Grosjean, Georges [Hrsg.]; Cavelti, Madlena [Hrsg.]
500 Jahre Schweizer Landkarten — Zürich, 1971

Seite: 3
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ALB RECHT VON BONSTETTEN

Man pflegt das Jahr 1479 als das Jahr des Beginns der schweizerischen
Kartographie zu bezeichnen. Damals vollendete der in Einsiedeln
wirkende Dekan Albrecht von Bonstetten seine Superioris Ger-
maniae Confoederationis descriptio - Beschreibung der oberdeutschen
Eidgenossenschaft, welche zum ersten Male eine graphische Darstel-
101 lung der Eidgenossenschaft bringt. So primitiv uns die Zeichnung
anmutet, so interessant ist sie vom geistesgeschichtlichen Standpunkte
aus. Wir stehen an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Bon-
stetten ist bereits vom Geiste der italienischen Renaissance berührt.
Nach den ersten Studien im Kloster Einsiedeln führte der Weg den
begabten jungen Mönch an die Universitäten von Freiburg im Breis-
gau, Basel und Pavia. Seit 1474 in Einsiedeln, machte er aus diesem
Orte für drei Jahrzehnte, bis zu seinem zwischen 1503 und 1505 er-
folgten Tode, einen literarischen Mittelpunkt. Er verkehrte brieflich
mit den großen Humanisten seiner Zeit und stand beim Kaiser, beim
König von Frankreich und beim Herzog von Mailand in hoher Gunst.
1482 verlieh ihm Kaiser Friedrich III. den Rang eines Hofpfalzgrafen.
101 Briefe sind von ihm und an ihn erhalten. Von den zahlreichen
Schriften, die er verfaßte, sind 13 auf uns gekommen. Die Beschrei-
bung der Eidgenossenschaft wurde aus dem Hochgefühl der Zeit her-
aus drei Jahre nach der Schlacht bei Murten dem König von Frank-
reich und der Republik Venedig gewidmet. Mit einem Empfehlungs-
schreiben des Stadtstaates Bern wurde die Schrift im lateinischen
Exemplar dem König von Frankreich überreicht. Es ist die erste geo-
graphische Beschreibung der Schweiz, zumeist auf eigener Anschau-
ung und Beobachtung beruhend. Schon das ist neu: Man beobachtet
selbst, man sammelt Erkenntnisse und Erfahrungen und schöpft seine
Wissenschaft nicht mehr aus den Schriftstellern des Altertums. Neu
ist auch das Interesse an einem Volk und einem Staat. Das Mittelalter
hat kein Nationalgefühl gekannt. Der « Feudalstaat»beruhte auf einem
System persönlicher Treueverpflichtungen. Mit dem 13 .Jahrhundert
beginnt der Konzentrationsprozeß, der zwischen 1450 und 1500 zum
geschlossenen Territorialstaat führt. Auch die Entstehung der Eid-
genossenschaft muß unter diesem Gesichtswinkel betrachtet werden.
Die durch den Humanismus mit dem Abendland weltoffcn verbun-
denen Schweizer empfanden das Besondere und Einzigartige der
Schweiz und waren stolz darauf. Zu ihnen gehörte Albrecht von
Bonstetten.

Seine graphische Darstellung der Schweiz ist freilich noch ganz
mittelalterlich. Das Mittelalter suchte nicht nach realistischen Abbil-
dern der Erde, sondern nach symbolischen. Es wäre falsch, wenn wir
vom heutigen Standpunkte aus diese Art Erdbetrachtung einfach als
primitiv abtun wollten. Wir sollten viel eher erkennen, daß andere
Zeiten andere Ziele gekannt haben. Fünfhundert Jahre lang galt die
materielle, sichtliche Welt als vornehmster Gegenstand wissenschaft-
licher Erkenntnis. Mit solchem Erkennen ist auch die Kartographie,
wie wir sie verstehen, aufs engste verbunden. Sie schafft möglichst
naturgetreue Abbilder der Erdoberfläche. Heute gerät dieses Welt-
bild ins Wanken. Weder der Naturwissenschafter noch der Geistes-
wissenschafter kann mehr genau definieren, was «Wirklichkeit» ist.
Die Welt der Atome ist abstrakt. Die Vorstellung, die wir vom Atom-
kern haben, ist nichts als ein Modell. Niemand hat je ein Atom ge-
sehen. Die (Wirklichkeit», die wir wahrnehmen, ist sehr abhängig
von unseren Sinnesorganen. FürjcdesLebewesen, sogar fürjcdcnMen-
schen gibt es eine etwas andere (Wirklichkeit». Für den Historiker
wird es heute fraglich, ob den aufgrund von Akten und Dokumenten
rekonstruierten geschichtlichen Fakten oder den Vorstellungen der
Menschen, die unter Umständen ganz falsch sein können, mehr (Wirk-
lichkeit» zukomme. Jedenfalls sind Mythen, Ideen und Ideologien
heute in höherem Maße gcschichtsbildende und bewegende Kräfte
als die vom Historiker rekonstruierten Fakten. Die Kunst hat sich vom
Gegenständlichen abgewandt und versucht, Ideen, Stimmungen oder
überhaupt Unsagbares, Unmeßbares und Undarstellbares zum Aus-
druck zu bringen.

Aus solcher Sicht können wir der mittelalterlichen Kartographie
gerechter werden. Der damalige Mensch empfand die sinnlich wahr-

nehmbareWelt nur als die unvollkommene, entstellte Äußerung einer
vollkommenen, abstrakten, ungegenständlichen Welt. Hier wirkte
neben dem Christentum die griechisch-römische Philosophie nach,
vor allem Plato und Aristoteles. Man suchte hinter den Konturen und
der Anordnung der Erdteile das dahinter verborgene Prinzip, die Idee.
So entstanden als verbreitetste Gattung die sogenanntenT-O-Karten.
Ein Kreis, der als vollkommene, in sich geschlossene Form zugleich
Symbol des Kosmos ist, wird als Begrenzung der Erdscheibe gegeben,
die damit Abbild des Kosmos ist. Rund um den Erdkreis läuft der
Ozean als Strom. In den innern Kreis wird ein T eingeschrieben, das
die Erdoberfläche in drei Teile teilt: Asien, Europa, Afrika, in ihrer
Dreiheit und Einheit zugleich. In der Regel ist Asien oben, Europa
links und Afrika rechts. Man blickt also gegen Osten. Der senkrechte
Balken des T stellt das Mittelländische Meer dar, der waagrechtc Bal-
ken links die Ägäis und das Schwarze Meer, rechts das Rote Meer,
bisweilen auch den Nil oder die Ströme Mesopotamiens. Für von
Bonstetten ging es darum, die Schweiz in dieses kosmische Weltbild
einzubauen. Er machte das in einer Abfolge von vier Figuren. Da die
Figuren im Original für die Reproduktion fast unzugänglich sind und
in der einzigen Edition des Werkes nur in Nachzeichnungen wieder-
gegeben wurden, sind sie hier ebenfalls nur in neuen Nachzeichnungen
mit moderner Schrift dargestellt. Die erste Figur stellt die Erde als
Kosmos dar mit der antiken Vierteilung durch die Haupthimmels-
richtungen. Die zweite Figur zeigt die Erde im T-O-Schema, aber
entsprechend der Südorientierung mit Afrika am Kopf. Die dritte
Figur wiederholt dieses Schema, aber etwas variiert, indem Europa
den größten Teil einnimmt und selbst wieder nach dem T-Schema
aufgeteilt ist, wobei Italien vorne liegt. Der horizontale T-Balken ist
durch die Alpen gebildet, der vertikale durch die eine Y-Figur bilden-
den Flüsse Rhein und Limmat. Sie teilen Alemannien von Gallien.
Von Bonstetten will die Grenzstcllung der Schweiz zwischen Italien,
Deutschland und Frankreich zum Ausdruck bringen und hat damit
ein wesentliches Kennzeichen dieses Landes und seiner kulturellen
Situation erfaßt - noch lange bevor die Schweiz durch Angliede-
rung der Waadt, Genfs und der südlichen Tessintäler ein eigentlich
mehrsprachiges Land wurde. Die vierte Figur schließlich gliedert die
Schweiz, und zwar wie die erste Figur, wieder nach der antiken Vier-
teilung. Der Nabel der Schweiz ist die Regina mons, der Rigi. Um die-
sen Punkt herum gruppiert werden die eidgenössischen Orte.

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