Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 33.1916

Page: 1
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1916/0009
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
JUGENDWERKE VON RUBENS

von

Gustav Glück.

I. Das Bildnis eines Prinzen von Gonzaga.

TO

mm

m Jahre 1908 tauchte auf einer der kleineren Versteigerungen des Wiener Doro-
theums ein durch Schmutz und Übermalung entstelltes überlebensgroßes Brust-
bild eines Knaben auf, das im Auktionsverzeichnisse einem Nachfolger Paolo
Veroneses zugeschrieben wurde, mit der merkwürdigen Nebenbemerkung, es
erinnere auch etwas an Rubens' Jugendwerke. Uns schien die schwankende
Zaghaftigkeit des Sachverständigen der genannten Versteigerungsanstalt hier nicht
am Platze zu sein, da wir das Bild trotz dem nicht ansprechenden Zustande, in
dem es sich befand, für ein Original von Rubens' Hand hielten. Es wurde uns nicht schwer, es
um einen geringen Preis für die kaiserliche Galerie zu erwerben (Taf. I). Schon damals vermuteten
wir, daß dieses Porträt zu einem leider nur in verstümmeltem Zustande erhaltenen, bedeutenden
Jugendwerke des großen Meisters in näherer Beziehung stehe. Die sorgfältige Reinigung des Bildes
durch den Restaurator Hermann Ritschel ergab nicht nur, daß diese Annahme begründet war,
sondern auch erfreulicherweise, daß das Porträt bis auf wenige kleine Schäden wohlerhalten auf
uns gekommen ist.1

Dargestellt ist — stark über Lebensgröße — ein aus großen Augen munter den Beschauer
anblickender, etwa zehn- bis zwölfjähriger Knabe mit krausem, braunem Haar und schwellenden,
roten Lippen; er trägt ein reiches Gewand aus goldbrokatähnlichem Stoffe mit gepufften Ärmeln
und darüber einen vielgefältelten Mühlsteinkragen. Im Hintergrunde sieht man rechts ein Stück
einer verzierten Säule, links — an einer Stelle, die bei der Auffindung des Bildes mit einem gleich-
mäßigen dunklen Ton überschmiert war, — den Rest einer zweiten Figur, von der noch die
betend erhobene rechte Hand und das weiße Kreuz der Ritter von Jerusalem auf der Brust des
schwarzen Gewandes deutlich erkennbar sind. Nur ein kleines quadratförmiges Stückchen Leinwand
hat ein früherer Restaurator in der rechten oberen Ecke des Bildes angesetzt, es ist bei der gegen-
wärtigen Wiederherstellung mit einem neutralen Tone zugedeckt worden.

Ohne Zweifel handelt es sich hier um ein Bruchstück eines größeren Gemäldes. Wenn es
auch nicht gelänge, dieses nachzuweisen, so würde selbst bei dem Fragment allein die Urheber-
schaft Rubens' unbestreitbar sein. Man vergleiche es nur mit dem — sicherlich mehrere Jahre später
entstandenen — berühmten Selbstbildnis des Meisters mit seiner ersten Frau Isabella Brant in
der Münchner Pinakothek und man wird in der Auffassung und Anlage des Porträts, in der eigen-
tümlichen Zeichnung von Augen, Nase und Mund die auffallendsten Ähnlichkeiten finden. Ebenso
deutlich spricht für Rubens' Hand die Art, wie das reiche Lockenhaar gemalt ist. Wie Dürer liebte
es auch Rubens, besonders in seiner frühen Zeit, durch die meisterhaft sichere Behandlung der
geringelten Löckchen reichen Haarschmuckes die Freiheit und Leichtigkeit seiner Hand zu zeigen.
Als Beispiele mögen die Apostel Paulus und Johannes Evangelista aus der bekannten, i6o3 in
Spanien enstandenen Reihe im Prado zu Madrid (Fig. 2 und 3), das Bildnis eines Mönches in der

1 Es ist auf Leinwand gemalt und y6-3 cm hoch, 61 cm breit.
XXXIII.
loading ...