Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 14.1893

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Dr. Theodor von Frimmel.

in Beziehung zum päpstlichen Stuhl treten, die andere solche, die zwar durch das Anbringen der Evan-
gelistensymbole auf eine geistliche Bestimmung hinweisen, daneben aber noch Anspielungen auf welt-
liche Machthaber aufweisen. Die Ringe der ersteren Gruppe könnte man in gewissem Sinne Investitur-
ringe nennen, insofern sie offenbar Geschenke von Päpsten sind, an Bischöfe oder deren Stellvertreter
gegeben, und zwar höchst wahrscheinlich bei Gelegenheit ihrer geistlichen Investitur. Die Ringe der
letzteren Gruppe aber, die mit weltlichen Abzeichen, können keinesfalls auf den Namen von Investitur-
ringen Anspruch erheben. Sie stammen alle aus der Zeit von circa 1440 bis 1490, aus einer Zeit also,
die eine weltliche Investitur mit Ring und Stab längst nicht mehr kennt. Die Ringe dieser Gruppe
werden also wohl Geschenke weltlicher Machthaber an Bischöfe gewesen sein, vermuthlich ebenfalls
aus Anlass der Bischofsweihe, nicht aber als Symbole der Investitur.

Für die meisten dieser dicken Ringe, ob sie nun Geschenke von Päpsten oder von weltlichen
Herrschern sind, dürfte das gelten, was mir gütigst Herr Domcapitular Dr. Friedrich Schneider über
diese Kunstgegenstände schreibt:

»Die grossen Ringe waren eben bischöfliche Amtsringe, wie sie unter die Ausrüstung des
Bischofs gehören. Bei der Consecration des Bischofs (Pontificale Romanum I, § IV) ist unter den Re-
quisiten der ,annulus pontificalis' aufgeführt. Dieser Ring wird (nach Pontificale Romanum I, § XXIX)
von dem Consecrator benedicirt und dem Neoconsecratus unter einer besonderen Formel an den Finger
gesteckt.«

Eine andere ältere Ansicht sagt, dass die erwähnten dicken Ringe von Päpsten, Kaisern und
Königen selbst getragen worden seien. Sie ist schon bei Castan widerlegt.1

Ringe dieser Art sind überaus häufig, auch wenn man nur die zuverlässigen Stücke in den Kir-
chenschätzen und Museen berücksichtigt und die Exemplare des modernen Kunsthandels ausscheidet.
Eudel will wissen: »Alte griechische und römische Schmucksachen . . . mittelalterliche Bischofsringe
. . . werden überall in Deutschland gemacht«,2 was freilich übertrieben ist.

Als zuverlässliche Stücke nenne ich den »annello di Sisto IV« (mit puttini und Evangelistensym-
bolen) im Tesoro di San Pietro in Vaticano, weitere Stücke im christlichen Museum des Vatican, im
Museo civico zu Bologna, im Museo civico zu Brescia, im Museo Correr zu Venedig, ferner in Frank-
reich im Musee Cluny zu Paris, im Museum zu Besancon, in Deutschland im Braunschweiger Museum,
in einer hannoverschen Pfarre Iburg, endlich besonders zahlreich in den Sammlungen und Kirchen-
schätzen Oesterreich-Ungarns, im Besitz Seiner kaiserlichen Hoheit des Herrn Erzherzogs Franz
Ferdinand von Oesterreich-Este in Wien, zu Trient, Göttweih, Heiligenkreuz, im Schloss Kroisenbach,
im Domschatz zu Gran, im Besitz des Fürsten Ernst Windischgrätz zu Wien3 und im neuen kunst-

1 Castan a. a. O., wo auch eine kleine Arbeit des Chiffletius benützt wird (Joan. Chiffletii »Annulus pontificius Pio
Papae II assertus«. Antuerp. 1658).

2 Eudel: Le truquage, deutsche Uebersetzung von B. Bucher »Die Fälscherkünste« (S. 66).

3 Die hier angeführten Ringe kenne ich mit Ausnahme derer in Trient, Göttweih und Iburg alle aus eigener An-
schauung. Den Iburger Ring fügte ich nach einer Bemerkung F. Bock's hier ein (Jahrbuch der k. k. Central-Commission
III, S. l37 ff.: »Der Schatz der Metropolitankirche zu Gran in Ungarn«). Bock sagt: »Wir machen im Vorbeigehen darauf
aufmerksam, dass auch das Kloster Melk einen ähnlichen Ring besitzt, desgleichen die Pfarrkirche zu Iburg im Hannö-
verischen . . .« In Melk habe ich niemals einen derlei Ring zu Gesicht bekommen. Der »annulus caeremonialis« (Bock)
des Graner Domschatzes ist neuerlich gut abgebildet in den »Chefs d'euvres d'orfevrerie ayant figure ä l'exposition de
Buda-Pest (letzte Lieferung circa 1889) Text, S. i32 f. Er stammt aus der Zeit Papst Sixtus IV. — Der Ring zu Göttweih
ist ausführlich von Heider und Häufler besprochen in deren »Archäologischen Notizen, gesammelt auf einem Ausfluge nach
Herzogenburg, Göttweih, Melk und Seitenstetten im September 1849« im Archiv für Kunde österreichischer Geschichts-
quellen 1850, S. 8 ff. Siehe auch Jahrbuch der k. k. Central-Commission II (1857), S. 146. Erwähnung auch bei Lötz in
der Kunsttopographie Deutschlands II, 144. — Die Ceremonienringe im Museo Correr sind ziemlich eingehend beschrieben
bei V. Lazari, »Notizia delle opere d'arte e d'antichitä della raecolta Correr« (Venedig 1859, S. 191), berücksichtigt auch
von Castan a. a. O. — Die Ringe in Trient finde ich erwähnt in den Mittheilungen der k. k. Central-Commission von 1886,
S. i3o. — Die Ringe des Musee des Thcrmes in Paris sind beschrieben als Nr. 5254—5256 im grossen Katalog und bei
Castan, die Braunschweiger in Herrn. Riegel's Katalog. — Der Heiligenkreuzer Ring und der im Besitze des Fürsten Ernst
Windischgrätz waren 1883 im k. k. österreichischen Museum für Kunst und Industrie ausgestellt und sind im Katalog der
historischen Bronzcausstellung verzeichnet als Nr. 597 und 598. — V. Gay's Glossaire-Artikel »anneau« nennt ein Exemplar
bei Ch. Stein (S. 35). Ich habe dieses ebenso wenig selbst gesehen wie ein Exemplar, das sich nach den Mittheilungen
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