Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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vermischtes. — Preisausschreiben.

Unternehmens, das binnen kurzem auch die Reise nach Deutschland an-
treten dürste, lag in den Händen des bekannten Ingenieurs surdi. —
Mcht immer ist übrigens Künstlern beschicken, sich ihrer Werke so aus-
richtig und verdientermaßen zu freuen, wie die oben genannten.
Da ist z. B. dem Bildhauer Professor Vertone, der mit der
Ausführung eines Tepretis-Tenkmals für Stradella, die Geburts-
stadt des italienischen Staatsmannes, beauftragt ist, ein gar merk-
würdiges Abenteuer passiert. Der Professor hatte mit Sorgfalt
und Liebe seine Depretis-Statue vollendet, die nun in Bronze
gegossen werden sollte. Da war nichts begreiflicher, als daß auch
Donna Amalia Depretis, die Witwe des Premiers, das Atelier
besuchte. Leider hatte der geschätzte Besuch an dem im übrigen
wohlgelungenen Werke so vieles auszusetzen und zu nörgeln, daß
der Schöpfer, vom Zorne hingerissen, einen Hammer ergriff

und-der Statue den Kopf abschlug! Dann machte sich

der etwas ernüchterte »prokessorei an die Herstellung eines ganz
neuen Werkes, das den künstlerischen Neigungen der erlauchten
Dame — der notabene gar kein Verfügungsrecht über das
Monument zusteht — hoffentlich mehr imponieren wird. — In
den beiden römischen Künstler-Vereinen — im „deutschen"
wie im „internattonalen" — herrscht in diesem Jahre etwas mehr
Leben als im Vorjahr. Der an Mitgliedern wie an Mitteln viel
reichere „Internationale" hat bereits eine Reihe glänzender Fest-
lichkeiten gegeben, während sich der deutsche — dem mehr Initiative
zu wünschen wäre — natürlich in bescheideneren Rahmen hält.
Gin Maskenball und ein vorzüglich gelungener komischer Herren-
abend, deffen Arrangement vor allem Verdienst des Vereins-
präsidenten, Professor Meurer-Berlin, und des Malers Ritter
Brioschi-Wien ist, haben übrigens gezeigt, daß der Künstlerverein,
wenn er nur will, noch ganz Vorzügliches zu leisten im stände
ist. Die Hauptsache ist, daß der Künstlergeist sich nicht ganz und
gar dem Philistertum unterordne und daß der jüngst in Masse
niedergegangene Ordensreif die zarten Blaublümelein der frohen,
freien Bohemien-Natur nicht völlig ertöte. Wären alle Mitglieder
so urwüchsig und humorvoll, wie der vortreffliche bayerische Ge-
sandte v. Podewils, das goldene Zeitalter des deutschen Kunst-
vereins begänne von neuem.

— Stipendium für deutsch-böhmische Künstler.
Der Verein deutscher Schriftsteller und Künstler in Böhmen
„Concordia" schreibt ein Stipendium im «Betrage von 200 fl.
ö. W. aus, welches zur Förderung künstlerischer Ausbildung für

in Böhmen geborene oder daselbst lebende deutsche Vertreter der
bildenden Künste (Baukunst, Bildhauerei, Malerei) bestimmt ist.
Tie bezüglichen Gesuche nebst Belegen sind an die Sektion für
bildende Kunst der „Concordia" in Prag, deutsches Haus, bis
zum 15. April l. I. franko einzureichen.

-s. Berlin. Zum Kaiserpreise von jährlich 1000 M. „Zur
Förderung des Studiums der klassischen Kunst unter den Künstlern
Deutschlands" werden jetzt die Bedingungen veröffentlicht, unter
denen eine Beteiligung am Wettbewerbe zulässig ist. Zur Teil-
nahme berechtigt sind alle Künstler, soweit sie Angehörige
des Deutschen Reiches sind. Für das laufende Jahr hat der
Stifter, der sich auch die Verleihung der Preise Vorbehalten hat,
eine voll ständige Ergänzung des jugendlichen Frauen-
kopfes aus Pergamon, dessen verstümmeltes Original in
Marmor sich im hiesigen Museum befindet, zur Aufgabe gestellt.
Die Lösung der Aufgabe ist bis zum 31. Dezember d. I. mittags
12 Uhr unter Angabe des Namens und Wohnortes des Künstlers
au die General-Verwaltung der Königlichen Museen Hierselbst
kostenfrei einzuliefern. Die Entscheidung des Kaisers wird am
27. Januar 1895 bekannt gemacht. — Tie nicht prämiierten Arbeiten
sind binnen 14 Tagen nach erfolgter Bekanntmachung der Entschei-
dung abzuholen, die nicht abgeforderten Arbeiten sollen den Autoren
auf deren Kosten zugesandt werden. — Ein von derKunstformerei
des Museums hergestellter Gipsabguß des fraglichen Kopfes kann
bis zum 16. April d. I. zum Vorzugspreise von 5 Mark von
den Teilnehmern an der Konkurrenz bezogen werden; später tritt
für denselben der gewöhnliche Verkaufspreis (12 M.) wieder ein.

— München. Für die von der Kgl. Akademie der bil-
denden Künste gestellte Preisausgabe pro 1894 erhielt bei den
Malern der Studierende Julius Ernst Mosel den zweiten
Preis und der Studierende Wilhelm Douaubauer lobende
Erwähnung. Bei den Bildhauern erhielt den ersten Preis der
Studierende Henryk Glicenstein, je einen zweiten Preis die
Studierenden Ludwig Hasbich und Gottlob Wilhelm.
Lobende Erwähnung erhielten:^Georg Wrba, Theodor v.
Gosen, Max Heilmaier und^Philipp Kittler. i2ssil

Moderne Aossmcnlen.

von Max Heiden (Berlin).

(Mit Abbildungen nach Arbeiten aus der Werkstatt
von Lisner L Haußig (Berlin).

o vielseitig die Kunst der Passementerie
auch sein mag, immer nur erscheint sie
als liebenswürdige Begleiterin, die vermit-
telnd oder abschließend auftritt. Je vor-
nehmer sie diesem ihrem Berufe nachgeht,
desto freundlicher wird man sie in unserem
Hause begrüßen, um so wohlwollender wird
man ihre Erzeugnisse beurteilen.

Und sie hat der Arbeit genug.

Wenn wir auch davon abgekommen sind,
im Sinne der alten Assyrer unsere eigene
Person von oben bis unten mit kleinen
Troddeln, Fransen oder Quasten zu schmücken
oder gar das Kopf- und Barthaar der
Thätigkeit des Posamentierers preiszugeben,
so bietet sich doch in unserem modernen
Leben mannigfache Gelegenheit, dem Posa-
mentierer zu seinem Rechte zu verhelfen.

Der aufmerksame Beobachter wird sogar
bei einem kurzen Umblick auf die Anwendung
von Posamenten in unserem Hause eine Art
Barometer für den Stand des Geschmackes
in den übrigen Kleinkünsten entdecken; denn
der Besatz oder die Troddel macht sich nur
dann nützlich, wenn der betreffende Gegen-
stand ihrer Begleitung wert ist, d. h. in
Technik und Musterung zweckentsprechend auf
einer gewissen Höhe steht.

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In fast allen übrigen Gebieten des Kunst-
gewerbes spricht man von bäuerlicher Haus-
industrie und wir verstehen darunter eine
gediegene Art von Waren, welche nicht auf
höchster Stufe künstlerischer Ausführung

stehen, die wir aber gern haben, weil sie
manchen Anstoß geben zu größeren bedeu-
tenderen Leistungen, wegen ihrer naiven aus
dem Bedürfnis des täglichen Lebens heraus
sich entwickelnden Formen und Farben.

Anders sieht'es hier aus.

Die freiheraushängenden Kett- und Schuß-
fäden an den Kanten eines Gewebes, der
Ursprung jeglicher Posamentierarbeit, haben
niemals am Teppich des Nomadenvolkes oder
am bäuerlichen. Linnentuche eine weitere
Ausbildung zur Franse oder Quaste erfahren.
Eher sind sie Ursache gewesen zur regulären
Spitzenarbeit, die durch Klöppeln und Nähen
wohl flache Besatzborten schafft, doch der
eigentlichen Passementerie nur als Hülfs-
mittel dient.

Die Posamenten muß man überhaupt
in zwei Gruppen teilen. Die älteste und
einfachste Art, einen Gegenstand einzufassen
oder zu umsäumen, geschieht durch eine
Borte, die glatt und einfach gemustert als
Bändchen gewebt wird, schließlich auch mit
Fädenhüscheln als Franse versehen sein kann.
Zu diesen Besätzen in Bortenwirkerei sind
die sogenannten Bandwirkerrahmen (daher
Rahmen- und Stuhlarbeit) in Gebrauch,
> die aus der guten alten Zeit oft als herr-
liche Schnitzarbeit aufbewahrt werden. Ihrer
^ bediente sich neben dem Spinnrad die ge-
übte Frau des vornehmen Hauses für ihre
I eigenen Zwecke.
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