Heigelin, Karl Marcell
Lehrbuch der höheren Baukunst für Deutsche (Band 2) — Leipzig, [1830]

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ERSTES HAUPTSTÜK,

I. ÜBER DAS SCHÖNE IN DER BAUKUNST ÜBERHAUPT.

In den Werken der Natur ist die Schönheit eins mit der Noth*
wendigkeit, und zeigt sich nie als besonderer Zwek. Durch diese
innige Einheit des Schönen mit dem Sein und Wesen alles Erschaffe-
nen ist die Natur höchstes Vorbild, und nur selten von den Künsten
erreicht. Denn in diesen steht meist neben der Nothwendigkeit oder
dem Wesentlichen der Formenbildung eine gewisse wdllkührliche Ver-
schönerung und Verzierung. In keiner Kunst aber ist dieses mehr der
Fall, als in der Baukunst, und nirgends sind jene beiden Elemente
so wohl zu unterscheiden; obgleich auch hier die Gegensaze des Not-
wendigen und des Freien durch die feinsten Übergänge vermittelt sind,
und in der höheren Bedeutung wieder in Eins zusammentreffen.

Der Ernst der Konstrukzion und das Spiel der Verzierung sind
zwei grose Gebiete, die sich dem Studium des Architekten eröffnen,
und deren jedes ihn auf eine eigentümliche Weise in Anspruch nimmt.

Dass man sich aber nicht denken darf, die Schönheit der Bau-
werke bestehe blos in der Verzierung, ist kaum zu erwähnen nöthig.
Schon in dem vorhergehenden Bande wurde darauf hingewiesen, wrie
sehr jede einzelne Konstrukzion der Schönheit fähig sei. Die reine
Zeichnung und noch mehr die deutliche Funkzion aller Theile, welche
mit jener — wie ebenfalls im ersten Bande erwähnt wurde — auf

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