Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 14.1893

Page: 318
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EINE FRANZÖSISCHE BILDERHANDSCHRIFT VON BOCCACCIO'S

THESEIDE.

I. Buch. In Skythien hatten die Amazonen unter ihrer Königin Hippolyta, wie sie ihre eigenen
Männer alle erschlagen hatten, auch an ihrer Küste landende Griechen misshandelt und getödtet, so
dass sich Theseus, der jugendliche Herzog von Athen, veranlasst sah, zur Bestrafung dieses Treibens
einen Kriegszug gegen das wahnwitzige Weibervolk zu unternehmen. Aber dasselbe wehrte sich gewal-
tig und es bedurfte des Aufgebotes der höchsten Thatkraft von Seite des Theseus, das Ehrgefühl seiner
Mannschaft aufzustacheln, bis endlich die Landung gelang und die Amazonen in ihre Festung zurück-
geworfen wurden, worauf eine regelrechte Belagerung derselben begann. Als die Festungsmauern durch
Unterminirung von Seite der Griechen dem Einstürze nahe gebracht waren, entschloss sich Hippolyta,
in die Friedensbedingungen, das heissTHie Unterwerfung zu willigen, ja sogar den jugendlich schönen
Beherrscher von Athen zu heiraten. Dem Beispiele ihrer Herrin folgten zahlreiche andere Amazonen
und alle versprachen, die männerlose Zeit bedauernd, hinfort brave Frauen zu werden und nie wieder
in ihre frühere Tollheit zurückzufallen.

II. Buch. T^ieseus dehnt seine Flitterwochen mit F:ppolyta, die schön war wie der Morgenstern
oder eine frische Rose im Mai, fast zu einem Jahre aus, bis ihn eine Vision zur Rückkehr nach Athen
bestimmt, wo er auf einem von den Bürgern beigestellten Prachtwagen als Triumphator seinen Einzug
hält. Vor dem Tempel der dementia werfen sich ihm fünf argivische Fürstinnen in Trauergewändern
in den Weg und beschwören ihn, ihre im thebanischen Kriege gefallenen Männer zu rächen, welche der
tyrannische Kreon nicht bestatten liess. Ein Idealheld wie Theseus kann diese Schmach und vom reli-

Von

Eduard Chmelarz.

hne den Vorwurf beleidigender Anmassung zu
fürchten, erlaube ich mir die Vermuthung auszu-
sprechen, dass nur Wenige die Theseide Boccaccio's
im Originaltexte oder in der französischen Ueber-
setzung kennen werden. Letztere erschien im Jahre
1597 in Paris, ist aber jetzt so ausserordentlich selten
geworden, dass die Hof- und Staatsbibliotheken von
Berlin, München und Wien kein Exemplar derselben
besitzen. Jedoch auch das mehrmals publicirte Ori-
ginalepos mit seinen i3oo achtzeiligen Strophen in
zwölf Gesängen oder Büchern dürften nicht Viele zu
Ende gelesen haben; denn die im Jahre 1837 erschie-
nene Ausgabe in der k. k. Hofbibliothek war beispiels-
weise bisher noch nicht ganz aufgeschnitten worden.
Folgende Inhaltsangabe des Epos wird also zurVer-
deutlichung der Bilder vielleicht gerechtfertigt sein.
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