Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 26.1906/​1907

Page: 182
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Hans Tietze. Annibale Carraccis Galerie im Palazzo Farnese und seine römische Werkstätte.

Regeln war es, die die jungen Maler, die wir in Annibales Werkstätte kennen gelernt haben, zu Be-
ginn ihrer Laufbahn zu einem fast einheitlichen Stile nötigen, sondern die ausströmende lebendige
Kraft ihres Meisters. Noch zu Lebzeiten Annibales, als er zu schaffen aufgehört hatte, beginnen die
Gegensätze sich leise aber deutlich zu rühren; nach seinem Tode treten sie dann unverhohlen hervor.
Für Rom kommen nur zwei der jungen Meister in Betracht, denn Albani und Badalocchio kehren bald in
ihre Heimatstädte zurück und bescheiden sich damit, in der Provinz in der ersten Reihe zu stehen;
zwischen Lanfranco und Dominichino aber brechen künstlerische Konflikte in der allerschärfsten Form
aus und steigern sich bis zu persönlicher Feindschaft. Vergegenwärtigt man sich Werke, die ihrer Spät-
zeit entstammen, so glaubt man das Erbe Annibales so zwischen die beiden verteilt zu sehen, daß dem
Lanfranco sein dekoratives Können und sein kompositionelles Talent zugefallen wäre, Dominichino
ihm dagegen die Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit der Naturbeobachtung und -Wiedergabe ver-
danke. Treibt der erstere, der momentan der Sieger geblieben war, in einer Richtung, die sich dem
von den Carracci zurückgedrängten Manierismus in bedenklicher Weise näherte, so tritt bei letzterem
das eigentlich Akademische stark in den Vordergrund. Über den von Dominichino beeinflußten Niccolo
Poussin und über Albanis Schüler Andrea Sacchi führt die Verbindungslinie zwischen dem Stile Anni-
bale Carraccis und dem Klassizismus.

Die Fähigkeit, in dieser Weise in die allgemeine Entwicklung einzugreifen, erwarb Annibale Car-
racci erst in Rom; vorher erscheint er als eine hauptsächlich von Correggio beeinflußte künstlerische
Persönlichkeit, die nur graduell von den Zielen der Zeitgenossen abweichende Tendenzen verfolgt.
Denn das Zurückgehen auf correggeske und venezianische Vorbilder war in Bologna schon lange üblich;
und dazu gesellt sich seit der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts ein zielbewußtes Studium der
Natur.1 Der Aufenthalt in Rom brachte den hervorragendsten Vertreter der Bologneser Malerei, also
der Verbindung parmesischer und venezianischer Richtung, in direkte Berührung mit einer ihm neuen
Kunstwelt, speziell mit der Antike und den klassischen Werken des Cinquecento. Zweifellos drangen
dadurch neue Elemente in seinen Stil ein; doch läßt sich daraus durchaus nicht die Berechtigung ab.-
leiten, von einem bewußten Eklektizismus etwa im Sinne Lomazzos zu sprechen. So viel die Theo-
retiker der Zeit auch von jenem Programme zu verkünden wußten, für Künstler lag die Unmöglichkeit
seiner Durchführung zu sehr auf der Hand, als daß sie sich ernstlich damit befaßt haben könnten. Wohl
war es schwer, sich den großen Vorbildern ganz zu entziehen, und in manchen Fällen sehen wir die
Künstler widerstrebend in den Bann jener Meisterwerke geraten. Aber einem unsinnigen Malrezept,
wie es das dem Agostino Carracci zugeschriebene Sonett an Niccolö d'Abbate zusammenstellt,2 zu fol-
gen, ist wohl niemandem in den Sinn gekommen. Selbst Dominichino, der sich doch so gern an ein
Vorbild anlehnte, schreibt über jene Stelle bei Lomazzo mit unverhohlenem Entsetzen: «Dice ancora
che a fare un quadro perfetto sarebbe Adamo ed Eva; 1' Adamo disegnato da Michel Angelo, e colorito
da Tiziano; l'Eva disegnata da Raffaelle, e colorita dal Correggio. Or veda vostra signoria dove va a
cadere chi erra ne' primi principi.»3 Annibale Carracci mit seinem großen Können, seiner tiefen Gründ-
lichkeit und seiner außerordentlichen Gewissenhaftigkeit brauchen wir in dieser Hinsicht gar nicht zu
befragen. Denn in den römischen Werken, die doch am meisten von jenem Eklektizismus durchtränkt
sein müßten, haben wir nichts davon wahrgenommen; und unser Urteil wird sich mit dem Bianconis4
decken, der, die Einflüsse der verschiedenen Meister auf die Carracci wohl bemerkend, doch zu dem
Schlüsse kam: Carraccesca e la maniera de'Carracci.

1 Ein direktes Zeugnis dafür in den Avvertimenti del Dottore Aldovrandi al M° e Rm° Cardinale Paleotti sopra alcuni
capitoli della pittura: Bologna, Kommunalbibliothek, Ms. Herc. 244.

2 Malvasia I, p. 159; siehe dazu eine scharfsinnige Erklärung Corrado Riccis im Marzocco vom 15. März 1903.

3 Bottari, Raccolta II, 3g3.

4 Lettere del consigliere Gian Lodovico Bianconi . . . sopra il libro del Canonico Luigi Crespi Bolognese intitolato
Felsina Pittrice, Milano 1802, II. Brief.
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