Klebinder-Gauß, Gudrun; Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Forschungen in Ephesos (Band 12,3): Bronzefunde aus dem Artemision von Ephesos — Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2007

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Bronzefunde aus dem Artemision von Ephesos

binden, müsste man bei deren äußerst hohem Anteil an den Bronzefunden aus dem Artemision und bei der
kleinen Zahl ‘männlicher4 Votivgaben annehmen, dass hier bei Weitem mehr Frauen als Männer weihten. Ein
ähnliches Bild bietet sich in zahlreichen anderen griechischen Heiligtümern und lässt daran zweifeln, ob eine
derart strikte geschlechtsspezifische Zuschreibung der Schmuckvotive tatsächlich zutreffend ist1385. Besonders
jene Schmuckstücke, die als Importe von weiter entfernt liegenden Regionen ins Heiligtum gelangten, wur-
den - geht man von der Annahme aus, dass sie von den auswärtigen Besuchern selbst mitgebracht worden
waren, - sicherlich von Männern geweiht, die eher Reisen unternahmen als Frauen1386.
Das Weihen von Gewandnadeln ist literarisch überliefert1387. Aus den antiken Schriftquellen und Heilig-
tumsinventarlisten wissen wir auch, dass Nadeln häufig zusammen mit Gewändern und Stoffen dargebracht
wurden. Die antike Überlieferung belegt, dass Gewandweihungen eine im gesamten griechischen Kulturraum
und in Heiligtümern verschiedenster Gottheiten verbreitete Tradition darstellten1388. Es ist vorauszusetzen,
dass mit diesen Gewändern auch alle dazugehörigen Trachtbestandteile dargebracht wurden, in jedem Fall
also Fibeln und Nadeln, wahrscheinlich aber auch Gürtel, Anhänger und andere Schmuckstücke1389. Darauf
könnte eine um die Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. datierte Schatzinschrift aus dem samischen Heraion
hinweisen, in der Gewänder verschiedener Art, Schleier sowie Schmuckstücke des Kopfputzes und der
Gürtung angeführt werden1390. R. M. Boehmer vermutet für die in den griechischen Heiligtümern gefundenen,
importierten Fibeln phrygischer Art, dass sie nicht als Einzelstücke, sondern zusammen mit Textilien phrygi-
scher Produktion dargebracht wurden1391. Man wird allerdings nicht jede der im Artemision so zahlreich ge-
fundenen Fibeln und Nadeln oder jeden Anhänger und Gürtel in Verbindung mit einer Gewandweihung sehen
müssen. Diese Schmuckgegenstände können auch für sich eine wertvolle Gabe dargestellt haben und einzeln
oder paarweise im Heiligtum niedergelegt worden sein.
Dass Gewänder und dazugehöriger Schmuck auch im Kult der Artemis von Ephesos eine wichtige Rolle
spielten, zeigen mehrere Erwähnungen in antiken Schriftquellen. So ist aus Inschriften das Amt der ‘Schmü-
ckeriif bekannt, deren Aufgabe es war, das Kultbild der Artemis zu bekleiden und ihm den Schmuck an-
zulegen1392. Literarisch belegt ist das Fest ‘Daitis’, bei dem das Kultbild der ephesischen Artemis in einer
Prozession zum Strand getragen und gewaschen wurde1393. Der legendenhafte Charakter der Geschichte des
Daitis-Festes und die darin erwähnte Teilnahme der Tochter des ephesischen Königs lassen vermuten, dass
das Fest einen älteren, vielleicht schon archaischen Ursprung hatte. Eine Inschrift aus dem 1. Jahrhundert v.
Chr. beschreibt eine Prozession, bei welcher der Schmuck der ephesischen Artemis aus dem Tempel getragen
und der Bevölkerung gezeigt wird. An dieser Prozession, die vielleicht mit dem Daitis-Fest verbunden werden
kann, nahmen u. a. ein onEipocpopoq (Kleiderträger) und ein Koogocpöpoq (Schmuckträger) teil, was die
wichtige Rolle von Schmuck und Bekleidung bei diesem Ritus unterstreicht1394.
Das Kultbild der Artemis Ephesia ist uns nur durch Kopien aus hellenistischer und römischer Zeit über-
liefert. Nach R. Fleischer war das ursprüngliche Kultbild aus Holz und trug echte Kleider sowie abnehmbaren
Schmuck1395. Es wäre denkbar, dass zumindest ein Teil der im frühen Heiligtum gefundenen Schmuckstücke
aus Bronze zum Behang eines alten, hölzernen Kultbildes gehörte, wenn dies auch anhand der Fundlage nicht
1385 Vgl. dazu Kilian-Dirlmeier 2002, 223.
1386 So Philipp 1981, 19.
1387 Die literarische Evidenz fasst .lacobsthal 1956, 93. 96 ff. zusammen.
1388 Romano 1988, 131 f.; Simon 1986, 203 f.; Kilian-Dirlmeier 2002, 205 mit Anm. 776 f.
1389 Kilian 1975a, 166; Kilian 1975b, 106; Blinkenberg 1926. 19 f.; Felsch 1983, 124 ff. - So könnten auch die zahlreichen Nadeln
und Fibeln aus dem ‘basis deposit" im Artemision von Ephesos Trachtbestandteile von geweihten Gewändern gewesen sein: Simon
1986, 202 f. Dagegen nimmt Jacobsthal 1956, 34. 96 an. dass die Basis zu klein sei. um auch Gewänder aufzunehmen, und man
daher die Nadeln einzeln geweiht hatte.
1390 Vgl. D. Ohly. Die Göttin und ihre Basis, AM 68. 1953, 34 ff. 46 ff.
1391 So vor allem Boehmer 1973, 149 ff. 166 ff; Boehmer 1983, 75. 78; s. dazu auch Herrmann 1972-75. 303. 310; Muscarella 1989.
339.
1392 Engelmann 2001, 38.
1393 Etym. m. s. v. Daitis; R. Heberdey, ‘Daitis’: Ein Beitrag zum ephesischen Artemiscult, ÖJh 7, 1904. 210 ff; Engelmann 2001.
36.
1394 Engelmann 2001, 39; I. Romano. Early Greek Cult Images (Univ. Microfilms Int.. Pennsylvania 1980) 242 Anm. 23 dazu und zu
weiteren Erwähnungen des Schmucks der ephesischen Artemis aus römischer Zeit.
1395 Fleischer 1973, 121 ff. In der Annahme eines hölzernen, mit echtem Gewand bekleideten Kultbildes folgt ihm Romano 1988.
130.
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