Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 7.1902, Band 1 (Nr. 1-26)

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JUGEND

Des Kaisers Jofepb II. Bildtäulc

Caht mich herab von dicfcr hohen Stelle,

Jluf die ihr mich geletzt zu Prunk und Schau;
Prunk, mir verhaht, als noch die Lebenswelle
Durch diele Jldern lloh ballamilch lau.

Langst ift ja doch mein ird'lcher Leib verlese»,
Und nun durch euch mein 6eilt getödtet auch.

Soll hören ich mein Uriheil hier verlesen
Don hoher Diihne, wie’s bei Sündern Drauch?

[Das ich geschallen, habt ihr ausgereutet,
was ich gethan, es liegt durch euch in Staub,

Die Zeit wird lehren, was ihr ausgebeutet;

Mich wählt zum Fehler nicht für euren Raub!

Mir war der Mensch nicht Zuthat seiner Röcke,
Isis Rinder, Drüder liebt' ich alle gleich;
ähr Iheilt die Schaar in Schale und in Röcke,

Und mit den Döcken nur erlreut ihr euch.

gerechtigkeit hielt ihre Wage mitten,
ähr äfrm traf hoch und Dieder gleicher Rratt;
ähr fragt: wer ritt? nicht: wer wird überritten?

Der Schade bleibt, als Schade schon bettraft.

Und über meine Dölker, vieler Zungen,

Slog hin des deutschen Jfdlcrs Sonnenslug,

Gr hielt, was fremd, mit leifem Band umschlungen,
Dereinend, was sich thöricht selbst genug.

Den Spiegel deutscher Lehr' in Runlt und Wirken,
Trug er, von keinem Unterschied gehemmt,

Bis ;u den letzten dämmernden Bezirken,

Wo noch der Menlch sich selbst und andern fremd.

Dun aber tönt's in wildverworrnen Lauten,
wie (trotz und Roheit sich der Menge beut,

Dem Thurme gleich, den sie bei Babel bauten,
Znlolgedes die Menschen sich zerstreut.

Doch eines war, das habt ihr noch gehalten,

Bis dielen Tag, aus Trägheit, Furcht, zum Spott:
Der glaube fand sich längst in sich gespalten,

Mir war er eins, mit Recht, wie Menlch, wie 6ott.

Und in der Brust, dem innerlichsten Leben,
Dergönnt' ich jedem leinen Weihaltar,

Der Lüge ist die äuhre Welt gegeben,
äm Znnern lei der Menlch sich selber wahr.

greift noch an dies! Die heil'ge Ueberzeugung,
Macht wieder sie zum leeren Sormenlpiel,

Der überirdisch unerklärten Deigung —

Seht ihr ein selbstgemachtes, rohes Ziel!

Cntfaltet wieder sie, die schwarze 5ahne,

Die meine fromme Mutter schon verhüllt,

Den guten Gnkel, macht ihn gleich dem älhne,

Der, Irommgetäulcht, die West mit Mord erfüllt.

Thut's, denn ihr wollt's! - - Mich aber Iaht von hinnen,
Treibt nicht mit meinem heil'gen Damen Scherz!
Man ehrt den Man», verehrend lein Beginnen,
Bracht ihr mein Werk, zerbrecht auch dieses Grz!

Doch brächet ihr's in noch Io kleine Trümmer,

Cs kommt der Tag, der wieder sie vereint,

Und einst bei frühen Morgens erstem Schimmer,

GH' noch ein Strahl die Rasterburg bescheint;

Wenn ihr euch wälzt in schlummerlosen Träumen,
Weil Boten brachten blut'gen Rrieges Wort,
getäuschte freunde mit der fzille säumen,

Und Stürme herzieh'n vom beeisten Dord;

Wenn JTrt und Stamm das eigne Dolk entzweien,
getrennter Zweck sie scheidet hin und dar,
Streistücht'ge psasten ihre gläub'gen reihen
Um ihren, nicht des Daterlands Jfltar;

än Scham sich eurer Izeere Stirnen malen
Ob ihres Zuhrers, den die gunst berief;

Der Schatz nur reich an Zistern und an Zahlen,

Der Schuldbrief aufgelöst in Schuld und Brief; —

yört ihr es dann in gleichgemestnen Tönen
Durch Strahen, schweigend noch von Dolkes Ruf.
.Huf funkenfprühendem graust erdröhnen
Wie eines eh'rnen Rostes Wedzkelhuf:

Dann denkt, ich kam zum jüngsten eurer Tage,
Was feig verdunkelt, kehrt zurück ans Licht,

Und mit der Weltgeschichte Demantwage
geh' ich ob meinen Lnkeln zu Gericht.

Tranz Grillparzer

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Julius Diez (München)
Julius Diez: Rahmen zum Gedicht "Des Kaisers Joseph II. Bildsäule"
Franz Grillparzer: Des Kaisers Joseph II. Bildsäule
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