Fliegende Blätter — 36.1862 (Nr. 861-886)

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Ein vortheilh

den hatte, eben zu erlauben. Löwensohn, der Louis als Com-
mis der Firma kannte und glaubte, daß er vielleicht eine
frische Probe holen wollte, gab ihm das Döschen, ohne etwas
anderes dabei zu denken; kaum aber hatte es Louis in Hän-
den, als er laut rief:

„Dieser Pfeffer ist nicht mehr zu haben; ich habe so
eben die ganze Parthie verkauft!"

Dieses Wort von Louis schien die drei Kaufleute in
ihrem brennenden Eifer mit einer eiskalten Fluth von Unmuth
zu übergießcn. Den beiden Compagnons stiegen die Haare
zu Berge, als sie daran dachten, daß Louis die Ordre von
ihnen hatte, den Pfeffer mit 55 loszuschlagen. Glauberland
fiel vor Schreck beinah von seinem Drehstuhle, und Blumen-
feld biß sich fast die Zunge blutig. Löweusohn, obgleich er
sich sehr gut zu beherrschen verstand, konnte doch seinen Ver-
druß über die Täuschung nicht ganz verbergen, da ihm ein
so vortheilhaftcr Kauf entgangen war. Letzterer war der Erste,
der die Sprache wieder fand; denn eingedenk des Grundsatzes:

' „Zeit ist Geld," wollte er sich schleunigst nach einem andern
j Comptoir begeben, um wo möglich sein Geschäft zu machen.

I Mit den Worten: „Meine Herren, es thut mir außerordent-
lich leid, sowohl Jhrct- als meinetwegen, daß aus dem ersten
! Geschäfte, welches ich mit Ihnen zu machen hoffte, nichts ge-
worden; empfehle mich, meine Herren!" verließ Löwensohn das
Haus in eben so geschäftiger Eile, wie er dasselbe kurz zuvor
betreten hatte.

„Unglücksvogel! was haben Sie gethan?" rief Blumen-
feld endlich Louis zu, der inzwischen sich der angenehmen
Beschäftigung hingegeben hatte, eine Cigarre anzustecken.

„Ja," wiederholte Glauberland, „was haben Sie gethan?"

„Nun, wie gesagt, ich habe den Pfeffer verkauft."

„Und — zu — welchem — Preis?" fragte Blumen-
feld, indem er jedes dieser Worte einzeln herauspreßte, und
mit angstbeklemmtem Herzen die Antwort erwartete.

„Das will ich Ihnen erzählen, meine Herren!" erwiderte
Louis wohlgemuth. „Ich habe einen recht hübschen Preis
bedungen; der Pfeffer ist verkauft an Goldberger und Comp,
zu 72, und zwar gegen comptantc Bezahlung mit 1 Procent
Verlust."

Wenn Louis sich in diesem Augenblick aus einem bösen Geist
in einen Engel verwandelt hätte, konnte die freudige Uebcrra-
schung, womit ihn die Firma jetzt ansah, nicht größer sein.

„Louis," riefBlumenfcld, „Sie sind ein braver, geschick-
ter, gescheidter, schlauer Kerl! Louis, kommen Sie her und
geben Sie mir die Hand!"

„Und mir auch!" unterbrach ihn Glauberland, „wir
versprechen Ihnen, Louis, wir werden für Sie sorgen."

Und beide drückten Louis die Hände, als ob er eine
Reise nach dem Nordpol machen wollte.

„Aber," fragte Blumenfeld, „wie kamen Sie dazu, den
Pfeffer so auf einmal von 55 auf 72 zu bringen? Was in's
Himmels Namen geht denn mit dem Pfeffer vor? Wir wissen
von gar nichts."

ftes Geschäft.

„Das will ich Ihnen erzählen," antwortete Louis. „Ich
hatte erst zwei Wege gemacht, als ich meinem Freunde Berg
begegnete, der bei Löwensohn aus dem Comptoir ist. „Wet-
ter", sagte der, „was wird das heute in unserem Revier
zu thnn geben!" — „Wie so?" fragte ich, „was wird denn
so zu thun geben?" — „I, der Pfeffer," erwiderte er,

„eben ist eine Depesche von Hamburg gekommen, daß er zu
London vorgestern enorm gestiegen ist, und Ordre um große
Quantitäten zu 75 einzukaufen." So wie mir Berg das
gesagt- hatte, eilte ich sogleich nach dem Comptoir, was mir
am nächsten war, zu Goldberger u. Comp., und nach langem Han-
deln verkaufte ich die Parthie zu 72, und machte comptante
Bezahlung aus, weil ich wußte, daß Sie Cassa gut brauchen
können."

„Sic werden einmal ein zweiter Rothschild werden",
sprach Glauberland ernsthaft.

„Ich will es hoffen," antwortete Louis lachend. „In-
dessen hätte ich bald eine Hauptsache vergessen: die Herren

wünschen nämlich den Pfeffer noch heut Mittag abzuuchmen,
und es würde mich nicht wundern, wenn der Rollwagen schon
nach Ihrem Speicher gefahren wäre."

„Da werde ich sogleich hingehcn," sagte 'Blumenfeld,
„um selbst nach der Ablieferung zu sehen. Und Sie, Louis,
können heut Abend zum Lohne Ihres Fleißes auf unsere
Kosten in's Theater gehen."

„Ja wohl," sagte Glauberland, „gehen Sie auf die
Gallerte, da können Sie am besten sehen."

„Ich danke Ihnen herzlich", erwiderte Louis; „doch wenn
Sie es erlauben, meine Herren, möchte ich es vorziehen, mor-
gen Abend die Milanollos zu hören."

„Auch gut," sagte Blumenfeld. „Aber, was meinst Du,
Glauberland, wie wäre es, wenn wir alle Drei zusammen
hingingen? Ich habe schon so viel von den Wundermädchen
gelesen, daß ich sie wohl auch einmal hören möchte."

Glauberland stimmte ihm bei: „schön; morgen Abend

gehn wir zu den Milanollos. Denken Sie daran, Louis, bald
Billets zu besorgen." _

3. Ein genußreicher Abend.

Das Lokal war oben und unten zum Erdrücken voll von
Neugierigen, die alle gekommen waren, um die jungen Mila-
nollos zu hören, oder richtiger nicht sowohl um sie zu hören,
als um anderen Tages sagen zu können, daß man sie gehört
habe. Aber es befanden sich auch sowohl im Saale selbst
als auch vor demselben etliche hochbegabte Kunstrichter. Die
im Saale saßen meistens auf den ersten Plätzen, während
ihre draußen befindlichen Collegen eifrig bemüht waren, Re-
censionen für die Zeitschriften anzufertigen über ein Conccrt,
zu welchem sic sich bloß vor Anfang desselben begeben hatten,
lediglich um zu hören, ob auch kein unvorhergesehener Zwischen-
fall eingetreten sein möchte, der die berühmten Künstlerinnen etwa
am Auftreten verhindert haben könnte. Da solches glücklicher-
weise nicht geschehen war, machten sie sich ruhig an die Ar-
beit, indem sie ihren Geist anstrengten, um den Kunstgenuß
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