Fliegende Blätter — 36.1862 (Nr. 861-886)

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Mit dem Frühstücke in der Rocktasche erscheint Herr
Zipfelmann jeden Morgen präcis 5 Uhr auf dem Bauplatz,
um den Neubau seines Hauses zu überwachen. Auf dem
Bauplatze trinkt er Nachmittags seinen Cichorienkafsee und nach
Feierabend ist er dort noch bis zum Einbrüche der Nacht be-
schäftigt, verstreuten Sand und zerbröckelte Ziegelsteine zusam-
men zu kratzen.

Die biedern Maurergesellen, deren Thätigkeit und Ar-
beitsliebe männiglich bekannt ist, kümmerten sich eben nicht
viel um diese permanente Ueberwachung. Allein wahrhaft em-
pörend war es denn doch, daß Herr Zipfelmaun bei der grau-
samen Hitze keinen Tropfen stärkenden Getränkes verabfolgen
ließ und die deutlichsten Anspielungen in dieser Hinsicht gänz-
lich überhörte oder ihnen mit faden Witzen anszuweichen suchte.
Die Biedermänner ließen endlich jede Hoffnung schwinden, den
verstockten Bauherrn zu erweichen und gaben dem Bauplatze
den charakteristischen Namen: „De dröge Pütz."*)

Als nun aber eines Samstags Nachmittags die Hitze
auf's Acußerste und der Durst auf's Höchste gestiegen, da er-
grimmte der Palier, griff in seine Tasche und ließ auf eigene
Kosten einen Anker Bier durch den Handlanger herbcischaffen.
Das erste Glas leerte er dann spöttischer Weise auf das
Wohl des Herrn Zipfelmann; der aber ließ sich nicht lange
nöthigcn, sondern trat herzu und half den wackern Maurer-
gesellen ihr saures Bier vertilgen, bis das Fäßlein auf die i
Neige ging. Darauf verschwand er und ward an jenem Tage ;
nicht mehr gesehen. Ob dieser unnoblen Handlungsweise des
Bauherrn ward der Palier über die Maßen zornig, und
schwur, sich an Herrn Zipfelmann zu rächen und wenn er
auch darüber zur Stadt hinaus müsse. Der Breslauer meinte
zwar, er möge die Sache nicht so leicht nehmen, denn der
Zipfelmann sei schlau wie „der lebendige Deibel", allein der
Palier antwortete: „Laß mir nur jewähren, Kammrad, es is
immer noch ein Deibel über den Andern!"

Am andern Morgen warf sich der ,Palier in seinen
Sonntagsstaat, fuhr in die hohen, blankgewichsten^Trittlinge
(Stiefel) und drehte die schwarzen Locken in Korkzieherform
hinter den Ohren hervor. Darauf stülpte er den „Ober-
mann" (Hut) zünftig schräg auf den Kopf und schritt gera-
den Weges zu Herrn Zipfelmaun, gefolgt von dem Handlan-
ger, welcher einen alten Blechkastcn unter dem Arme trug.
Herr Zipfelmaun addirte just die Ausgaben der letzten Woche
als er die Beiden eintreten sah. Der Palier aber machte
ein strammes Gesicht, schlug mit der Rechten dreimal auf
seinen Blechkasten und hielt bedeckten Hauptes folgende Rede:
„Also mit Gunst! grüß Meister, Gesell'n und Bauherrn
und was sonsten die Ehre anbelaugt! — So haben wir ge-
stern Abend das Fundament des Hauses beendet bis auf den
Schlußstein, welcher soll gelegt werden am Montag Morgen
halber zehn und wird Herr Zipfeln-rnn eingcladen, alsdann
auf dem Baue zu erscheinen, um den üblichen Schlag mit
dem Hammer zu thun und was sonsten die Ehre anbelaugt—"
„Ich gebe nichts!" schrie Herr Zipfelmann, „ich gebe
keinen Heller, bis das Haus unter Dach ist!"

Der Palier ließ sich nicht irre machen, schlug abermals
mit der Hand auf den Blcchkasten, daß es klapperte, und
fuhr mit erhöhter Stimme fort: „Also mit Gunst! Wo an
dem Grund ist was versehen, da kann es über
Nacht geschehen, daß Hans und Mann zu Grunde
gehen! — Derentwegen wollten wir den Bauherrn erinnert
haben, das übliche „Memorandum" nicht zu vergessen. Zu
dem „Memorandum" aber gehöret nach altem Brauch und
Handwerksgcwohnheit, Erstens: Ein schriftlich Verzeichniß

der heutigen Marktpreise von Brod, Fleisch, Eiern, Kapau-
nen und sonstigen Fressalien. Zweitens: Von jeder gang-
baren Landesmünze ein Stück in natura, also: Ein gülden
Lujcdor, ein harter Silberthaler, ein 10-, 5- und 2^-Gro-
schenstück, und ein neuer blanker Kupferpfennig, so in diesem
Jahr geschlagen. Drittens: Eine Flasche 57er, hiesiges
Gewächs, eine Flasche Doppelbier aus hiesiger Stadtbrauerei

!) Der trockene Brunnen.

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Ein Teufel über dem Andern"
Weitere Titel/Paralleltitel
Serientitel
Fliegende Blätter
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Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

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Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Rauchen <Motiv>
Handwerker <Motiv>
Trinken <Motiv>
Gespräch <Motiv>
Bauherr
Karikatur
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Reproduktionstyp
Digitales Bild
Rechtsstatus
Public Domain Mark 1.0
Creditline
Fliegende Blätter, 36.1862, Nr. 869, S. 70
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