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Huch, Ricarda
Farbenfenster grosser Kathedralen des XII. und XIII. Jahrhunderts: Meisterwerke mittelalterlicher Glasmalerei — Leipzig, 1937

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https://doi.org/10.11588/diglit.44803#0011
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Accedit verbum ad elementum et fit sacramentum. Wenn das Wort zum Element kommt,
vollzieht sich das Wunder. Es sei gestattet, diese Formel, die sich auf das heiligste My-
sterium der christlichen Kirche bezieht, auf die Kunst anzuwenden, die ja auch etwas Göttliches
ist. Ich möchte sie heranziehen, um die auffallende Tatsache zu beleuchten, dass beschränktes
Können sich häufig der Kunst als günstig, hochgesteigerte Technik als verderblich erweist.
Die Phantasie bedarf, um sich im Sinnlichen auszudrücken, irgend eines Kunstmittels, sei es
die Sprache, sei es Stein oder Farbe oder was sonst immer, das für die Aufnahme empfäng-
lich ist und ihr zugleich Widerstand leistet. An dem Widerstande des Kunstmittels, des
Elements, entzündet sich die schaffende Kraft des Geistes, im Ringen mit ihm entsteht das
Kunstwerk. Je roher das Material ist, desto inniger erglüht der Geist, um ihm das Bild, das
ihn erfüllt, einzuprägen; es ist als ob er in reicherem Farbenspiel von dem nicht ganz über-
wundenen zurückgeworfen würde, als ob es ihn durchsickern liesse, von ihm umleuchtet würde.
Ein Zeitpunkt kommt, wo das Material infolge besonnenen Gebrauches so durchgebildet
ist, dass eine leichte Berührung des Geistes genügt, um es zu formen, ja wo es auf eine An-
regung hin in flüssige abgeleitete Bewegung gerät. « Weil Dir ein Vers gelingt in einer gebildeten
Sprache, die für Dich dichtet und denkt, glaubst Du schon Dichter zu sein ? » sagt Goethe.
Wenn sich der Geist am Material nicht mehr entzünden kann, wenn es kein Element mehr
ist, verlässt er es. Zwar ist nicht vorhandener Widerstand auch eine Art von Widerstand,
der zuweilen bedeutende Geister anzieht; aber das künstliche Unebenmachen, das Elementari-
sieren des allzu glatt gewordenen Elements ersetzt doch nicht ganz seine eigenwillige Ur-
sprünglichkeit. Häufiger geschieht es, dass weniger schöpferische Menschen sich dem bequemen
Kunstmittel zuwenden, das für sie etwas hervorbringt, was als bereits geläufig den Ansprüchen
der Menge genügt, während die echten Künstler ein anderes Mittel ergreifen, um ihre Phanta-
sien zu versinnlichen. An der Kunst der Glasmalerei kann man diese merkwürdige Entwicklung
verfolgen.
Die alten romanischen Kirchen des Abendlandes waren klein und niedrig, durch die
schmalen Fenster des dicken Gemäuers fiel nur wenig Tageslicht ein. Man tritt aus der Helle
in diese schattenkühlen Gewölbe wie in eine andere, geheimnisvolle Welt. Von einem
Altar glüht ein stilles Licht, hie und da durchbohrt die Dämmerung der Arm eines Kruzifixes

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