jener Tage gewähren. Derlei intime Aufzeichnungen
ans der Klosterzelle, welche im vorliegenden Falle gewisser-
maßen auch zur Ergänzung und Vervollständigung der ohne-
dies bloß bis zum Jahre 1733 reichenden, mehr von den Be-
sitztümern und Erwerbungen handelnden Schnsscnrieder Haus-
chronik dienen mögen, sind von nicht zu unterschätzender Be-
deutung für die Kulturgeschichte und dazu so sehr selten, daß
wir dem Reize ihrer (wenigstens teilweise») Veröffentlichung
nicht zu widerstehen vermochten. Wir haben bei Wiedergabe
dieser Memoiren, wenn wir sie so bezeichnen dürfen, nicht
weiter als nötig war, die nachbessernde, bezw. verarbeitende
Hand angelegt, dem schreibseligen Erzähler, soviel als thnn-
lich, selbst daö Wort gelassen, so daß die ursprüngliche Nieder-
schrift und naive Darstellung desselben möglichst erhalten
blieb; nur haben wir eine freie geordnete Gruppierung ge-
wählt und ab und zu zum Teil auch noch nach anderen
Quellen uns erlaubt, sowohl zur Bereicherung oberschwäbischer
Kulturgeschichte, als auch um einer gewissen Monotonie, welcher
solche Einträge, wenn sie reichhaltig sind, unwillkürlich manch-
mal verfallen, zu entgehen, einige kulturhistorische Exkurse
über dies und das, hauptsächlich über daö „G'spiel" und
sonstige zeitgemäße Reflexionen einfließen zu lassen, im übrigen
uns aber aller erklärenden Bemerkungen möglichst enthalten.
Neben vielleicht hin und wieder weniger bedeutendem, wo-
von wir übrigens manches weggelassen haben, wird doch
jeder Freund oberschwäbischer Geschichte etwas finde», das ihn
anzieht; namentlich aber wird diese Sammlnng einen wert-
vollen Beitrag zur Lokalgeschichte und jedem Liebhaber histo-
rischer Kleinmalerei einen höchst wertvollen Stoff bieten, ans
welchem sich leicht ei» ungemein anschauliches Bild von dem Leben
und Treiben eines kleineren schwäbischen Reichsstifts, und wie
es in einem solchen zuging, im vorigen Jahrhundert gewinnen
läßt. Der Chronist, dessen Person (es ist ein ?. Pankraz
Nothelfer (g- um 1756) ans dem Neichsstädtchen Pfnllendorf,
dessen Aufzeichnungen dann der nachmalige Subprior und
Novizenmeister Joh. Nepomuk Stampf ans Neichenhofen
(7 um 1777) in ein Ganzes znsammcntrng) eine zu beschei-
dene Rolle einninnnt und beinahe ganz verschwindet, ist ein
intelligenter, aufmerksamer Beobachter und berichtet nicht allein
über alltägliches, über das Wetter, die Jahresaussichten, Holz-
und Fruchtpreise rc., sondern er betrachtet auch das Kloster-
leben mit seinem wohlhäbigen behaglichen Dasein, aber auch
mit seinen unvermeidlichen Widerwärtigkeiten, das Thun und
Lassen seiner Ordensbrüder und Landsleute, das Treiben der
damaligen vielen kleinen Potentaten, das gesellschaftliche Leben,
die engbegrenzten Verhältnisse der damaligen Zeit mit ihrem
Zopf und ihren Sonderbarkeiten, die nicht immer erfreulichen
loading ...