Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 7.1909

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ZWEI BRIEFE

VON

EUGENE DELACROIX

AN SOULIER* IN FLORENZ

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Paris2 i.Febr. 1821.
ieber Freund, Du sehnst
Dich nach Paris, ich
sehne mich nach Dir und
nach Toskana, das ich
nicht kenne. Paris ist mir
antipathisch: der Lärm,
die schmutzige Feuchtig-
keit, die gellenden Rufe
der Zeitungsträger und
anderer Individuen, erfüllen mich mit Langweile
und schlechter Laune. Da ich die Einsamkeit
liebe, so weiss ich, dass ich mich hier nie glück-
lich fühlen werde. Aber ein heiterer Himmel, cha-
rakteristische Gestalten, tausend Reize, mit einem
Wort Italien mit all seinem Zauber, das wünscht
man sich brennend, wenn man im Norden lebt
und sich weder aus den sogenannten Vergnü-
gungen der Gesellschaft noch aus den Genüssen der
Canaille etwas macht. Es ist leider nur zu wahr,
man mag thun, was man will, man sieht immer in
seinem Innern einen klaffenden Abgrund, der nicht
auszufüllen ist. Man seufzt nach Etwas, das nie-
mals kommt. Du kannst wenigstens arbeiten! Mit
welchem Vergnügen werde ich bei Deiner Rück-

* Soulier war einer der intimsten Freunde von Dekcroix.
Dieser lernte ihn 1816 kennen; die Freundschaft dauerte bis
zum Tode Delacroix'. Soulier war Beamter im Finanzmini-
sterium und malte auch ein wenig.

kunft Deine endlosen Skizzen und Albums durch-
blättern! Ich gehe oft zu Guillemardet, der jetzt in
der Rue Louis le Grand wohnt, ganz nahe, wenn
Du Dich noch erinnerst, an der Place Ven-
dome. Dann bilde ich mir ein zum Freund im
achten Stock zu gehen. Wenn ich des Abends Licht
in der Mansarde entdeckte, dann kam ich mir wie
Leander vor, der die ersehnte Fackel durch den
Nebel schimmern sieht. Und doch bist Du nicht
meine Geliebte, Du guter Freund; aber Freund und
Geliebte sind nicht weit voneinander entfernt in
mir. — Ich bin unglücklich, mir fehlt die Liebe.
Diese reizende Qual ist notwendig zu meinem Glück.
Ich habe nur leere Träume, die mich erregen und
nicht befriedigen. Ich war so glücklich zu leiden
durch die Liebe! Es war in Allem ein so prickeln-
der Reiz, selbst in meiner Eifersucht, und meine
jetzige Gleichgültigkeit ist die Existenz eines Leich-
nams. Ich muss, um so zu leben, wie ich es brauche,
nämlich durch Gefühle und mit dem Herzen, diese
Genüsse in der Kunst suchen und sie ihr entreissen.
Aber die Natur will von all dem nichts wissen, und
wenn ich dann mein Herz fühle, das leer und schwer
ist, gerade weil ich für ein Weilchen meine Lange-
weile betrogen und künstlich zerstreut habe, so
weiss ich, dass die Flamme Nahrung braucht und
dass ich anders malen könnte, wenn ich immer
durchflutet würde von der süssen Wärme der Liebe.

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