Furtwängler, Adolf
Die antiken Gemmen: Geschichte der Steinschneidekunst im Klassischen Altertum (Band 2): Beschreibung und Erklärung der Tafeln — Leipzig und Berlin, 1900

Seite: 257
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0.5
1 cm
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TAFEL LVI.

Sog. Gemma Augustea in Wien. Sardonyx von
zwei Lagen; aus der bläulichweissen Schicht ist das
Bild geschnitten, die dunkle bildet den Hintergrund.
Grösse 0,187 X 0,223.

Der Stein wird schon 1246 im Inventar des
Kirchenschatzes von Saint Sernin bei Toulouse erwähnt,
er war als Brustseh muck (pcctorale) gefasst. König
Franz I nahm ihn der Kirche, um ihn in seinem
..Cabinet" zu bewahren. Nach der Plünderung des
Cabinet du roi um 1590 ward er von Kaiser Rudolf II
gekauft.

Über die Geschichte des Steines vgl. F. de MEL.Y,
le grand camee de Vienne et le Camayeul de Saint-
Sernin de Toulouse. Toulouse 1894 (Mcm. de la soc.
archeol. du midi de la France, tome 15). Derselbe in
Gazette archeol. 1886, 244ff.; pl. 31. Die wichtigeren
Abbildungen und Besprechungen sind: Mi >NTFAUCON,
antiqu. expl. V, 2, pl. 228; p. 160. ECKHEL, choix des
pierrcs gr. pl. 1 (Sal. Reinach, p. gr. pl. 1; p. 2).
H. K. E. KÖHLER, gesamm. Schriften, Bd. 5, S. 23 ff.
Taf. 3. Mlu.LN, gall. mythol. pl. 179, 677. VISCONTI-
MONGEZ, iconogr. romainc pl. ig*, I; Bd. 2, 59. ARNE 111,
d. antiken Camcen Taf. 1; S. 12 ff. ClaraC, musee
de sc. pl. 1053. LENORMANT, tresor de numism.,
emper. rom. pl. 8; p. 15. MÜLLER-WlESELER, Denk-
mäler 1, 377. Krause, Pyrgoteles Taf 3; S. 248fr
SACKEN u. KENNER, Münz- und Antikenkab. S. 420,
No. 19. Denkschr. d. Wiener Akademie, phil. bist. Gl.
Bd. 13, 1864, S. 61 ff. Taf. 2. Aschbach, Livia S. 330;

KlNG, ant. gems and rings II, pl. 52; handbook (1885)
p. 42 fr. BERNOULLI, rom. Ikonographie II, I, Taf. 29;

S. 262fr. Sal. REINACH in Revue arch. 1889, 13,
p. 322. v. Schneider, Album der Antikensamml.
Taf. 41; S. 16. Derselbe in Verhandlungen der Wiener
Philo] Vers. 1893, S. 298ff. PETERSEN in Mitteil, des
röm. Instituts 1894, S. 205. Babelon, gravure p, 155.

fig. 113. DAREM15ERG et SAGLIO, dict. d'antiqu. III,
p. 1477. FURTWÄNGLER, Intermezzi S. 74f

Das Bild zerfällt in zwei Streifen; der obere ist
der höhere und enthält die Hauptfiguren. Rechts
thront Augustus wie Jupiter im Mantel um den Unter-
körper, das Scepter in der erhobenen Linken, zu Füssen
den Adler. Als Schemel dient ihm ein Schild. Die
Rechte hält den Lituus des Augurn. Über ihm sein
Nativitätsgestirn, der Steinbock. Neben ihm zu seiner
Rechten sitzt auf demselben breiten, mit Polster, Rück-
und Seitenlehnen ausgestatteten Thronsessel die Göttin
Roma in Chiton und Mantel, mit umgehängtem
Schwerte, die Lanze in der Rechten; auch sie benutzt
Warten als Schemel. Sie trägt den attischen Helm
mit drei Büschen nach dem Vorbilde der Athena
Parthcnos des Phidias. Sie blickt stolz auf ihren
Schützling Augustus. Über dessen Haupt hält eine
hinter dem Throne stehende Frau mit Mauerkrone und
Schleier, wohl die Oikumene, einen Eichenkranz.
Daneben ein bärtiger Mann, der die Rechte an die
Lehne des Thrones legt; sein Unterkörper und linker
Unterarm sind vom Mantel bedeckt; die Finger der
Linken scheinen etwas zu halten, doch ist kein Gegen-
stand deutlich; er blickt in derselben Richtung wie
Oikumene empor zu Augustus. Man schwankt, ob man
ihn als Himmels- oder Meeresgott, als Caelus oder
Okcanos zu fassen hat; wahrscheinlicher, doch auch
nicht ganz befriedigend, ist ersteres. Unten sitzt eine
weibliche Gestalt mit nacktem Oberkörper (mit Hals-
band), die sich auf den Thron stützt; mit der Linken
hält sie ein Füllhorn (ebenso wie der Nil der Tazza
Farnese). Sie ist mit Kphcu bekränzt; neben ihr zwei
Kinder, das eine mit Ähren; höchst wahrscheinlich ist
Tellus gemeint. Links sieht man in Verkürzung einen
vierspännigen Triumphwagen (drei Pferde sind sichtbar;
Helm und Lanzenspitzc unter dem Wagen), von
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