Münsterbau-Verein <Freiburg, Breisgau> [Editor]
Freiburger Münsterblätter: Halbjahrsschrift für die Geschichte und Kunst des Freiburger Münsters — 13.1917

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22 Kempf, Heimsuchungen und Schicksale des Freiburger Münsters in Kriegsnot, durch Menschenhand und Feuersgefahr

selbst Einzelheiten der Staffage aus Holzschnitten
und Kupferstichen bewährter Meister entlehnte. Ins-

zuzuweisen. (Vgl. darüber G. Münzel, Münsterblättcr 6, 1 und 2.)
Ebenso werden wir ihm auch die Schnitzwerke am Hochaltar,
sowohl das Predella-Relief wie auch den kunstvollen Rahmen
um das Hauptbild zuzuschreiben haben, für die Hans Baidung,
offenbar im Interesse der von ihm gewünschten Wirkung seines
Bildes, den Entwurf geliefert hat. Es ist dies hier nicht der Ort,
unsere Auffassung genauer zu belegen; die Erbringung des
Nachweises durch Einzeluntersuchung behalten wir uns für eine
spätere Gelegenheit vor. Wir begnügen uns hier festzustellen,
daß beim Vergleich dieser Werke mit dem beglaubigten Drei-
könig-Altar und den geschnitzten Scheiben, welche die runden
Aufzugsöffnungen im Chorgewölbe abdecken, in stilistischer,
formaler und technischer Hinsicht so viele Berührungspunkte
obwalten, daß unseres Erachtens das Bestehen eines näheren
Zusammenhanges nicht von der Hand zu weisen ist. Münzel
hat zwar anmerkungsweise die Predella des Hochaltars in Be-
ziehung zur Schnewlin-Madonna gebracht, dagegen will er sie
nicht mit Wydyz in Verbindung bringen. (Vgl. Münsterblätter 6,
S. 60) Er hat also auch das Empfinden, daß ein Verwandt-
schaftsverhältnis besteht. Man prüfe und vergleiche nur die
charakteristische Haar- und Gewandbehandlung der verschie-
denen Gestalten. Mit besonderer Vorliebe stellt Wydyz die
Madonna mit wallendem Haare und mit dem nackten Jesukinde
auf dem Schöße dar, so beim Dreikönig-Altar, beim Schnewlin-
Altar, bei dem Predella-Relief am Hochaltar und bei der einen
Scheibe am Hochchorgewölbe. Je tiefer man sich in diese
Werke versenkt, desto mehr treten die übereinstimmenden Be-
ziehungen zutage, desto mehr erkennt man den Geist eines
und desselben Meisters, wenn auch da und dort das Vorbild,
oder die Hand des Gesellen sich bemerkbar zu machen scheint.
Eine ganz besondere Virtuosität bekundet Wydyz in der Auf-
fassung und Bewegung kleiner nackter Engelsfiguren. In dem
wuchtigen Rahmen, der für das farbengesättigte Hochaltar-
mittelbild gewissermaßen das plastische Gleichgewicht bildet,
ist das reizvolle Motiv des ausgelassenen Spiels der die Haupt-
darstellung belebenden, musizierenden Baldungschen Kinder-
engel fortgesetzt in den nackten Engelsknaben, die voll Blut und
Leben in dem reichen Schnitzwerk in allen möglichen Stellungen
und Bewegungen ihr munteres Spiel treiben. Die weiche, ge-
schmeidige Modellierung der Körperlichkeit dieser köstlichen
kleinen, der unmittelbaren Natur abgelauschten Gestalten stimmt
wieder völlig überein mit der des nackten Jesuknaben der ver-
schiedenen vorhin erwähnten Darstellungen. Wydyz war in
Freiburg längere Zeit tätig. 1505 schuf er den Dreikönig-Altar,
1510 die Scheiben am Chorgewölbe und nachher dürfte er wohl
für die Baldungschen Altäre die Schnitzwerke gefertigt haben.
Nach Wydyz folgte Sixt von Staufen, der in der Münsterrechnung
bereits 1517 genannt wird. (Vgl. Riegel, Die Locherer-Kapelle
und der Meister ihres Altares, Münsterblätter 11, 17.) Es würde
nicht verständlich erscheinen, wenn man Wydyz, der damals
in Freiburg ansässig war, bei Erteilung von Aufträgen am Platze
nicht würde berücksichtigt haben, zumal er sein Können und
seine hohe Begabung am Dreikönig-Altar genügend erprobt
hatte. Es pflegt aber oft so zu gehen, daß man bei solchen
Feststellungen anfänglich die einfache und nächstliegende An-
nahme in der Befangenheit übersieht. In Wydyz dürften wir
sonach den Meister zu erblicken haben, von dem Fritz Baum-
garten (Der Freiburger Hochaltar [1904] S. 58) nachgewiesen hat,
daß er für seine Schöpfungen, insbesondere zur Predella des
Hochaltares, gewisse Typen hauptsächlich von Dürer und Schon-
gauer entlehnt hat. Indes, die Freiheit, Holzschnitte und
Kupferstiche älterer Meister zum Vorbild zu nehmen, haben
sich damals, wie heute, oft gebunden durch den Geschmack
des Auftraggebers und oft durch andere Umstände bedingt,
viele Künstler gestattet. (Vgl. auch Fritz Burger, Die deutsche
Malerei vom ausgehenden Mittelalter bis zum Ende der Re-
naissance, Berlin-Neubabelsberg 1913, S. 82 ff.) Wenn auch

besondere dienten ihm für die Hauptgestalt der
Madonna Dürers Kupferstich „Die Madonna mit der
Meerkatze". Der Sitz, eine mit Pfosten zusammen-
gezimmerte, von verschiedenen Blättern, Efeu, Disteln,
Maiblumen u. a. bewachsene Bank, aus deren Seiten-
teil ein Hase hervorschaut, die Art, wie der un-
bekleidete Knabe mit dem Schnuller in der Linken
sich nach rechts hinwendet, dem Vogel entgegen,
der auf sein rechtes Händchen geflattert ist, wie
Maria die Linke nach dem Buch ausstreckt: das alles
hat der Schnitzer ziemlich getreu von Dürer über-
nommen. Nur scheint hier das Kind einem Blumen-
zweig, auf dem möglicherweise auch ein Vogel
gesessen haben konnte, entgegengestrebt zu haben1,
und die Meerkatze ist durch ein fressendes Kanin-
chen ersetzt. Recht naiv gedacht, nur mit dem Ober-
körper sichtbar, ist der zur Seite schlafende heilige
Joseph. Frei schwebende, von dem Hintergrund
abstehende Engel hielten eine Krone über dem
Haupte der Jungfrau. Einen besonderen Reiz ver-
leiht dem Bildwerk der reiche landschaftliche Hinter-
grund: ein bewehrtes Schloss mit Alpenaussicht über
einen See weg, augenscheinlich eine tirolische Land-
schaft. In der Mitte des Bildes schwebt die Taube
des heiligen Geistes. Auch das Hintergrundgemälde
verrät Baidungs Hand. Bei geschlossenem Schrein
gewahrte man die Verkündigung Maria: Maria am
Betpulte auf dem einen, der Engel auf dem andern
Flügel. Führen so die Außenseiten der Flügel nur
eine Schilderung dem Beschauer vor, so zeigten die
geöffneten Flügel links die Taufe Christi am Jordan
in liebevoll ausgestatteter, für Baidung typische
Landschaft, rechts den Evangelisten Johannes, wie
ihm auf Patmos, wo er seine Offenbarung nieder-
schreibt, in den Wolken des Himmels die bekrönte
Gestalt der auf dem Halbmond stehenden Gottes-
mutter mit dem Kinde erscheint, während nebenan
der Adler auf dem mit zierlichen Schließen geschlos-
senen Buch steht. Im Hintergrund sieht man in
eine reizvolle Landschaft mit einer Burg, von der
eine mit dem Monogramm Baidungs versehene Zeich-
nung sich in dessen Skizzenbuch befindet und dort
als „Horneck"2 bezeichnet ist. Wenn nicht die Zeich-
nung und Farbgebung der Flügelbilder die ganze
künstlerische Natur Baidungs bezeugen würde, so
müsste die auf dem Gemälde angebrachte Burg -
sie wurde im Bauernkrieg 1525 zerstört — mit ge-
nügender Deutlichkeit die Zurückführung des Altar-

Wydyz sich diese Freiheit erlaubte, so stehen seine Kunst-
äußerungen auf solcher Höhe, daß sie seinen Ruhm keines-
wegs zu schmälern vermögen.

1 Darauf dürfte ein auf der bewachsenen Bank an der ge-
hörigen Stelle befindliches Loch, aus dem einst der Stengel
wuchs, hindeuten.

2 Ob Gundelsheim bei Heilbronn am Neckar gelegen.
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