Hartlaub, Gustav Friedrich ; Doré, Gustave [Ill.]
Gustave Doré — Leipzig, [1924]

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Kinderzeidinung Dores.

I.

DER FALL DORE.

Y / ohl für viele von den Jüngeren wird der Name Dore nicht mehr bedeuten, als eine
W unklare Erinnerung an (chwere, unhandliche Großfoliobände in Goldfchnitt und mit
gefchmacklofem Prachteinband, lagernd auf Mahagonitifdien zwilchen Photographie^
ftändern. Der Dante, der Arioft, die Märchen des Perrault, dazu im Bücherfchrank die
unvermeidliche Bilderbibel: obligate Zeugen gut bürgerlidien Kunftfinnes in einer nur
beim Staubwilchen geftörten halb foffilen Gegenwart,- höchftens einmal von uns Kindern
unter einigem Kraftaufwand durchwälzt und dann freilich die empfängliche Einbildungs-
kraft auf eine ungewohnte Art erregend! Der Oger im Märchen vom Däumling, wie er
fich die lebendige Speife unter dem Bette hervorlangt oder wie er im Wahn den eigenen
Kindern den Hals ablchneidet, der Wolf, der zur Großmutter ins Bett fteigt, Blaubart mit
dem Schlüffel, das faft elegante Afchenputtel unter der beängftigend barocken Hofgefell-
fchaft: all dies draftilch Sinnliche, (chonungslos Anlchaulidie wirkte auf uns als ein unkind-
lieber und doch wieder nur von Kindern ganz zu erlebender Nerven^ und Sinnenreiz.

Was uns Kindern einft den Atem raubte — damals als der Sinn noch ganz unbe-
fchwert war von formalen Rückfichten und für alles dankbar, wenn es nur ftark unferer
Einbildung zu Hilfe kam — hat eine Generation von Erwachsenen beraufcht. Dore war
einmal Mode. Seine Kunft überwucherte die ganze gebildete Welt von Madrid bis Peters^
bürg. Seine Koloffalgemälde erregten auf den großen Ausheilungen Auffehen, feine Zeich-
nungen, die er verlchwenderifch hervorbrachte und in allen möglichen Reproduktionsarten
auf den Markt warf, verbreiteten fich über den Kontinent, die von ihm ilfuftrierten Bücher
erlchienen in allen Kulturfprachen.

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