Kissling, Hermann
Die Kirche in Täferrot: [Ostalbkreis] — Täferrot, 1984

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Ausstattung der Kirche

Kruzifix am Altar

Der Gekreuzigte, eine magere, sehnige Gestalt (Höhe 154, Spannweite
145 cm) hängt an einem Balkenkreuz, dessen Kopfstück die INRI-Tafel (Je-
sus Nazarenus Rex Judaeorum) mit ihren spätgotischen Minuskeln trägt.
Christus ist aufgespannt und angeheftet mit drei Nägeln, die Hände und Füße
der gestreckten Beine durchbohren. Aus den Wunden rinnt das Blut in dün-
nen Fäden. Der letzte Blick des Sterbenden geht zur Seite nach unten, dort-
hin, wo wir uns die Mutter Maria zu denken haben. Die Augen sind fast schon
geschlossen, der Mund geöffnet für den letzten Hauch.
Die gestreckten Arme und der schmale Körper zeichnen die Form des Bal-
kenkreuzes nach. Dieser Mensch kann sich des Holzes nicht entwinden — und
will es letztlich auch nicht. Nur die auswehenden Enden des Lendentuches
scheinen aufzubegehren und sich aufzuwerfen gegen diesen Tod, den Men-
schen auf dem Gewissen haben (Abb. 11).

Über den Schnitzer der gefaßten Lindenholzfigur weiß man nichts. Stili-
stische Zusammenhänge zum Kruzifix der Lorcher Klosterkirche, das auf
Jörg Syrlin d.Ä. zurückgeht, kann man an der straffen, durchmodellierten
Figur herauslesen. Das Lorcher Bildwerk scheint vorbildhaft gewirkt zu
haben, auch für das Kruzifix der Kirche in Wäschenbeuren, das so auffallend
mit dem Täferroter übereinstimmt, daß von einer Meisteridentität gespro-
chen werden kann. Da Wäschenbeuren kirchlich altes Filial von Lorch war,
erstaunt dieser Zusammenhang nicht.50

Das Täferroter Kruzifix, das um 1490 zu datieren ist, war früher vermutlich am
Chorbogen aufgehängt. Am 15. 10. 1819 beschloß der Kirchengemeinderat,
daß „das Cruzifix hübsch erneuert und hinter dem Altar aufgestellt werde".
In der Amtszeit des Pfarrers Moser ist dann das Werk in Stuttgart restauriert
worden, wobei „die nicht unbedeutenden Kosten von einer Dame in Täferrot
gestiftet wurden". Aus dem Jahr 1906 ist eine „teilweise Obermalung" des

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