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Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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https://doi.org/10.11588/diglit.44415#0154
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ziert und nach Plänen von Mewes mit Ziegel-
wänden ummantelt. Als hauptsächliches Glie-
derungselement fungieren die hohen schlitz-
artigen Fensteröffnungen, die zur Belichtung
der riesigen Halle nicht ausreichen; das Be-
leuchtungsproblem ist in der Dachzone mittels
„Oberlichtkästen“, die sich über Seiten- und
Mittelschiff schieben, gelöst.
Die Gebäude der Hanomag dominieren in
weiten Abschnitten den Stadtteil Linden-Süd.
Sie zeugen von der Bedeutung, die die Eisen-
verarbeitung für Linden hatte; sie zeugen
gleichzeitig von dem zweifelhaften Auf-
schwung durch Aufrüstung und Kriegspolitik.
Abgesehen davon stellen sie hervorragende
Beispiele der Industriearchitektur des späten
19. Jh. und der 1. Hälfte des 20. Jh. dar.
ÖSTLICH DER DEISTERSTRASSE
Von der Deisterstraße nahe dem Schwarzen
Bären abzweigend erschloß zum Beginn des
19. Jh. ein Weg die Weideplätze in der Linde-
ner Aue (heute Auestraße), ein weiterer führte
wahrscheinlich seit Jahrhunderten nach dem
südlich liegenden Ricklingen (Ricklinger Stra-
ße). Am nördlichen Abschnitt dieser beiden

Wege fanden sich bereits zur Zeit der Verkop-
pelung einige Gebäude, bei denen es sich um
z.T. schmucke Gartenhäuser hannoverscher
Bürger handelte. Später wurden hier auch Vil-
len errichtet (z.B. durch J. Egestorff). Von die-
sen vergleichsweise anspruchsvollen Gebäu-
den blieb zwischen mehrgeschossigen Miet-
wohnhäusern der Jahrhundertwende bzw.
des 20. Jh. auf verkleinertem Grundstück nur
Ricklinger Straße 40 erhalten. Mit der schma-
leren „Seitenfassade“ in der westlichen Stra-
ßenfluchtlinie stehend, richtet sich das Ge-
bäude mit seiner Gartenfront nach Süden, die
Erschließung erfolgt von Norden (heute Bau-
wich). Die symmetrischen Fassaden umfas-
sen drei bzw. fünf Achsen mit glatt einge-
schnittenen Fenstern. Über dem gleichmäßig
gequaderten angeböschten Kellersockel mit
halbrunden Öffnungen erhebt sich der zwei-
geschossige kubische Putzbau mit Walmdach
(dieses durch Zwerchhaus im letzten Viertel
des 19. Jh. verändert), dessen strenge Glie-
derung vertikale und horizontale Elemente
kombiniert: umlaufende Gesimse - beson-
ders reich das Dachgesims mit Konsolfries -
und betonte Quaderung der Gebäudekanten
durch Lang- und Kurzwerk. Während die

Göttinger Straße 58, Wohn- und Charlottenstraße 23/25, Wohnhaus
Geschäftshaus, um 1908


Wand des Erdgeschosses eine zarte Fugen-
struktur zeigt, ist das Obergeschoß glatt ge-
putzt. Sowohl hinsichtlich des Baukörpers als
auch des differenzierten Mauerreliefs und der
Details erinnert das Gebäude an das städti-
sche Krankenhaus an der Deisterstraße (ver-
loren, s.o.) von Andreae; es dürfte um 1835
gebaut sein und repräsentiert neben Deister-
straße 31/35 die klassizistische Baukunst in
Linden.
Wie schon die Nachbarhäuser vermuten las-
sen, wurde im 19. und 20. Jh. der Typ „Villa“
vom Mietwohnungsbau für bescheidene An-
sprüche verdrängt. Die Umwandlung des Gar-
tenvorortes begann 1845 mit der Initiative von
Haspelmath und Behnsen, die die Charlotten-
, Behnsen-, Wessel- und Haspelmathstraße
anlegen ließen. Sie spekulierten auf das Inter-
esse der Arbeiter der Egestorffschen Fabriken
(s.o.), sich in der Nähe der Arbeitsstätten an-
zusiedeln. In der Folgezeit weitete sich etwa
synchron zur Expansion der Fabrik der Wohn-
bereich in Linden-Süd aus, der traditionell „im
Schatten“ der Hanomag verbleibt, ein Ein-
druck, der sicher durch den Geländeabfall und
die erhöhte Lage der Fabrik unterstützt wird.
Wegen der direkten Konfrontation zeigen die
Gebäude an der Göttinger Straße eindrucks-
voll diese städtebauliche Situation. Selbst das
etwa 1908 errichtete, immerhin fünfgeschos-
sige, durch Lage und Ausstattung mit Erkern
und Dachgestaltung relativ anspruchsvolle
Eckgebäude zur Behnsenstraße (Göttinger
Straße 58) unterliegt diesem Größenverhält-
nis, das die sozialgeschichtlichen Zusammen-
hänge spiegelt.
CHARLOTTENSTRASSE UND
QUERSTRASSEN
Zunächst baute man kleine einstöckige Fach-
werkhäuser vor allem in der Wessel- und
Behnsenstraße, die inzwischen längst abge-
räumt sind. Eine gewisse Vorstellung von die-
sen bescheidenen Behausungen gewinnt
man durch Charlottenstraße 32: Abgesehen
von der Zweistöckigkeit zeigt dieses um 1850
errichtete Gebäude hinsichtlich Material
(Fachwerk) und Grundriß - vom Hausflur be-
tretbar Stube und Küche, dahinter zwei
schmale Kammern - beispielhaft die Merk-
male dieser dörflich wirkenden Bebauung.
In der Charlottenstraße, die den Anschluß des
Wohngebietes nach Linden herstellte, erfolgte
die Besiedlung von der Deisterstraße ausge-
hend auf der Westseite vor 1854; 1890 hatte
die Bebauung auf beiden Straßenseiten die
Behnsenstraße erreicht. Bis zur Sanierung
von Linden-Süd bildeten die im 3. Viertel des
19. Jh. entstandenen Gebäude einen ge-
schlossenen Bereich kleinbürgerlichen Woh-
nens in durchweg zweistöckigen traufständi-
gen Putzbauten; von drei (Doppelhaushälfte
Nr. 25) bis sieben (z.B. Nr. 2,11), meist jedoch
wohl fünf (z.B. Nr. 6, 23, 59) Fensterachsen.
Vereinzelt sind die Satteldächer durch
Zwerchhäuser erweitert (Nr. 4). Meist erfolgt
die Erschließung über eine Treppe vorn in der
Mitte. Die Fassadengliederung beschränkt
sich auf die Hervorhebung des Kellersockels,
der Sohlbänke und des Traufgesimses, teil-
weise wird auch ein sparsam profiliertes
Stockwerkgesims benutzt.

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