Historisch-Philosophischer Verein <Heidelberg> [Editor]
Neue Heidelberger Jahrbücher — N.F..1931

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Die romantische Idee von der Landschaft
als höchstem Gegenstände christlicher Kunst
Von Hubert Schrade
I.
In den um 1800 sich häufenden Auseinandersetzungen über die
Bedeutung der Darstellungsgegenstände für die bildende Kunst
ist eine der denkwürdigsten Tatsachen die Behauptung einiger
Romantiker, daß unter allen Vorwürfen für die christliche
Kunst der bedeutungsvollste die Landschaft sei. Die Behaup-
tung klingt paradox genug. Die Natur, in der das Christentum von
je das bloß Vergängliche, ja das Böse, jedenfalls das zu lieberwin-
dende gesehen, soll der wesentlichste Gegenstand einer christ-
lichen Kunst sein? Und eine Kunst, der die Darstellung der
Landschaft höher steht als die Darstellung des Mittlers und des
Menschen, von dem und für den die Religion gestiftet ist, soll noch
eine christliche sein? In der Geschichte der europäischen Kunst
scheint doch gerade der Augenblick, in dem die Landschafts-
malerei endlich zur vollen Freiheit gelangt, der gleiche gewesen
zu sein, in dem die christlich-mythische Vorstellungswelt auf ge-
hört hat, den Charakter der Kunst zu bestimmen. Die romantische
Erhebung der Landschaft zum bedeutungsvollsten Gegenstände
christlicher Kunst stellt in der Tat eine der seltsamsten Ver-
kehrungen der Gegenstandswerte dar, die für das christliche
Kunstschaffen bisher gültig und bindend gewesen sind.
Völlig ohne Vorläuferschaffen ist die romantische Idee freilich
nicht. Erinnern wir zunächst an jene. Bereits in der altchrisfliehen
und vorübergehend auch in der byzantinischen religiösen Kunst
hat es selbständige Landschaften gegeben. So findet sich in der
römischen Domifillakatakombe eine Campagnalandschaft mit
einer Bauernhütte und Figuren1. Ob sie, die nach antiken Vor-
bildern entworfen ist, aus rein dekorativer oder in irgendwelcher
symbolischen Absicht angebracht wurde, läßt sich nicht mehr ent-
scheiden. Jahreszeitenbilder kommen dagegen als Sinnbilder der
Unvergänglichkeit vor. Doch sie gehören nach der Form wenig-
1 Jos. Wilpert, Die Malereien der Katakomben Roms, 1903, 25 f., Taf. 6.

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