Klebinder-Gauß, Gudrun; Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Forschungen in Ephesos (Band 12,3): Bronzefunde aus dem Artemision von Ephesos — Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2007

Page: 135
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fie_bd12_3/0142
License: Creative Commons - Attribution - NoDerivatives
0.5
1 cm
facsimile
IX. Gefäße

135

Üblicherweise waren Omphalosschalen aus Metall gefertigt, vor allem aus Bronze, daneben aber auch aus
Edelmetallen. Seltener kommen Ausführungen in Ton oder Glas vor, welche die Form von Metallgefäßen
imitieren964. Die literarische und bildliche Überlieferung belegt eine Verwendung der Omphalosschalen vor-
wiegend im kultischen Bereich, wo sie als Spendegefäße bei Libationsopfern und als Spende- oder seltener
als Trinkschalen bei Götterdarstellungen begegnen965. Mitunter sind Omphalosschalen als Salbgefäße, Sieges-
preise oder Hochzeitsgeschenke bezeugt. Die Tatsache, dass Omphalosschalen in beinahe jedem griechischen
Heiligtum in größerer Zahl vorkommen, unterstreicht die Bedeutung der Gefäßform im sakralen Bereich966.
Omphalosphialen wurden hier wahrscheinlich vor allem als Spendeschalen bei Kulthandlungen verwendet.
Als Gefäßform, die eng mit dem Kult verbunden ist, können sie aber auch als Votivgaben dargebracht worden
sein, etwa als Erinnerung an ein vorangegangenes Trankopfer. In diesem Sinne sind jedenfalls die Miniatur-
nachbildungen von Omphalosphialen zu deuten, welche zahlreich in Heiligtümern gefunden wurden967. Om-
phalosschalen kommen im griechischen Raum auch als Grabbeigaben vor968. In Phrygien wird die Wertschät-
zung dieser Schalen durch das zahlreiche Auftreten in den kostbar ausgestatteten Tumuli bezeugt, wo ihre
große Anhäufung wohl den Reichtum und hohen Status des Bestatteten symbolisieren sollte. Möglicherweise
wurden die in den Tumuli deponierten Schalen aber auch bei Totenmahlen als Trinkgefäße verwendet969.
Eine erste umfassende Abhandlung über Omphalosphialen unternahm H. Luschey in einer 1939 erschie-
nenen Monographie970. Er machte deutlich, dass die Vorformen der Omphalosphiale im Vorderen Orient zu
suchen sind. Die dort gefundenen Schalen besitzen eine zentrale Erhöhung, die jedoch meist klein und
massiv ist und daher keine funktionale, sondern nur dekorative Bedeutung hat. Während H. Luschey die Ent-
stehung der Omphalosphiale in der hier diskutierten Form, d. h. mit einem als Handhabe dienenden, großen
und unterhöhlten Omphalos, noch in Griechenland vermutete, wurde durch die zwischenzeitlich erweiterte
Materialkenntnis deutlich, dass diese Entwicklung weiter östlich im phrygischen Raum stattgefunden haben
dürfte971. Die bedeutendsten phrygischen Funde von Omphalosphialen stammen aus den reich ausgestatteten
Tumuli des 8. Jahrhunderts in Gordion972. Zahlreiche weitere Funde kommen u. a. aus Ankara, Elmah und
964 Brein 1978, 727 Abb. 22-23 zu tönernen Omphalosphialen aus dem Artemision; Muscarella 1971, 60 mit Anm. 36. 37 zu dem
Fund je eines Omphalosschalenfragments aus Glas und Keramik in Gordion; R. S. Young, The Gordion Campaign of 1967, AJA
72, 1968, 235 Taf. 76 Abb. 15; Kohler 1995, 70 Tum J48 Taf. 40 D. E; R. Eilmann, Frühe griechische Keramik im samischen
Heraion, AM 58, 1933, 53 Beil. 18, 7; G. Touchais, Chronique des fouilles en 1979, BCH 104, 1980, 630 Abb. 101, aus Akraiph-
nion; Luschey 1939, Abb. 8-11. 40; Stillwell - Benson 1984, 306 Taf. 66, 1671-1673; Boardman 1967, 147 Nr. 618 Abb. 97;
165 Nr. 807-810 Abb. 112.
965 Zu Form, Begriff und Verwendung vgl.: H. Luschey in: RE Suppl. VII (1940) 1026 ff. s. v. Phiale; Luschey 1939. 10 ff; G. M.
A. Richter - M. J. Milne, Shapes and Names of Athenian Vases (1935) 29 f.; FL Gericke, Gefäßdarstellungen auf griechischen
Vasen (1970) 11 f. 27 ff.
966 Zur Bedeutung von Phialen in Heiligtümern: Simon 1986, 328 f. Strom 1998, 53 Abb. 15 fuhrt zwei Omphalosphialen aus dem
Heraion von Argos an, die durch Inschriften als öffentliches Eigentum des Heiligtums ausgewiesen werden. Einen in diesem Zu-
sammenhang besonders interessanten Befund erbrachten die Grabungen in Perachora: In einem als ‘Sacred Pool' bezeichneten,
künstlich angelegten Teich westlich des sog. Temenos der Hera Limenia fanden sich neben Keramik und zahlreichen Votiven aus
Bronze und Elfenbein ca. 200 Omphalosphialen aus Bronze. Der Großteil der Funde stammt aus dem 7. und 6. Jh. v. Chr. Der
Teich scheint im ausgehenden 5. Jh. v. Chr. trockengelegt worden zu sein. Die große Konzentration von Schalen im ‘Sacred Pool’
wird unterschiedlich gedeutet. Der Ausgräber H. Payne vermutet, dass die Schalen für kultische Waschungen vor dem Betreten
des Temenos verwendet und anschließend in den Teich geworfen wurden: Payne 1940, 120 f. Taf. 51 ff. T. J. Dunbabin deutet
den sog. Hera-Limenia-Tempel als Tempel der Hera Akraia und den Teich als Orakelstätte der Göttin, wo man aus der Art, wie
die Schale ins Wasser fiel und versank, die Zukunft deutete: T. J. Dunbabin in: Payne 1940, 148 ff.; T. J. Dunbabin, The Oracle
of Hera Akraia at Perachora. BSA 46, 1951,61 ff. R. A. Tomlinson, The upper Terraces at Perachora, BSA 72, 1977, 197 ff. hält
den sog. Tempel der Hera Limenia für einen Bankettraum und für gleichzeitig mit dem ‘Sacred Pool’. Tomlinson vermutet, dass
man in diesem Bereich jene Votive deponierte, die im Hafenheiligtum keinen Platz mehr fanden. Dass die Phialen im Zuge einer
aus älterem Fleiligtumsinventar bestehenden Aufschüttung an ihren Fundort gelangten, vermutet auch U. Sinn, Das Heraion von
Perachora, AM 105, 1990, 53 ff. Er interpretiert das Areal der oberen Terrasse als »Festwiese«.
967 Vgl. auch Simon 1986, 328 und hier zu Kat. 866.
968 z. B. L. Laurenzi, Necropoli lalise, CIRh VIII (1936) 28. 180 Abb. 168. 169.
Gordion: M. Mellink in: Young 1981, 233 ff; U§ak: Özgen — Öztürk 1996, 32; K. DeVries, Greeks and Phrygians in the Early
Iron Age, in: ders. (Hrsg.), From Athens to Gordion. The Papers of a Memorial Symposium for R. S. Young, Philadelphia, May
3rd 1975 (1980) 37 f.
970 Luschey 1939.
971 M. J. Mellink in: Young 1981, 236.
972 Ebenda 233 ff.
loading ...