Klebinder-Gauß, Gudrun; Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Forschungen in Ephesos (Band 12,3): Bronzefunde aus dem Artemision von Ephesos — Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2007

Page: 105
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VII. Gürtel

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Hakenenden der Gürtel aus Ionien sind kürzer und breiter proportioniert und zeigen keinerlei Reminiszenzen
an die halbkreisförmigen Einziehungen an den Längsseiten des Gürtelbandes der älteren phrygischen Gürtel.
Wie die durch ihren Kontext gut datierbaren Funde von Emporio auf Chios zeigen, kommen in Ionien her-
gestellte Gürtel phrygischer Art bereits um 690-660 v. Chr. und besonders in der zweiten Hälfte des 7. Jahr-
hunderts vor718. Im Artemision von Ephesos stammen die Gürtelfunde nach dem derzeitigen Stand der strati-
graphischen Auswertung ebenfalls durchweg aus Schichten der zweiten Hälfte des 7. oder des beginnenden
6. Jahrhunderts; dem entspricht auch die stilistische Einordnung der Gürtel, die auf eine Datierung nicht vor
der Mitte des 7. Jahrhunderts hinweist. In jenen Schichten, die mit der Benützung des Peripteros und der
Rechteckbasis in Verbindung gebracht werden können, fanden sich keine Gürtel.
VI 1.6.2 Produktionszentren
Mit den Funden aus dem Artemision von Ephesos wird unsere Materialkenntnis zu den Gürteln phrygischer
Art beträchtlich erweitert: Davon ausgehend sollen im Folgenden einige Überlegungen zu einzelnen ionischen
Formengruppen und Werkstattkreisen angestellt werden719. Bei dem Versuch einer Gliederung und land-
schaftlichen Zuweisung muss jedoch stets die insgesamt immer noch geringe Zahl der bekannten Gürtel be-
rücksichtigt werden. Besonders ungünstig ist die Publikationslage im nordionischen Raum, wo ebenfalls ein
zahlreiches Vorkommen von Gürteln dieser Art zu erwarten wäre - die gut ergrabenen Fundplätze Ephesos,
Chios, Samos und Milet sind dadurch in gewisser Hinsicht überrepräsentiert. Wenn also hier versucht wird,
landschaftlich genauer zu differenzieren, muss bedacht werden, dass wahrscheinlich bedeutende Werkstatt-
kreise sowohl im westlichen Kleinasien als auch in Zentralanatolien bislang noch nicht zu fassen sind.
Einer gemeinsamen Werkstatt lassen sich sicherlich die unter VII.2.4 behandelten Griffbügel mit den ritz-
verzierten, kalotten- oder scheibenförmigen Abschlüssen zuweisen, die in Ephesos, Erythrai und Phana auf
Chios gefunden wurden. Dass diese Werkstatt wegen der umfangreichen Belege sogar in Ephesos selbst zu
suchen sein könnte, wurde bereits bemerkt. Auch unter den Gürtelzungen und Hakenenden aus dem Artemi-
sion konnten charakteristische Formen herausgestellt werden, die vornehmlich in Ephesos auftreten und
darüber hinaus nur vereinzelt belegt sind. Dies gilt vor allem für die Hakenenden, welche mit applizierten
Stiften und Buckelnägeln verziert sind720, sowie für die Gürtelzungen mit einem Dekor aus getriebenen Halb-
kugeln, verzierten Bändern und konzentrischen Ringrillen um die runden Durchlochungen721. Man wird also
sicherlich im Bereich von Ephesos einen eigenen Werkstattkreis annehmen dürfen, der charakteristische und
in diesem Raum besonders verbreitete Produkte hervorbrachte.
Einige Griffbügel aus Ephesos haben enge Entsprechungen unter den Funden aus Milet und Samos722: Wo
diese Griffbügel hergestellt wurden, ob auch Samos und Milet eigenständig Gürtel produzierten, muss vorerst
offenbleiben723.
Eine eigene Werkstatttradition lässt sich auch mit den auf Chios besonders zahlreich gefundenen Gürtel-
zungen und Hakenenden fassen, die in charakteristischer Weise mit gepunzten, zu Flechtbändern und Mäan-
dern angeordneten Punkten verziert sind. Unter den Griffbügeln aus Chios dominieren deutlich solche, die
eckig gebogen sind und kleine kegel- oder kalottenförmige Abschlussglieder haben. Außerhalb von Chios
sind diese Formen nur vereinzelt belegt724, sodass nach dem momentanen Kenntnisstand die Annahme eines

718 Boardman 1967, 214 ff. Bei einem der Periode II zugehörigen Griffbügel (Boardman 1967, Taf. 87, 275) könnte es sich nach
Boehmer 1979, 7 wegen der halbkreisförmigen Gestalt und dem Fehlen der Knöpfe an den Enden um ein phrygisches Erzeugnis
handeln; so auch Laner 1983. 194 Anm. 9, der zudem auch für den Griffbügel Boardman 1967, Taf. 87, 276 eine Herkunft aus
Phrygien in Erwägung zieht. Ein vergleichbarer Griffbügel stammt aus der Westnekropole von Samos und wird in die Mitte des
7. Jhs. datiert: Tsakos 1996, 124 Abb. 3. Eine Herkunft dieser Griffbügel aus einer phrygischen Werkstätte ist m. E. unwahr-
scheinlich.
719 Mit diesen Fragen setzte sich bereits Boardman 1961/62, 183 auseinander.
720 s. dazu zu den Hakenenden Kat. 732-736.
721 s. dazu zu den Gürtelzungen Kat. 738. 740-745. 748. 751. 754.
722 s. dazu Kat. 710, 2; 714. 715. 728. 729.
723 s. Anm. 716. 717. Ebbinghaus 2006, 207 vermutet weitere Herstellungszentren in Samos und Milet.
724 Zwei Gürtelzungen aus dem Heraion von Samos sind mit Mäander- bzw. Flechtbändern aus eingeschlagenen Punkten verziert:
Jantzen 1972, 52 Taf. 47, B 447. B 1328. Griffbügel der zuvor beschriebenen, eckig gebogenen Form sind auf Samos nicht belegt.
Vgl. dazu auch hier Abschnitt VII.2.2 zu dem Griffbügel Kat. 713 aus Ephesos.
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