Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 23.1902

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Campbell Dodgson.

Als Klüpfel seine wertvollen Collectaneen über die Lebensgeschichte und literarische Thätigkeit
des Konrad Celtis sammelte, galt die erste Ausgabe der Ode an St. Sebald als verschollen. Dass sie
schon 1495, und zwar nebst einer bildlichen Darstellung des Heiligen, im Druck vorgelegen hatte,
wusste er aus einem Briefe des Dichters aus jenem Jahre an Sebald Schreyer, der folgenden Passus ent-
hält: »Mitto tibi, mi Ciamose, hic insertam sancti Sebaldi vitam impressam. Plures Chartas cum per-
gamenis accepisses, cum forma ymaginis: nisi nos fatum aut negligentia mea perdere cum Norimber'ga
et ahis rebus voluisset. Spero tarnen, si spes plurimam cadit, te operam daturum, ut sacculus re-
inveniatur. Ego summam diligentiam dum abirem in villis et tabernis et sacerdotibus feci, ut tibi aut
ad parochiam sancti Sebaldi, si inveniatur, praesentetur.«1 Da ihm aber kein Exemplar bekannt war,
musste Klüpfel sich mit Vermuthungen über Zeit und Ort der Entstehung dieser Ausgabe begnügen.
Was den Zeitpunkt betrifft, nahm er das Jahr 1495 als jenes an, in dem der Brief geschrieben wurde.
Er entschied sich ferner für Augsburg als den wahrscheinlichen Druckort, da Celtis sich damals in Ingol-
stadt aufhielt und von dort aus in dem naheliegenden Augsburg eher als in Nürnberg seine Ode am
bequemsten habe drucken lassen können. Das Bild stellte er sich schliesslich als etwas Aehnliches vor
wie den ihm bekannten Holzschnitt der Quatuor Libri Amorum.2

Diese sinnreichen Vermuthungen dürfen uns aber heutzutage nur als antiquarische Spielereien
interessieren, da wir wissen, dass die erste Ausgabe der Ode an St. Sebald in zwei Varianten, be-
ziehungsweise Auflagen, erhalten ist, deren eine in der k. k. Hof bibliothek zu Wien, die andere in einer
aus Schreyer'schem Besitz herstammenden Handschrift der Merkel'schen Bibliothek im germanischen
Museum zu Nürnberg aufbewahrt wird (Ms. 1122, Bl. 70).3 Diese Ausgabe war schon 1827 Hain bekannt
(Nr. *4844), während der Holzschnitt, welchen bereits Thausing4 mit ein paar geringschätzigen Worten
erwähnt hatte, erst von Muther5 und Schreiber6 in die Handbücher eingeführt wurde. Dieses höchst
interessante Einzelblatt wird hier zum erstenmale nach dem Wiener Exemplar in getreuer, etwas ver-
kleinerter Nachbildung wiedergegeben (Taf. III). Im Originale misst der Holzschnitt 280 : ggmm. Das
Nürnberger Exemplar ist coloriert; im Wiener Exemplar sind nur des Heiligen Kopf und Hände bemalt.

Die Entstehungsgeschichte dieses Blattes ist uns durch einen glücklichen Zufall ziemlich voll-
ständig überliefert worden, da das andere Exemplar in Nürnberg von einer handschriftlichen Notiz be-
gleitet wird, deren Inhalt von irgend einer kundigen Person aus der Umgebung Sebald Schreyers her-
rührt. Wie das Blatt im Codex eingebunden steht, nimmt diese Notiz die Vorderseite, der Holzschnitt
sammt Gedicht die Rückseite ein.7 Auf der Vorderseite steht also geschrieben: »Item als auf anregen
vnd begeren Sebolten Schreyers der hohgelert Conradus Celtis poeta laureatus etc. von Sant Sebolt
etliche carmina anno domini xiiijc lxxxxiij gemacht hat, der auch einszteils in demselben jar zu dem
hympno an seinem abent vnd tag gesungen sind worden vt libro B. folio ijcxxx also hat nachuolgend

1 Klüpfel, a. a. 0. II, 42, 148. Der Brief wurde zum ersten Male von Theophilus Sincerus veröffentlicht (Bibliotheca
Historico-critica, Nürnberg 1736, p. 351). Die ursprüngliche Lesart »ymaginis« wurde von Klüpfel in »imagines« geändert.
Der von Sincerus, p. 347—367, abgedruckte Text nimmt Bl. 71—80 desselben Codex des Germanischen Museums ein, welcher
auf Bl. 70 b die gedruckte Ode enthält.

3 a. a. O. II, 44.

3 Herr Director Dr. Hans Boesch, der so freundlich war, eine Photographie des Wiener Exemplares mit dem Nürn-
berger Originale zu vergleichen, hat mich auf folgende Unterschiede aufmerksam gemacht, welche beweisen, dass das Wiener
Exemplar einer früheren Stufe der Drucklegung entstammt, während es sicher in derselben Officin gedruckt wurde, wie das
Nürnberger. In der Ueberschrift sind in Nürnberg »Norice.« und »sacre« (e statt e) zu lesen. Die Interpunktion ist durch-
aus eine sorgfältigere; in der zweiten Stanze z. B. liest man »parentes:« »vacassent,« »suscepto:« u. s. w. In der zweiten
Spalte Z. 5 steht das M schon im Satze, wahrend auf dem Wiener Exemplar ein N mit der Feder corrigiert werden musste.

4 a. a. O. I, 274. Thausing möchte das Blatt um 1490 ansetzen.

5 Bücherillustration, Nr. 456.

6 Manuel de l'Amateur II, 165, Nr. 1673. Die dort citierte Stelle aus Passavant bezieht sich auf den späteren, Dürer zu-
geschriebenen Holzschnitt (B. app. 20). Schreiber hat die unten stehenden Wappen verwechselt, während er die oben
stehenden einfach beschreibt, ohne sie zu erklären.

7 Die Beschreibung des Blattes sowie eine Abschrift der auf der Vorderseite stehenden Notiz verdanke ich der Ge-
fälligkeit des Herrn Director Dr. Hans Boesch in Nürnberg. Dr. Dörnhöffer hat mich auf die Existenz des Nürnberger
Exemplars aufmerksam gemacht.
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