Beilage zum Diözesan-Archiv von Schwaben — 1894

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rir.

eilage ;um

6.

von Schwaben.


Nus eiurm schwäbischen Meichsstifte im vorigen
Jahrhundert.

Von Amtsrichter a. D. Beck.

^ (Fortsetzung.)

(Nachtrag zu Seite 19: Ebenso bestand in der
Reichsstadt Leutkirch von älteren Zeiten her ein Theater;
so berichtet z. B. d>r zu Lentkirch 1591 geborene, in Ulm
1667 -s, bekannte Mathematiker, Architekt und Ulmer Rats-
herr Jos. Fnrtenbach, der Inhaber einer damals weit-
berühmten Kunstkaunner, in seiner Autobiographie: „.

Am 23. Oktober 1652 waren die bürgerlichen Komödian-
ten von der Stadt Lentkirch (des alten Josephen Lands-
leut) allhie (sc. in Ulm); welchen der Joseph sein großes
theatrum der Komödien sammt sehr vielen Kleidern zu
gar billigem Preise zu kaufen gab, also daß eö eine große
Wagenlast mit vier Pferden nach Lentkirch zu fahren
erforderte, womit in des Josephen Heimat eine immer
denkwürdige memoria gemacht wurde." Als Merkwürdigkeit
wäre weiter noch anzuführen, daß in Lentkirch am 3. Sep-
tember 1797 von Unteroffizieren der Condeschcn Truppen
eine Komödie: „O'orpheiin cie la Chine" gegeben wurde.
Später war der Raum unter den Rats- und Amtszimmern
zu einem städtischen Theater eingerichtet, in welchem in den
1830er Jahren ein „Liebhabertheater" von Zeit zu Zeit
dramatische Vorstellungen gab. Auch die Reichsstädte Wan-
gen und Jsny, sowie die vorderösterreichischen Städtchen
Sanlgan und Riedlinge», besaßen ihre eigenen Theater.
Erstere ließ in den 1830er Jahren in einem städtischen Ge-
bäude, in dessen untern Räumen der Feuerlöschapparat anf-
bewahrt wurde, dem sogenannten Spritzenhaus mit sehr li-
beralem Aufwand das schon seit längerer Zeit daselbst be-
stehende Theater neu einrichten, dessen wohlgegliederte Ma-
schinerie und hübsche Dekorationen daö Werk einiger kunst-
fertigen Bürger von Wangen waren; in demselben produzierte
sich um jene Zeit bisweilen eine „Liebhabertheatcrgesellschaft.")

Unter den Mitteln zur Hebung der dramatischen Kunst
in Volkskreisen denkt man vor allem an folgende: Möglichst
genaue Orientierung über die Ausdehnung, Geschichte, Ge-
staltung, Charakter und Bestand der schweizerischen Volks-
bühne; Aufstellung einer bezüglichen Statistik; Prcisanö-
schreibnng für die Schaffung nationaler Dramen, historischer
Trauer-, Schau- und Lustspiele, sowie für Begründung
einer Volksoper mit Einleitungs- und Zwischenmusik und
Chören; Gründung einer Bibliothek für die Interessen des
nationalen Schauspiels; Ermöglichung der Abhaltung von
Vorträgen in den Bühnenvcreincn über Welt- und Schwei-
zergeschichtc, Litteratur- und Kunstgeschichte, Vortrags- und
Schauspielkunst, Kvstümknnde und Dekorationswesen, Grün-
dung eines Volkstheatcrfonds, ans welchem vorzügliche Ver-
eine unterstützt werden könnten; Beschaffung von Bnndeö-
und Kantonsbeiträgen; vieljährige und unausgesetzte Leistungen
von Liebhaber- oder Volksbühnen ans dem Gebiete des Vvlks-
schanspiels und der Oper sollen durch Diplom oder durch
Honorar ausgezeichnet werden. Damit will man hauptsächlich
ans möglichst decentralisierendcm Wege überall in schweizeri-

schen Landen den dramatischen Geist wecken, das Volksschan-
spiel znm Gefäß patriotischer Gesinnung machen und damit
veredelnd auf den Sinn des Volkes und namentlich auf die
Gestaltung der Volksfeste wirken.

Als dann auf die langen, schier nicht enden wollenden
Kriegsläufe wieder Zeiten politischer Ruhe und Stille kamen,
erwachte auch in Oberschwaben der dramatische Knnsttrieb
wieder ei» wenig und trat die alte tief im Volke wurzelnde
Neigung zu scenischen Darstellungen etwas hervor, war daö
G'spiel doch zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen; und
zwar begann jetzt die Periode der sog. „Liebhabertheater"; von
oben kam man aber der Sache nicht gerade aufmunternd ent-
gegen; eher bereitete man hie und da noch Schwierigkeiten.
Solcher Liebhabertheater hatten sich sehr viele in Oberschwaben,
u. a. in Schussenried, wo man noch bis in die 1840er Jahre
in einem Gelaße des neuen Klosters z. B. das Ritterschan-
spiel „Johanna von Montfaucon", „Die Räuber auf Maria
Kulm" , „Die Mühle bei Ancrstädt" , „Der Wald bei Her-
mannsstadt" , „Liebrecht und Hörwald", „Die Qnäcker",
„Zahnarzt Gribnö" rc. spielte und wo heute noch ein klei-
ner Rest davon übrig ist; in Altshansen (woselbst im Win-
ter 1861/62 „Wallensteins Lager" aufgeführt wurde), Haid-
gan, Unterschwarzach, Gaisbeuren, Haisterkirch, Hnmmertsricd,
Osterhofen, Gebrazhofeu, Tannheim, Aichstetten k. gebildet.
Am Bodensee unter den munteren „Seehasen" waren es vor
allen die I m rit enstaader, welche viel Lust und Liebe für
Theaterspiele hatte» und unter großer Teilnahme der ganzen
benachbarten Gegend während des Karnevals Lustspiele und
Possen aller Art aufführten. In den Landorten waren die
Darsteller Dilettanten aus den Kreisen der herangewachsenc»
Dorfjngend, und wurden die Vorstellungen, soweit es nur die
Jahreszeit und Witterung erlaubte, meist unter freiem Him-
mel , sonst in Scheunen oder Wirtslanben gegeben. Die
Stoffe waren, soweit sie nicht religiösen Inhalts waren,
meist dem romantischen Rittertum des Mittelalters, der Ge-
schichte der Vorzeit oder der Legenden- und Sagenwelt ent-
nommen; in allen diesen Vorstellungen spricht sich stets eine
liebenswürdige Anhänglichkeit an die Religion oder an die
frühere Geschichte ans. Dann rückte die Zeit der Licder-
kränze, Gesang- und Turnvereine heran, durch welche daö
„G'spiel" in Hintergrund gedrängt wurde. Es kamen die
Vorwehen der neuesten Zeit, die Bewegungsjahre 1848—49;
und folgten so viele gewaltige politische und soziale Ver-
änderungen nach und auch unverhältnismäßig rasch auf ein-
ander, welche mehr oder weniger ihre Nachwirkungen ans daö
soziale Leben äußerten und dem gemütlichen geselligen Wesen
starken Eintrag thaten. Der durch die großen politischen
Veränderungen gesteigerte Trieb nach menschlicher Association
ließ mit „den Brettern, die die Welt bedeuten", nicht mehr
vorlieb nehmen, nahm eine mehr praktische Richtung an und
rief die Sucht, selbst am politischen Leben mehr Anteil zu
nehmen und infolgedessen die übermäßige Ausbildung — wir
dürfe» füglich sagen, das Ueberhandnehmen — des Vereins-
wesens hervor. So ist uns nur noch ein kleiner Rest von dem
einst so großen Volkstheater geblieben; da und dort flackert
der theatralische Schimmer und Flimmer wieder ans, und fast
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