Hartlaub, Gustav Friedrich ; Doré, Gustave [Ill.]
Gustave Doré — Leipzig, [1924]

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IV.

WERK.

Im Jahre 1847 trifft der fünfzehnjährige Dore
mit den Eltern in Paris ein. Philippon, der Ver-
leger, erkennt fofort die nutzbare, vielgewandte
Begabung, er rät den Eltern, den Sohn in Paris
zu lallen. Während der Jüngling im Lyzeum
wiffenfchaftlich, alfo nicht eigentlich künftlerifch fich
fortbildet, fo wie der Vater es wünfcht, höchftens
noch in Galerien und Bibliotheken feinen Vor-
Itellungsfchatz rafch und gierig bereidiert, liefert
er 4 Jahre lang von 1848 bis 1852 wöchentlich
eine Seite mit Zeichnungen fatirifdier Steindrucke
für Philippons verbreitetes „Journal pour rire".
Die Lithographie, dies fdineidiglte, fchlagendlte
Ausdrucksmittel des graphifchen Journalismus,
bildet Dores erfteKunfifpradie. Eine reidie Anzahl
fertiger Meilter in der lithographifchen Karikatur
bieten dem jungen, unvorbereiteten Autodidakten
hier Vorbild und Anregung. Da sind Rudolf Töpffer und Grandville, jene fchon er-
wähnten Lieblinge feiner Kindheit, da find die glänzenden Erfcheinungen Monniers,
Chams, Bertalls, Charlets, Gavarnis, da lieht überragend und ihn tiefer packend als
alle anderen das vehmrichterlidie Pathos eines Honore Daumier. Unbekümmert, mit
dem naiven Selbstvertrauen feines jungen Genius nimmt der Jüngling, jede eigentlidie
Vorfchulung überfpringend, alle diefe Vorbilder in fidi auf, ohne fich an irgend eines ganz
zu verlieren. Daß er fofort als fertiger Meilter neben jenen routinierten Praktikern da.-
geltenden hat, freilidi noch nicht ganz originell, und bald in der einen, bald in der andern
Art virtuos fich verfuchend, i(t dodi eine der wunderbarsten und blendendlten Tatfachen
in der Künftlergefchicfite des 19. Jahrhunderts. Mit einer riefenhaften Produktion fetzt
er ein, Paris überfchwemmend, trotzdem der Freund aus dem Lyzeum, Hippolyte Taine,
frühzeitig vor folcher Fruchtbarkeit warnt. Wie erltaunlich, daß er nicht ganz dabei zu-
gründe geht, daß er nicht in wenigen Jahren fchon ausgepumpt, als ein müder, nachahmen^
der Dilettant zurückbleibt, daß er wird, was er trotzdem geworden ift!

Aus Saintine,
Le chemin des ecoliers. 1862.

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