Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 2.1897, Band 1 (Nr. 1-26)

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1897

JUGEND

Nr. 24

Fri/% Hegenbart (München.)

sondern auch den jetzt erst bewußt gewordenen
Reiz schützen wollten: etwas zu haben, was die
Andern beneideten und ersehnten. Während
diese noch ein Gesetz vorbereiteten, das ihnen
ihren angestainmten, ererbten, historischen Besitz
der Rosen durch ein Monopol sicher stellen sollte,
brach der Aufstand los, der mit einem vollstän-
digen Siege der Egalisirungspartei endete. Und
zwar hauptsächlich deshalb so endete, weil die
sittliche Idee, die diese Partei beseelte, sich schließ-
lich in das gegnerische Lager eingeschlichen hatte;
über allen Gegensatz der Interessen hatte sich
das Ideal der sozialen Gerechtigkeit erhoben
und ihr äußerer Sieg besiegelte nur den inneren,
den sie schon gewonnen hatte.

So war denn endlich Friede, Gleichheit,
Glück errungen. Auf jedem kleinsten Fleckchen,
das ein Bürger besaß, blühten Rosen, und
die neue Auftheilung des Landes, die man
zugleich vorgenommen hatte, schaffte jedem die
gleichen Bedingungen ihres Gedeihens. Alles,
was die äußere Verfassung der Dinge den
Menschen gewähren kann, gab sie ihnen nun
mit gerechtester Vertheilung ihrer Gunst. So
gleichmäßig freilich, wie die Seiten einer mathe-
matischen Gleichung, konnten die Antheile den-
noch nicht ausfallen. Immerhin hatte
der Line die glücklichere kfand im
Aufziehen der Rosen, der Andere ein
wenig mehr Sonne, der Dritte ein
kräftigeres Pfropfreis; denn die
Natur läßt sich immer nur ganz un-
gefähr, und ohne sich irgendwie zu
binden, auf die Symmetrie der
menschlichen Pläne ein. Aber diese
minimalen Ungleichheiten sah man
als etwas an, worein man sich un-
vermeidlich zu schicken hätte, wie man
noch vor kurzer Zeit jene großen,
jetzt beseitigten Unterschiede hinge-
nommen hatte —; ja, vor dem Ge-
waltigen, das man errungen hatte,
nahm man diese quantit£ ndgligeable
eigentlich gar nicht wahr.

Daß es nun aber doch ganz an-
ders kam, dafür sorgte eine merk-
würdige Eigenschaft der menschlichen
Seele, die so tief in ihr wurzelt und
sich so in ihre Erlebnisse jedes Tages
verästelt, daß sie überhaupt erst nach
Jahrtausenden des Nachdenkens über
unfern Geist festgestellt worden ist.

Nichts anderes nämlich kann die Seele
empfinden, als den Unterschied ihrer

augenblicklichen Bewegung und Reizung gegen
die vorangegangene; in räthselhafter Form
klingt diese in ihr nach und bildet den lqinter-
grund, an dem der jetzige Augenblick seinen
Inhalt und seine Bedeutung gewinnt und
mißt. Darum erscheint uns das Leben, auf
welchen lhöhen oder in welchen Tiefen es auch
verfließe, so leer und gleichgiltig, wetin ihm
die inneren Unterschiede mangeln, so daß man
die ununterbrochene Seligkeit des Paradieses
als eine ebcitso ununterbrochene Langeweile
fürchtet. Der Verlust von lsundcrttausenden
macht den Reichen nicht unglücklicher, als den
Armen ein paar verlorene Thalcr und auf
den ersten Staffeln der Liebe beseligt ein ver-
stohlener Händedruck nicht minder, als auf
ihren höchsten der endliche Gewinn restloser
Beglückung. Nicht also die absolute Größe
der Lebensreize empfinden wir, nicht wie
hoch oder tief das Gesammtniveau unserer

Befriedigungen ündsLntbehrungen liegt; son-
dern nur, mit welchen Unterschieden seine ein-
zelnen Erfüllungen sich von einander abhebcn.
Darum wird, wer aus einem Lebensniveau
auf ein ganz anderes erhöht oder herabgedrückt
wird, nach kurzer Anpassungsfrist die Schwank-
ungen und Unterschiede innerhalb des neuen
mit genau denselben Freude- und Leidgefühlen
beantworten, wie die soviel größeren oder
geringeren des vorangegangenen Zustandes.
Unsere Seele gleicht jenen feinen Mechanismen,
die auf jede Aenderung äußerer Bedingungen
mit einer sclbstthätig geänderten Einstellung
reagiren, so daß ihre Leistung immer die
gleiche bleibe. Und wenn unser Verhältnis; zu
andern Menschen, die Unterschiede von lhöhe
und Tiefe ihnen gegenüber sich zu Gefühlen
verinnerlichen — so wird auch an diesen sich
offenbaren, daß wir solche nnterschiedsempfind-
liche und zugleich so anpassungsfähige Wesen
sind, um an die veränderte Größe
der Reize schließlich die gleiche Größe
des Gefühls zu knüpfen.

Es ging also nun, so lange cs
ging; aber eines Tages war die An-
passung vollbracht und jene kleinsten
Unterschiede in Farbe und Form, in
Duft und Reiz der Rosen, mit denen
sich die Natur doch als die letzte
Instanz über allen Ausgleichungs-
versuchen erweist, erregten den glei-
chen lsaß und Neid, denselben lsoch-
muth auf der einen Seite, dasselbe
Gefühl der Enterbthcit ans der an-
dern. Und von Neuem begannen
spitze Theorien sich in die Geister
zu bohren: wozu denn aller Besitz
diene, als um die Menschen auf eine
höhere Stufe des Glücks zu heben?
ob denn nicht alles äußere Haben
nur dadurch Sinn bekomme, daß es
Befriedigungsgcfühle erweckt, ohne
die es eine Schaale ohne Kern, ein
Appell an taube Vhrcn sei? ob denn
die ganze Empörung gegen jenen
früheren Zustand aus Anderem her-
vorgegangen sei, als aus dein em-
pfundenen Leiden der Ungleichheit,
der Entbehrung, der Ungerechtigkeit
und ob dem durch ein äußeres Hin-
und Herschieben der Güter abge-
holfen sei, das innerlich Alles beim
Alten lasse? Lin bloßer Masken-
wcchfel l Die fürchterliche Erkenntniß

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Fritz Hegenbarth: Zeichnung ohne Titel
Hans Christiansen: Zeichnung ohne Titel
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