Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 3.1898, Band 1 (Nr. 1-26)

Seite: 163
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1898

,,CliÄre Ma.nan!

Ein Junge, — ein Prachtjunge! Lo ist
munter und wohl. Komme sofort zu uns, nur
erwarten Dich gleich. Ich schicke das Coupe, so-
bald wir deu Arzt erst spedirt haben. Wir sind
überglücklich! Deine Kinder

Lo und Fred."

Madame Adcline de Soiron zittert so sehr,
daß sie sich setzen muß. Entweder war die Rad-
tour am Morgen eine zu ausgedehnte gewesen,
oder sic hatte die Douche darauf zu kalt ge-
nommen!

Welche Ueberraschung! So unerwartet bald!
Diese kleine Lo! Ihre Lo!

Und vor Madames Augen steigt plötzlich die
Erinnerung empor, greifbar deutlich.

Das große, grün ausgeschlagene Zimmer, auf
dessen dickem Velourteppich sie alle dahingeglitten.

Der Doktor, die „sago-temms," das Stuben-
mädchen und die in Bereitschaft gehaltene nor-
männische Amme. Nur die Mutter fehlte; sie
war auf einem Ball.

Herr v. Soiron, bereits dreimal mit immer
weniger sanfter Gewalt vom Arzt entfernt, öffnete
von Zeit zu Zeit eine Spalte der Thüre und steckte
sein blasses Gesicht mit sorgenvollen Augen herein.

Und Adeline sah es, wenn ihr die heftigen
Schmerzen ans Minuten Ruhe gönnten. Aber
nicht nach ihm sehnte sie sich. Leise seufzte sic
einmal: „Maman." Aber nur ganz leise. Sie
Ivußte ja, Maman war auf dem großen Ball.

Ein Geruch von warmem Seisenwasser, Fen-
chel und Carbol legte sich breit in den Raum,
in welchem ihr die Gestalten, die darin so laut-
los und emsig beschäftigt waren, wie in einem
Nebel erschienen.

Endlich sah sie nur mehr die große, weiße
Haube der Normännin deutlich.

„Nicht schlafen," sagte eine harte Stimme.

Und gleich darauf kam das Furchtbare. „Ma-
man," schrie sie auf und wieder und wieder
„Maman, Maman!"

Daun halte sie das Gefühl, als löste sie sich
langsam vom Leben, — schmerzlos versinkend
in ein Nichts.

„Ein Mädchen," sprach der Arzt gleichgiltig.

„Nur ein Mädchen," die „sage-femme.“

„Ein reizendes Mädchen!" schluchzte Mon-
sieur de Soiron. Und dann kniete er neben dem
Bett seiner Frau nieder, und küßte deren blasse
Hand.

Großmamau sagte natürlich nichts, — vorder-
hand, — sie war ja auf dem Ball!-

— — Madame Adeline hat den schmalen
Kopf, um den sich das hochaufgesteckte, rothbraune
Haar bauscht, auf die Hände sinken lassen. Ma-
dame weint!

Dann erhebt sie sich langsam. Aus dem, wie
Verivischten, Gesicht aberliegt jetzt ein Heller Schein.

Mechanisch nestelt sie an dem weißen Schlaf-
llvck, schneller und schneller werden ihre Beweg-
uugenj eine warme Rothe steigt ihr in's Gesicht.
Sie kann Haken und Oesen nicht finden, vergißt
aber ganz, daß Nina draußen hilfsbereit harrt.
Um die Mundwinkel zuckt es immer wieder, die
feuchten Augen glänzen.

Sie überhört Rina's Klopfen ganz.

„Madame — es ist Zeit zur Toilette, — und
hier die Blumen von —"

Madame, ein träumerisches Lächeln auf den
Lippen, nickt mechanisch und wirft den kostbaren
Orchideenstrauß auf's Bett.

Unten fährt ein Wagen, sie lauscht gespannt.
Er rasselt durch das geöffnete Thor, rollt die
manche herauf, und hält knirscheitd auf dein Kies.

„Nina — das graue Kleid uitd meinen leichten
Abendmantel."

Madames Stimme zittert ein wenig.

„Ich fahre sofort zur Baronin, — meiner
Tochter!" —

. JUGEND -

Nr. 10

H. M. Kley (Karlsruhe).

16)
Heinrich Kley: Abendnebel
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