Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 7.1902, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 21

JUGEND .

1902

Ein milder Papst hat endlich Dich

vertheidigt,

lind Dein Verdammungsurtheil er zerriß,
Doch schnöde ward Dein Freiheitsbrief

beseitigt.

Dein Auge brach in Kcrkerssinstcrniß.

Und die im Leben Dich so schwer beleidigt,
Sie schrieben auf dein Grab: Mirabilis.

Roger Baco

Doctor mirabilis

Wer von der Frucht der Wahrheit je genoß,
Den lüstet es darnach sein ganzes Leben.
Du aßest sie mit Seelenangst und Beben,
Als Dich des Klosters Kerker eng umschloß'

Der eignen Brüder dumm sanat'scher Troß
Hat Dich deni tiefsten Jammer preisgcgebe».
Und sie begriffen nicht Dein frommes

Streben,

Weil Deine Wunder für sie allzugroß.

(sinöäs Uiieblsnbeiin bei X^euburg im £ßoos
Geburtsbaus pettenkofers

Sonette von (fiax v. pettenkorer z

Pflanzenreich

Ihr Pflanzen all! wie wird mein Herz crwcitet,
So oft zu euch sich das beengte wendet!
Ihr seid wie Friedensprediger gesendet,

Und Wohlthun ist das Werk, das ihr verbreitet.

In -er Heimath

Erblick' ich deinen stillen, öden Grund,

' Wo ich geboren, weit gedehntes Moor,
Dann drängen selt'ne Bilder sich hervor,
Wie ich als Knab' auf deinen Steppen stund.

Widmung

Mein Haupt gedankenschwer zurückgelehnt,
Hing fest mein Augenstern an Deinem

Munde.

Da gab von Dingen er so sichre Kunde,
Wornach sich heimlich längst mein Herz

gesehnt.

Mein Geist hat seinen Umfang ausgedehnt,
Seit er sich weiß mit Dir in enger'm Bunde,
Und wenn er etwas schafft mit seinem Pfunde,
Von Deiner Kraft hat er den Mnth entlehnt.

Du warst der Ulmbaum, ich die schwache Rebe,
Du ließest sie empor an Dir sich ranken,
Und freutest Dich, daß sie nach aufwärts strebe.

Oft trat ich mir die nackten Füße wund,
Wenn ich der Heerde nach durch tiefes Rohr
Mich in Nomadeneinsamkeit verlor,

Doch heiter klang das Lied aus meinem Mund.

Arm und genügsam wie das Haidekraut,

Das blühend sich deni kargen Land entringt,
Hab' damals ich zum Himmel aufgeschaut.

Warum mir jetzt kein frohes Lied gelingt?
Sehnsucht und fromme Wünsche werden laut,
So oft ein Nachhall jener Zeit erklingt.

Chemische Kunststücke

Wir sind die Zauberer, die sie verbrannten,
Die Kobolde, die man hinabbeschwor:

Jetzt sind wir mächtiger als je zuvor,

Als sie mit Zittern unfern Namen nannten.

Das Gold, das keine Wünschelruthen kannten,
Zieh'n wir ans jeglichem Versteck hervor.
Uns traget Luft hoch in die Luft empor,
Mephisto's Mantel gleich, dem ausgespannten.

Die Feuer Baku's, heilig einst befunden,
Wir lassen sie ans tausend Röhren schlüpfen,
Daß Heller Tag bleibt in den Abendstunden.

Wir stürzen, ohne nur die Hand zu lüpfen,
Gebirge ein in wenigen Sekunden,

Daß fern im Meer die Trümmer niederhüpfen.

Was euer stiller Ricscnfleiß bereitet
Sv wunderbar ans todtcm Stoff, das spendet
Ihr an ein fremd Geschlecht, des; Leben endet,
Wenn ihr nicht Blut in seine Adern leitet.

Drum ist mir heilig jede Blumenkrone,

Und heilig jedes grüne Blatt am Baum,
Wie Lotos einem frommen Hindusohne.

Prophetisch war der alte Mythentraum,

Daß in dem Baume eine Gottheit wohne.
Laßt beten mich in seinem Schattenraum!

Entschuldigung

Ist denn die Liebe nur des Liedes wcrth?
Die oft so eitel ist befunden worden,

Und singen nur des Krieges rauhe Horden
Begeistert für ihr blutbeflecktes Schwert?

Der Liebende, dem Gott ein Lied bescheert,
Besing' die Lieb' in lieblichen Akkorden,

Und schwört ein Heldenherz zum Sängerorden,
So sei die Hcldcnthat von ihm geehrt!

Wir sind die Jünger einer Wissenschaft,

Die in der Dinge falt'gen Mantel schaut'
Und die Natur zerlegt — mit weiser Kraft —

Zn seh'n, woraus sic ihre Wunder baut.
Und diesem Thun, so ernst und mühehaft,
Vergönnt auch ihm des Liedes süßen Laut!

34°

Verschmähe nicht! Die Rebe will Dir danken.
Laß dieses Zweigs fantastisches Gewebe
Dir schmeichelnd um die hohe Schläfe schwanken.

Da- Lnöe vom Lie-

Jch fühl's, ich bin nicht für die Welt geboren:
Ich könnte sonst sie nehmen, wie sie liegt,
Hätt' nie an Traumgestalten mich geschmiegt,
An die mein Herz unrettbar nun verloren.

Zu sehr verweichlicht Hab' ich meine Ohren,
Mit sanften Melodic'n sie nur nmwicgt.

Wie falsch! Ein wildes Kampfgcschrci durchsliegt
Die Welt, undHarmonie istTraum der Thoren.

O glücklich, wer ein kleines niedres Haus
In eines Thales Schlucht sich könnt' errichten,
Nichts hört', als Vogelfang und Waldgebraus.

Entfesselt schnöden Zwangs und harter Pflichten,
Zög' er des Lebens schwere Rüstung aus,
Und schlummerte — im Schatten hoher Fichten

Chr. Wild
Max v. Pettenkofer: Sonette
Christian Wild: Vignette
[nicht signierter Beitrag]: Einöde Lichtenheim bei Neuburg im Moos, Geburtshaus Pettenkofers
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