Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 48.1895

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Aken. B.: In der „Eöthenschcn Zeitung"
vom 17. April wird vom .herzoglichen Hosthcaler
in Dessau für den 20. April die Oper „Rienzi"
angeknndigr. Unter dem Personenverzeichnisl ist
bemerkt: „Anfang 8 Uhr. Ende '/..9 Uhr. Nach
dem zweiten Anszuge findet eine Panse von
20 Minuten statt." Da die Oper demnach nur
10 Minuten dauert, muß sie wohl sehr stark
zusammcngestrichen sein.
Berlin. A. G.: Ein Licblingsansdruck der
„Vossischen Zeitung" ist „in Action treten." Sie
eifert gegen Fremdwörter, wo sie schwer zu ent-
behren sind, und gebraucht sie überall, wo sie sich
leicht durch deutsche Wörter ersetzen lassen. —
I. K: In einem „Mahnruf" übeschriebenen
Gedicht von Ludwig Fulda wird von der Zeit
gesagt:
..Ja. sie bewegt sich durcl' da- Land
Mit hohem Riesenschritt.
Und stolz an ihrer rechten Hand
Führt sic die Wahrheit mit.
Sie steht vielleicht, wenn sie den Dnfl
Des Mittelalters roch.
Zinn Scheine still und schnavpt nach Lust.
Und sic bewegt sich doch!"
Die letzten vier Verse des Gedichts lauten:
.Die Schranke, die vor Sturm euch feil.
Ist ein zerbrechlich Joch;
Ihr wähnt, sie trotzt der Ewigkeit.
Und sic bewegt sich doch!"
Tie „Vossische Zeitung" druckt das Gedicht
ab mit der Bemerkung, sie brächte sonst keine
Gedichte, diesmal aber müßte sie doch eine Ans-
nabme machen. Was hat Fulda der Tante zu
Leide gcthan? — N. K.: In einem Artikel über
E. v.Wolzogens Tragikomödie „Das Lumpen-
gesindel" sagt P. S. in der „Vossischen Zeitung"
vom 28. April sehr hübsch: ..Wie eine gescheuchte
Fliege quält sich dieses F-raucubild an den
Wänden umher, deren Raum erfüllt ist von den
naiven Brutalitäten ungehobelter Gesellen Aber
die Ungehobellheit dieser Gesellen ist in ihrer
Naivelät, in ihrer stillen Poesie des rauhen
BeiueS kaum weniger rührend als das stille
Dulden des Weibchens." — Or. L.: Jetzt noch
eilt Gedicht zum 1. Avril? Das kommt doch
sehr ke8t..m. — O. B.: Mit Dank abgclehnl.
Bonn. 2. u. A: Wir wollen zuiehen.
bharlottcnburg. S.: Als ein hervor-
ragender Dichterfürst gibt sich O. Benze von
Benzeubosen in seinem Werk „Das hohe Lied
vom Deutschen Kaiser Friedrich III." (Verlag
von Moritz § Munzel. Wiesbaden und Leipzig)
zu erkennen. Wie trifft er den Ton einfach
menschlicher Empfindung in den Versen:
»Ein Heller Jubel war im Land erklungen.
AIS sich die eisten Enkel stellten ein.
Thcilnehmend tönte eS von allen Zungen:
Wie glücklich müssen die Großeltern fein.'"
Die Neize der königlichen Taft! im Saint James
Palast zu London begeistern den Dichter zu
folgender Schilderung:
»Wer nennt die Schar der Gäste, iver erzählet
Der Feste Glanz, der Tafeln goldnc Last.
Ter Schüsseln anfgehänste Leckereien.
An feiner Würze und an Dunen reich.
Und dort der Weine bunt geschmückte Reihen.
Olympischem Nektar und Ambrosia gleich."
Das Wasser im Munde läuft einem dabei zu-
sammen. Erschütternd aber wirkt der Dichter,
wenn er von den Schrecknissen des Krieges singt.
Wer fühlte nicht mit ihm, wenn er fragt:
..Wenn rings im Schlachtgewühl Granaten splittern.
Muß da nicht Jeder für fern Leben zittern?"
Wem müssen nicht durch Mark und Bein die
Verse gehen, in denen er eine Schlacht beschreibt!
Sie lauten:
„Hier fliegen Arm' und Beine ans den Heiden.
Zersetzte Häupter herrenlos umher.
Dort wimmern mit zerrinnen Eingeweide,,
Die Sterbenden: rings wogt ein blutig Meer."
Was uns an dem Dichter nicht gefällt, ist
dies, daß er dem Metrum zu Liebe Friederich
und Heinerich für Friedrich und Heinrich
sagt. Auch Föhen für Föhn ist nicht gut.

(Koblenz. N.: Die „Eoblcuzer Zeitung" vom
22. April bringt folgende Nachricht: „Ordens-
anszeichnung. Sc. königliche Hoheit Gny
de Lungnan, Prinz von Jerusalem, Eypcrn
und Armenien verlieh unserem geschätzten Mit-
bürger Herrn Musikdirektor LMerscheid in
Anerkennung musikalischer Verdienste das Ritter-
kreuz des kouigl. Ordens der hl. Katharina vom
Berge Sinai." Für Eommercienräthe dürste es
interessant sein, zn erfahren, auf welchem Wege
ein Orden von Sr königl. Hoheit dem Prinzen
von Jerusalem zu beziehen ist, und ob man ihn
offen tragen darf.
Danzig. D: Unter der Uebcrschrist „Die
Erdbebenkatastrophe in Oesterreich" berichtet die
„Danzigcr Zeitung": „Berlin, 17. April. Der
frühere Gouverneur von Ostafrika, Frhr. v.Schele,
ist zum Flügeladjntanten des Kaisers ernannt
worden." Das Erdbeben scheint sich bis ans die
Druckerei der „Danzigcr Zeitung" erstreckt und
dort ein Tnrchcinanderstürzen veranlaßt zn haben.
Deutsch Etilair. Z l>8: Dem ehemaligen
hanplmann Dreysus ist cs. wie „Ter Bote
für Deutsch Eylcin und Umgegend" (Nr. 81)
mitlhcilt, in seinem Verbannnngsort gestattet,
„Spaziergänge im Umkreise von 1,50 Metern zn
machen" Da bleibt ihm allerdings nicht viel
mehr übrig, als sich um sich selbst hernmzndrehen.
Dortmund. G. E.: Ueber die für Sonntag,
den 5 Mai geplante hnldignngssahrt der Ost-
sricscn nach Friedrichsruh schreibt die „Rhcinisch-
Westsälische Zeitung" (Nr 102): „Die Ankunft
in Hamburg ist ans 12 Uhr Mittags berechnet.
Nach 2'/2 ständigem Aufenthalt geht es dann
nach Friedrichsruh unter Vorantrilt des Infan-
terie-Regiments Graf Bose (1. Thür.) Nr. 21,
welches zu dem Zweck engagirt ist." Ein so
liebenswürdiges Entgegenkommen, wie cs das
Regiment zeigt, findet man nicht immer beim
Militär.
Düsseldorf. F. B.: Von einem gewissen
Sillmanns, der im französischen Kriege 1871
vom Ulancn-Rcgiment Nr 4 descrtirt ist, erzählt
die „Niederrheftiischc Zeitung" (Nr. 48): „Sill-
manns verschwand bei der Belagerung von
Paris, kam nach Ehina. diente dort 04 Jahre
im Heere, kehrte vor 90 Jahren nach Deutschland
zurück und lebte seitdem im Elsaß als Aufseher
einer Fabrik" Das stimmt doch nicht recht.
binden. Th. E.: lieber das Modell des
Schnelldampfers „Prinz-Regent Luitpold",
das der Norddeutsche Lloyd dem Fürsten
Bismarck als Geburtstagsgeschenk dargebracht
hat, wird im „hannoverschen Eourier" vom
17. April gesagt: „Das Modell ist 3.91 m lang
und mit einem ans Eichenholz geschnitzten Glas-
kasten überdeckt." Aus Eichenholz Glas zn
schnitzen, ist ein Kunststück, das man kaum für
möglich halten sollte.
(Erfurt. M. A.: In einer Anzeige des
Biervcrsandgcschäfts von Otto Nastaedt in
Erfurt („Allgemeiner Anzeiger", Nr. 15) wird
bemerkt, daß der Thüringer Sauerbrunnen „von
Autoren" warm empfohlen wird. Er veranlaßt
wohl leichtes Dichten. — B.: In dem Roman
„Ihr Glück" von B von der Lancken
(s. Nr. 95 des „Allgemeinen Anzeigers") heißt
es: „Und während Lola den Doclor an ihre
Seite winkt und sich nach dem Befinden des
Fürsten erkundigt, wirst er e Prinz Ussurow) sich
in einen der bequemen Bambussesscl. legt den
rechten Fuß auf das rechte knie und dreht sich
eine Cigarette." Der Prinz muß sehr weiche
Knochen haben.
Flensburg. M.: Der Mnsikbcrichterstattcr
der „Flensburger Nachrichten" schreibt in Nr 88
dieses Blattes: „Nicolai erblickte im Jahre 1810
den Storch dieser Welt und mußte schon 1849,
also in seinem .39. Lebensjahre, in Adraham's
Schoß beißen, wo gewiß nur wenig Musik ge-
trieben und er keine Gelegenheit gesunden haben

wird zur weiteren Ausbildung seines großen
Talentes. So wurden denn allejchönenhoffnnngcii
die sich an seine künstlerische Znknntt geknüpft
halten, zn demjenigen, was der griechische Dichter
Pindar irrtümlicherweise für das Beste erklärt,
nämlich zu Wasser." Eine fürchterliche Art von
Witz, wenn das überhaupt Witz zn nennen ist.
Hann.-Minden. G. N.: Leider nicht zu
verwenden.
Lübau. F. P.: Der „Sächsische Postillon"
(Nr. 90) meldet: „Die Berathung über den
Gesetzentwurf zur Bekämpfung des ultra-
montanen Wettbewerbes sind im preußischen
Staatsministerium bereits abgeschlossen, so daß
der Entwurf in kurzer Zeit chem Bnndesrathe
zugehen wird." Das Blatt hat sich etwas aus-
binden lassen. Bei dem guten Verhältnis;, das
augenblicklich zwischen Negierung und Eenlrum
besteht, ist die Einbringung eines solchen Gesetz-
entwurfs nicht zn erwarten.
Naunhof. O. W.: Tie „Nannhoser Nach-
richten" (Nr. 47) schreiben: „Auf Anregung
seitens des Militärvercins hiesiger Stadt wird
auch diesmal der Geburtstag Sr. Maj. König
Aldcrts durch einen Eommers gefeiert werden.
Die Feuerwehr, deren Protecloralor der König
ist, wird sich auch diesmal an der Reveille
belheiligen." „Prolcetoralor" klingt entschieden
besser und voller als das etwas dürftige
„Protektor".
Oldenburg. W. A.: In dem Eomitä für
die 20. Dresdner Pferde-Ansst«Illing befindet sich
laut Bekanntmachung in den „Oldenburgijchcn
Anzeigen" vom 17. Avril cm „Landstallmeistcr
Graf zn Münster." Ein sonderbarer Titel!
Potsdam. N.-. Folgende Neuheiten sind
uns zngegangen: „Natur und Haus. Jllustrirle
Zeitschrift für alle Naturfreunde." Verlag von
Robert Oppenheim lGnstav Schmidt) in
Berlin. 3. Jahrgang. Heft 11 — 13 — „Amsler
K Rnthards Wochenberichte. Jllustrirle
Zeitschrift für Kunst, knnsthandel und Kunst-
gewerbe." 3 Jahrg. Nr. 27 -30. - „Rath-
schläge für deutsche Erzieherinnen in
England. Von Helene AdelmaNn, Vor-
sitzenden des Vereins deutscher Leyrerinnen in
England." Berlin, W. Moeser. Hosbnchhandlung.
„Der Weltverkehr. Karte der Eisenbahn-,
Dampfer-, Post- und Telegraphen - Linien, be-
arbeitet von G. Frey tag. Enthält nebst der
polnischen Einlheilung die wichtigsten Eisenbahn-,
Telegraphen- und Kabclverbindnngen. die McereS-
tiefen. die Brief-, Postpaeket-, Postanweisnngs-
nnd Telearammtaren, die BcsördcrnngSdauer von
Briefen :c." Verlag von G. Freylag * Berndl
in Wien. — „Verlags-Katalog von Richard
Eckstein Nachfolger (H. Krüger) in Berlin"
Der Katalog ist geschmückt mit zahlreichen
Bildnissen von Dichtern und Dichterinnen
Straftburg i. E. B. A.: Eine Specialität
wie die Straßburger Gänseleberpasteten sind
Wnrsts „Straßburger Distichen", unterscheiden
sich aber von den crsteren durch ihre Ungenieß-
barkeit Wir geben eine kleine Probe ans Nr. 30
des „Straßburger Anzeigers" zum Besten:
..Jeweils drei Schaufeln Erde kollern in's Grab aus den kolz'ucn
Todtenkastcn. credcuzl von Leids Tränen,. Wie hob!
Tönt das. wie wenig erbaulich.' Satz il,ngstl,in ein rrizvoller
Beispiel. Erdpeiisen selbiger Zahl, aber in lautererer,
Tnrchgcgohr'ncrer. lichicSvcrähiilicht'rer Form, so zugleich denn
Abgezog'ncrcr Form — Noscn! ÄoUkomm'iicres nicht
Treibt ans der Erde gen Himmel heraus Urkimstlerin Sonne -
Schönheit — jegliches Sryn's Ziel. Zieht das Rohe
man vor?"
Stuttgart. N. M: Von Ihrem freund-
lichen Anerbieten werden wir, wenn der bewußic
Fall eintreten sollte, gern Gebrauch machen.

Bei der großen Menge der an uns gerichteten Zusendungen
ist die Beantwortung einer jeden nnS ebenso „»möglich wie
die Ausbewahrnng der nnS unverlangt z,,gehenden Manusc^vre.
Rücksendung der letzteren erfolgt nur, wenn der Sendung dar
erforderliche Porto in Briefmarken bcigesügt ist.
Die Nedaction des Kladderadatsch.


oder
Der Fall von Zronstantinopet.
Historischer Roma» von Irwin Lvallacr.
('Verfasser von Ben Hur.)
2 Bde. drosch. 8 M.— eleg geb. io M.—
vrllag: grteor E Frl,1rnsrld. sZrciburfl t. A.


liefere zur Probe ION Stück portofrei M. 8,—, Mille 80 Mark.

Veranlw. Red. I. Trojan. — Bcrantw. für den Ins.-Thcil: L. v. WaligorSkt. — Verlag von A. Hosmann L Lamp.. Lcipzigerstr. 135 l. — Druck von Hempcl L Lo. — Sämmtlich in Berlin.
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