Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 7.1902, Band 1 (Nr. 1-26)

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J u GEN D

Nr. 2

,/A AU5TRAG5TÜBERL

KäfergescbtcbU

^ftin Hornung ging in seinem vvald
'**' Voll Gravität spaziren;

^cin Schild war hart, sein Her; war kalt,
"Mas kunnt' ihm groß passircn?

An seinem Ropfc trug er stolz
^wci Zangen, hart wie Eichenholz —

VOci- mag ihn attaquircn?

Er weiß, er zahlt im Räscrstaar
Glicht zu den sieben Süßen,

Drum läuft, was nur sechs Beine har,
YOcr’s nicht timt, muß cs büßen:

Alach rcchis gezwickt, nach links gezwickt,
And den dorr an die Vvand gedrückt,
Fcinslicb, ich thu' dich grüßen I

^Ss pürscht er just an einen Platz,

Ws ein Getös man hörre,

VDcil gegen einen jungen Spatz
Ein Schmetterling sich wehrte.

Der junge Schnabel war noch weich,
Drum ködkctc er nicht sogleich
Ansunst — ade, o Erde!'

Herrn Hornung faßt ein Rühren an,

Er wackelt mit den Zangen,

Der junge Spay entsetzt sich dran
And fleucht davon mit Bangen.

Der Sieger aber lächelt: „Ach,

Klein lieber Herr von Flattcrbach,

Fast wär's Euch schlecht gegangen!

rum, zum Teufel, packt Ihr nicht
Rcrl und laßt Euch picken?"
arme Flatrrcr aber spricht:
h habe nichts zum Zwicken!
bin, das ist der Jammer ja,

»schließlich scheint'« zum Fühlen da
d etwa zum Entzücken!"
brummt Herr Hornung: „Ja, »och nie
b' ich's so klar empfunden,

.) bin das wahre Ucbervich,
steh' ich's unumwunden I
r Regenwurm zum Beispiel da,
iß' auf, wie ich ihn, Hopsasa
al packe» will da unten!"

:idi! pardauz! Man glaubt cs kaum —
i» Ries' springt auf, — im Bogen
st der Herr Hornung an den Baum
rschmcttcrnd hingcflogen:

»d so erklärt sich die Gcschicht:
in Regenwurm war's diesmal nicht,

Jsran er just gezogen.

len Finger hatte er gezwickt
)om Franz aus Irrthum eben,

Tu» muß sich gleich, wie ungeschickt,

An Todesfall begeben I
drum Freund, gib Achtung ganz verflixt,
Saß Du nur stets den Richk'gcn zwickst —
Zonst kannst Du was erleben!

Malter Mock

Kernel) an pilai

Von Msxlm dorki)

„'s bleibt einem nichts weiter, — wir müssen
in die Salzwerke! Scheußlich sauer — diese ver-
dammte Arbeit, aber — dran muß man doch;
denn so krcpirt man, will's das Unglück, eines

Tages noch vor Hunger!"

Mit diesen Worten zog mein Kamerad Jemeljau
Pilai wohl zum zehnten Male seinen Tabaksbeutel
aus der Tasche und überzeugte sich davon, daß er
beute genau ebenso leer war wie gestern. Er seufzte,
spuckte aus, drehte sich auf den Rücken und be-
gann, vor sich hinpfeifcnd, zum wolkenlosen, glut-
athnienden Himmel hinaufzuschaüeu. Wir lagen
mit ihm aus einer Sandbank, etiva drei Werst von
Odessa, woher wir gekommen waren, weil wir
keine Beschäftigung gesunden hatten; hungrig wie
wir waren, legten wir uns nun die Frage vor:
Wohin weiter'?. .. Jemeljau hatte sich aus dem
Sande mit dem Kopfe zur Steppe und den Füßen
mm Meer hin ausgestreckt, und die Wellen, die
sanftrauschend den Strand bespülten, wuschen seine
nackten und schmutzigen Füße. Er blinzelte in
die Sonne und reckte und dehirte bald sich wie
ein Kater, bald schob er sich tiefer zum Meere hin-
ab; dann übergoß ihn die Welle fast bis zu den
Schultern. Das war ihm angenehm: es versetzte

träa-melancholische Stimmung.

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Walter Wock: Käfergeschichte
Franz Wilhelm Voigt: Im Austragstüberl
Maxim Gorki: Jemeljan Pilai
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