Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 14.1893

Page: 188
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Robert von Schneider.

daran, dass er im Bilde um die Schultern die Ordenskette des goldenen Vliesses trägt, die in der Zeich-
nung fehlt. Die enge Verwandtschaft beider ist desungeachtet nicht zu leugnen. Von der gleichen Auf-
fassung belebt, stellen sie sich den nicht wenigen anderen gleichzeitigen Bildnissen dieses Kaisers,
die fast alle von deutschen Meistern sind, wie als Ausfluss ein und desselben künstlerischen Empfindens
gemeinsam gegenüber.

Dass Ambrogio de Predis, welcher viele Arbeiten für den Mailänder Hof ausgeführt hat und von
dem Lermolieff Bildnisse des Gian Galeazzo Maria Sforza, des Lodovico il Moro und des jungen Maxi-
milian Sforza kennt (die beiden letzteren als Miniaturen im Libro del Jesus der Biblioteca Trivul-
ziana), auch ein Bild der römischen Königin Bianca Maria gemalt hat, wäre an sich nicht unwahrschein-
lich. War doch vermuthlich er der Maler, der auf der Fahrt nach ihrer neuen Heimat in ihrem Gefolge
war und dessen sie selbst in einem Briefe an ihren Oheim gedenkt.1 Und nichts Anderes scheint aus
einer allerdings unvollständigen und erst zu interpretirenden Notiz des Marc Antonio Michiel, des soge-
nannten Anonymus des Morelli, hervorzugehen.2 Gleichgiltig, ob es das von ihm erwähnte Gemälde
ist, welches sich einst im Hause des Tadeleo Contarini in Venedig befand, oder es nicht ist, in jedem
Falle gibt es in einer Privatsammlung zu Berlin ein Bild unserer Fürstin, das allen Anzeichen nach
von Meister Ambrogio herrührt.3 Wir sehen sie hier in einem prächtigen Gewände aus schwerem
Brokate, mit einem Gürtel und einem Halsbande von ausgezeichnet schöner Arbeit, mit einem
reichen, mit Perlen und kostbaren Steinen besetzten Haarnetze, das Haar fest in eine lange Flechte
gedreht, die längs des Rückens hinabfällt und ihrer ganzen Länge nach mit einer Perlenschnur um-
wickelt ist. Dieselbe Flechte, die bis zur Ferse reicht, trägt die Königin auf einem Porträte im kunst-
historischen Museum des Allerhöchsten Kaiserhauses, das wohl die Copie eines italienischen Bildes ist
und in welchem sich Bianca Maria zwar in minder prächtigem Gewände aber darum um nichts weniger
reizend darstellt, wie auch auf dem Entwürfe, den Meister Gilg Sesselschreiber zu ihrem bronzenen
Standbilde für das Grabmal Maximilians ausgeführt hat.* Auf dem Berliner Gemälde ist sie noch in
der Blüthe ihrer Jugend, etwa als sie, einundzwanzig Jahre zählend, die Braut des römischen Königs
war, mit dem sie die Hochzeit im nächsten Jahre zu Innsbruck hielt (16. März 1494)- Die junge Königin
war von feiner und schlanker Gestalt und entbehrte nicht der Anmuth.5 Aber wen das Los nicht traf,
ihr Lob zu sagen, wie Giasone del Maino am Tage ihrer Hochzeit oder wie Ulrich Zasius an ihrem Sarge,
konnte sich nicht verhehlen, dass weder ihre Gesichtszüge noch ihre Gestalt der hohen Vorstellung ent-
sprachen, die man seit Alters von einer lombardischen Schönheit hatte, jener zugleich üppigen und

1 Bianca schreibt an Lodovico il Moro den 28. Dezember 1493: »Hogi simelmcnte doppo el disnare la prefata Do-
mina Archiducesa (Katharina von Sachsen, Gemahlin Sigismunds von Tirol) e venuta da nui, et havemo consumato questa
giornata in videre zugare et in grandissima letitia. E stando la Excellcntia sua ne la camera con nuy, el nostro Pinctore
con non pocho suo piacere 1' ha retrata dal naturale, con una altra de le sue donzele. Doppo la partita sua de la camera
nostra, havendone facto domandare la imagine de la Excellentia vostra, gle 1' havemo mandato per videre, quäle n' e stato
referto havcrla vista tanto voluntiera quanto dire sc possa.« F. Calvi: Bianca Maria Sforza-Visconti e gli Ambasciatori di
Lodovico il Moro alla Corte Cesarea secondo nuovi documenti (Mailand 1888), S. 49.

2 Notizia d' opere di disegno pubblicata e illustrata da D. Jacopo Morelli, seconda edizione per cura di Gustavo
Frizzoni (Bologna 1884), S. 166.

3 W. Bode, Ein Bildniss der zweiten Gemahlin Kaisers Maximilians Bianca Maria Sforza von Ambrogio de Predis
im Jahrbuch der königl. preussischen Kunstsammlungen, Bd. X (1889), S. 71 ff., wo auch eine Heliogravüre des Bildes mit-
gethcilt ist. Vgl. Lermolieff, Kunstkritische Studien, S. 243, Anmerkung. ■

4 Jahrbuch der künstr^stdrischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses, Bd. XI (1890), S. 169. Diese lange
Flechte scheint besonders in Mailand in Mode gewesen zu sein: Beatricc d'Este trägt sie in allen ihren Bildnissen (vgl. den
Aufsatz von L. Courajod, Gazette des Beaux-Arts 1877, Bd: II, S. 33o ff.), ebenso Leonardo da Vinci's »belle ferronniere«.

5 Jasonis Mayni epithalamion bei Freher-Struve, Rerum Germanicarum • Scriptores, vol. II, p. 472: gratia oris eximia,
forma totius corporis procera et eleganti, et his lineamentis a quibus Zeuxis pictor cantatissimus facile omnem pingendi
venustatem, ut a virginibus Crotoniatibus, posset excerperc. — Udalrici Zasii oratio funebris, Freher-Struve vol. II, p. 774:
his tarn praecellentibus stemmatis, sua quoque pulchritudinis dona natura adiccit; insigni enim formae venustate prineeps
nostra totiusque et corporis et membrorum elcgantia mirifice enituit, ut sicut nomine, ita et veritate rei Bianca Maria, id
est pulchra diceretur, quae insignes et gencris et naturae dotes nimirum merucre, ut ipsa orbis terrarum Domino, Divo
Maximiliano prineipi invictissimo, matrimonii nexu iungi digna haberetur. — Johannes Trithemius nennt sie in den Annalcs
Hirsaugienscs vol. II, p. 554: mulier corpore parva, sed animo magno, suaeque gentis amatrix.

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