Eggers, Friedrich [Editor]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 1.1850

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welchen sich der Künstler zum Vorbilde genommen haben mag.
Mehr allgemeinen Charakters ist das Gesicht des Arztes, wel-
cher auf der andern Seite des Krankenbettes als Rathgeber für
das Leibliche den Gegensatz zum Seelenarzte darstellt. Er
hält ein Glas ans Licht empor und scheint, den Kranken auf-
gebend , nur noch die chemische Ursache des Todes erforschen
zu wollen: eine in der That prophetische Hindeutung auf die
neuere Medicin, welche, je mehr sie die verwickelten Entste-
hungsursachen der Krankheiten und die Tiefen der Natur ahnen
lernt, sich um so deutlicher von der Ohnmacht künstlicher
Hülfe überzeugt. — Auch die Facultät der Juristen ist nicht
vergessen, denn hinter dem Geistlichen sitzt ein Notar, wel-
chen das mit den Worten:
,Der Erblasser widmet Gott seine Seele, der Erde seinen
'Leib, den Anverwandten seine Güter"
beginnende Testament niederschreibt. Sollte er wirklich noch
nicht weiter geschrieben haben, so ist es zu spät, denn schon
schwebt die Seele über dem Sterbelager und betet:
„Wenn ich auch gesündigt habe, so habe ich doch dich, mein
Gott, niemals verleugnet!"
Dies ist freilich, da der alte Schmidtburg unten noch lebt, ein
Zeitwiderspruch, mit welchem man es jedoch bei älteren Malern
nicht so genau nehmen darf und welcher nach dem Plane der
theilweise sinnbildlichen Darstellung überhaupt nicht zu ver-
meiden war.

Die Seele Schmidtburgs befindet sich in grosser Redräng-
niss, denn von ihrer linken Seite fliegen drei Teufel gegen sie
heran und halten ihr Schuldzettel vor, in welchen:
„Die Sünden der Jugend, des Mannesalters und des letzten
Jahres "
verzeichnet sind, während rechts der hülfreiche Engel mit dem
Verzeichniss

„der guten Werke"
einen schwachen Gegensatz zu bilden scheint. Indess deutet
die segnende Hand desselben an, dass die. Seele Gnade finden
werde, üeber jene Sünden des letzten Jahres erhalten wir
näheren Aufschluss: denn unter dem Rachen der Hölle, welche
in Gestalt eines ungeheueren Wallfisches (wie eines vorwelt-
lichen Hydrarchos) dargestellt ist, krallt ein Teufel hervor und
schreit dem Sterbenden die bittern Worte zu:
„Du musst schier verzweifeln, da Du alle Gebote Gottes
nächlässig, die meinigen hingegen unter Mitwirkung dei-
ner Frau stets eifrig befolgt hast!"
lieber dieses plötzliche Intermezzo scheint (ein naiver mensch-
licher Gedanke) der andere Engel besorgt zu erschrecken,
welcher dem Geistlichen in der Beruhigung des Sterbenden
beisteht. Der alte Schmidtburg hatte sich also vermufhlich in
späteren Lebensjahren zum zweiten Male verehlicht und sich
zu manchen Schwachheiten verleiten lassen. Die junge schöne
Frau steht auf der rechten Seite des Krankenbettes (im Bilde
links) und betet für den Sterbenden, aber mit falscher Miene
und in Prunkkleidern, während zwei Männer (ihr Vater und
Bruder?) beschäftigt sind, die Geldkasten Schmidtburgs auszu-
leeren, bevor dieser die Augen geschlossen hat.

Dr. Schmidtburg (der Sohn) war also vielleicht durch die
Stiefmutter und deren Anhang aus des Vaters Hause verdrängt
und ein Theil des väterlichen Vermögens verschwendet oder
spgar veruntreut worden. Gleichwohl wünschte er ein Anden-
ken an seinen zwar schwachen aber guten Vater zu besitzen
und bestellte daher bei Lucas Kranach das vorliegende Gemälde,
in welchem das betreffende Verhältniss zwar unverhohlen dar-
gestellt, die Seele des Vaters aber gerettet werden sollte. Es
lässt sich indess auch die Deutung des Bildes dahin modifici-
ren, dass man annimmt, der ältere Sehmidtburg habe noch vor

dem Ableben seine Fehler bereut und eine Begräbniss-Capelle
gestiftet (welche man im obern Abschnitte erblickt), so dass
das Gemälde in Folge seiner Verordnung oder doch im Sinne
derselben bestellt und vielleicht in der Capelle selbst angebracht
worden sei.

Die beiden Brustbilder an den obern Ecken des Gemäldes
haben ein so entschiedenes Familiengepräge, dass sie als Por-
trait oder Copien zu betrachten sind. Unzweifelhaft stellt das
Brustbild linker Hand den älteren Schmidtburg dar, denn die
Aehnlichkeit mit dem Sterbenden ist nicht zu verkennen. Das
Brustbild rechter Hand scheint eine Schwester des Dr. Schmidt-
burg vorzustellen, denn ihr Profil ähnelt auffallend dem älteren
Schmidtburg (dem Kopf linker Hand). Uebrigens liegt die Ver-
muthung nahe, dass der Dr. Schmidtburg ein Mitglied des Leip-
ziger Rathes gewesen, und dass; weil er nur eine Tochter hin-
terliess, oder die Stiftung einging, das Bild später an die
Rathsbibliothek gelangt sei.

Das Museum der Stadt Leipzig besitzt in diesem Gemälde
ein so eigenthümliches und seltenes Kunstprodukt Meister Kra-
nachs, dass ihm schwerlich ein ähnliches zur Seite stehen
dürfte. Es ist einerseits eine religiös-moralische, andererseits
eine dramatisch - satyrische Darstellung, welche an die soge-
nannten Mysterien erinnert, aber schon eine freiere Richtung
des Glaubens bekundet. Die Seele gelangt nämlich nach der
Trennung vom Körper nicht erst an einen Zwischenort (Fege-
feuer), sondern unmittelbar in die Nähe des ewigen Richters,
und ihr Schicksal wird nicht erst nach langem Todesschlafe bei
der Auferstehung, sondern sofort entschieden. Es stellt sich
an dem Bilde recht lebhaft der schöne Gedanke dar, dass im
Reiche des himmlischen Vaters nicht unerbittliche Strenge, son-
dern auch Milde und Barmherzigkeit walte, und die Fürsprache
der Heiligen erscheint mehr wie das freundliche Entgegenkom-
men der durch Tugend verwandten Seelen. Die Verbildlichunsr
des Uebersinnlichen ist freilich im Geiste der Zeit daro-estellt,
macht aber auch jetzt noch auf den fühlenden Beschauer einen
tiefen Eindruck, indem sie das ernste Todtengericht veran-
schaulicht, vor welchem jeder Sterbliche einst erscheinen muss.

Versetzt man sich aber besonders in die Zeitvorstellun«-
Lukas Kranachs, so verdient derselbe um so grössere Aner-
kennung für die sinnvollen Gedanken und zarten Empfindungen,
welche er in sein Gemälde zu legen gewusst hat. Das schönste
Gesicht darin ist in Form und Farbe das der jungen Frau,
welche am Sterbebette betet. Es liegt in ihm die verführe-
rische äussere Schönheit, welche zuweilen auch das besonnene
Alter berückt und zur Thorheit verleitet, zugleich aber auch
die Falschheit des Herzens und das bittere Bewusstsein, wel-
ches eine Folge innerer Zwietracht ist. Welche vertrauensvolle
Güte und Seelenruhe wohnt dagegen in dem Angesicht der
Maria und mit welcher innigen Herzlichkeit bitten die himmli-
schen Fürsprecher in beiden Gruppen für die unbekannte Seele,

als ob es ein geliebter Bruder oder trauter Freund sei.__Gotl-

Vater ist etwas streng dargestellt und im Christuskopf mehr
das Leiden des Kreuzestodes veranschaulicht. Die Gesichter
der Engel sind zu feist und tragen ein gleichförmiges Gepräge,
wie auch der Notar und Arzt. Dagegen ist in der Physiogno-
mie des Geistlichen der Ernst des heiligen Berufs, und gegen-
sätzlich in dem Manne, welche die Truhe aufschliesst, die un-
berufene Heillosigkeit treffend ausgedrückt. Im Sterbenden
giebt sich der ängstliche Eifer kund, mit welchem er die letzten
Tröstungen ergreift, und vorzüglich gelungen ist der Ausdruck
der Seele, welche, während sie sich betend zu Golt aufschwingt,
mit bitterer Reue auf das vorgehaltene Verzeichniss ihrer Sün-
den hinblickt.

Im Einzelnen offenbart sich der ganze Fleiss, welcher dem
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