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Flugblätter für Gemälde-Kunde — 1.1923

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Nr. 2 (1. Juli)
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https://doi.org/10.11588/diglit.55088#0005
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FLUGBLÄTTER FÜR
GEMÄLDE-KUNDE
Beilage zur „Internationalen Sammler-Zeitung“.

Schriftleiter:
Dr. Theodor Frimmel, Wien, III«, Baumannstrasse Nr. 9.
Band 1
1. JUÜ 1923. Nr. 2

‘fius affen ‘(Kiener .Kunstsammlungen.
Von Dr. Th. Frimmel, Wien.

Mein „Lexikon der Wiener Gemäldesammlungen“
wird nicht fortgesetzt. Es bleibt bei den zwei ersten
Bänden. Seit dem Ausbruch des Weltkrieges sind ja
die Hindernisse, die sich einer Weiterführung entgegen-
stemmen, der Reihe nach nur so aus dem Boden ge-
schossen, daß mir die Angelegenheit verdrießlich wurde.
Und jetzt müßte mich ein Verlag schon recht sehr
bitten, wenn ich die ganze, unbeschreiblich mühe-
volle Arbeit wieder aufnehmen sollte. Aber einige ein-
zelne Sammlungen mögen immerhin da und dort, dann
und wann, besprochen werden. Ich greife zunächst
die gräflich Thurn’sche
heraus.
Sie hat nach ungefähr hundertjähriger Vergessen-
heit nun wieder augenblickliches Interesse, da sie ehe-
dem in der Hofburg als fremder Besitz aufgestellt war
und da jetzt, seit dem Sommer 1922 wieder eine Privat-
galerie, die Galerie Matsvansky, in der Hofburg
zu sehen ist.
Der ehemalige Sammler aus der Familie der Grafen
Thurn war Franz Thurn-Hoffer-Valsassina.
Er ist 1758 geboren und starb als k. k. Kämmerer am
14. November 1824. Aus seiner Ehe mit Barbara v.
Breutner waren zwei Töchter entsprossen : Amalia (lebte
1800 bis 1845), die sich mit Sigismund Freiherrn zu
Teuffenbach vermählte, und Auguste (diese lebte von
1806 bis 1866), welche Gemahlin des Grafen Johann
Nep. Dominik Strassoldo wurde. Diese Mitteilungen
werden Herrn Freiherrn Rudolf zu Teuffenbach in Vi-
pulzano bei Görz verdankt. Graf Franz Thurn-Hoffer-
Valsassina liegt zu Wien auf dem Schmelzer Friedhof
begraben (vergl. Mitteilungen der k. k. Zentralkommission
f. E. u. E. der Kunst- und histor. Denkmale, 111. Folge,
Bd. 10, S. 535).
Die Sammlung Thurn besteht längst nicht mehr als
Ganzes. Denn schon zu Lebzeiten des Grafen Franz
sind Bilder an den Wiener Hof verkauft worden und
nach dem Tod des Sammlers sorgten die Erbteilung
und neuerlichen Verkäufe für die Zersplitterung des,
wie es scheint, höchst wertvollen Besitzes. 1821 be-
schäftigte sich Hormayr’s „Archiv für Geographie,
Historie ...“ (S. 178 f.) mit dieser Sammlung. In Nagler’s
Lexikon ist in verschiedenen Abschnitten von dieser
Sammlung die Rede, so wird z. B. ein Giulio Romano
erwähnt mit St. Jakob von Compostella, der gegen die
Mauren kämpft. Im Artikel Agostino Carracci (S. 391)
heißt es „In der Galerie des Grafen von Thurn zu

Wien sind . . . zwei herrliche Farbenbilder und Skizzen
zu den Schöpfungen in der Farnesina : die Galathea
und Aurora, die auch den Augustin Carracci zum Ur-
heber haben dürften“. Auch in Nagler’s Abschnitt über
Mazzuoli kommt ein Bild der Sammlung Thurn vor,
u. zw. „ein schönes Gemälde der Madonna mit dem
Kinde, mit St. Joseph und Katharina, einer derjenigen
Gegenstände, die Parmegianino öfter malte“. (Ueberdies
Nagler’s andere Erwähnung im Lexikon). Nagler dürfte
einen Katalog ausgeschrieben haben, der 1821 heraus-
gegeben worden war und der in Hormayr’s Archiv ge-
nannt wird und wie es scheint, wörtlich abgedruckt ist.
Da ich den alten Katalog von 1821 nicht kenne,
teile ich wenigstens den Abschnitt aus Hormayr’s Archiv
vollständig mit. Leider sind nicht bei allen Gemälden
die Abmessungen angegeben. Bei Hormayr heißt es
nun: „Die Thurnische Sammlung. Seit vielen
Jahren war den Freunden der Kunst kein so köstlicher
Genuß, noch unserer, mit allen Schätzen aller Art über-
reich gesegneten Kaiserstadt, die Hoffnung beschieden,
durch den bleibenden Besitz so herrlicher Meisterwerke,
um so gewisser, den Vortritt vor allen Nebenbuhlerinnen
zu behaupten. — Möchten auch wirkliche oder seyn
wollende Kenner über die volle Autenticität des einen
oder andern einzelnen Stückes vermeintliche Zweifel
erheben, das Ganze ist und bleibt nichts destoweniger
eine herrliche kaum glaubliche Erscheinung, nur einiger-
massen erklärt durch die 25jährigen Stürme, die Italien
durchzuckten, der französischen Requisition von Kunst-
schätzen, den mehrfachen Revolutionen und der hiedurch
herbeigeführten Verarmung ansehnlicher Familien, der
Aufhebung aller Majorate und Fideikommisse etc. —
Graf Franz Thurn, k. k. Kämmerer und Präses der
Agrikulturgesejlschaft zu Görz, Besitzer des Civilehren-
kreuzes, hat als ein wahrer Missionär und Märtyrer der
Kunst, ungeschreckt durch die widrigsten und gefähr-
lichsten Umstände, ganz Italien vom Fuß des Aetna
und Vesuv bis zum ewigen Schnee der Rhätischen
Alpen durchzogen, beinahe jeden Keller und jedes
Dachstübchen durchforscht und so zuletzt einen Kranz
von Meisterwerken zusammengebracht, aus welchem er
hier fünfzig Originale des ersten Ranges aus-
gestellt hat (in der k. k. Burg, im Amalienhof im 2.
Stock rechts, der Aufgang von der Staatskanzlei herein),
— Der Katalog dieser herrlichen Sammlung ist bei Strauß
gedruckt. — Die Geburt des Erlösers von Raphael,
für das Grafenhaus von Canossa Ende seiner ersten
Epoche gemalt 7' hoch, 6' breit. — Madonna mit dem
 
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