Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 48.1895

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M l(W§e Jatronilts-T'farrer.


))jer Gutsherr kommt gor leicht in Streit
l./ Mit der übereifrigen Geistlichkeit;
Schwer sind die Herren zufrieden zu stellen,
's sind meist recht wunderliche Gesellen.
.Hat nicht z. B. in Triglaff der Kock
Sich stößig gezeigt wie ein störriger Bock?
Wie hat er den Thadden geplagt und geschroben,
Bis man ihn endlich abgcschoben!
Da stimmt der Kock ein Klagelied an:
„Tauf' ich ein Kind beim Arbeitsmanu,
So seh' ich niemals den Herrn Baron.
Kommt später das Kind zur Consirmation,
So such' ich wieder den gnädigen Herrn
Vergebens, er bleibt den Leuten fern!"
Was will denn Herr Kock mit seinem Geschrei?
Kann ich dem Pfarrer Helsen dabei.
Wenn er Säuglinge tauft? Dazu siud ja
Der Küster und die Gevattern da.

Und müßig dabei umherzustchn
Und mir die Sache anzuschn.
Das könnte mir gerade passen —
Ich kenn's, Hab' selbst oft taufen lassen.
Ich mache mir auch, ganz offen gestanden,
Recht wenig nur aus Konfirmanden,
Ich warte, bis sie erwachsen sind.
Doch kümmer' ich mich dann um ein hübsches Kind,
So läuft gleich wieder mit lautem Geschrei
Der aufgeregte Pastor herbei,
Gr lamentirt und schilt und droht,
Verweist mich aus das sechste Gebot
Und macht mich am nächsten Sonntag munter
In meiner eigenen Kirche herunter.
Ich soll mich, wie der Herr Pfarrer spricht,
Um die Leute kümmern und soll'ö auch nicht!
's ist wohl die schwerste von allen Sachen,
Es einem Geistlichen recht zu machen.
Gin Gutsbesitzer für viele.

M n » ; dtm K r r i ch t s f A u l.
--

Wegen Beschimpfung einer kirchlichen Ginrichtung stand der Neger
Bim bi vor der Strafkammer des Landgerichts Kamerun. Gr hatte, als
er bemerkte, der ihm hingchaltcnc Klingelbeutel sei leer, geäußert: „Der
verfluchte Klingelbeutel". Der Angeklagte versuchte vergeblich glaubhaft zu
machen, daß seine Erregung nur durch die Leere des Beutels hcrvorgcruseu
worden sei und er andernfalls vom lieben, guten, nützlichen Klingelbeutel
gesprochen haben würde; er wurde zu zwei Monaten Gcfängniß verurtheilt,
wobei als mildernder Umstand angenommen wurde, daß es dem Prediger
nicht gelungen war, in der Gemeinde die nöthige Sammlung hcrvor-
zuruscn. ^
Der Gewerbebetrieb im Umhcrzichcn macht dem Schöffengericht in Togo
viel zu schaffen, da namentlich die umwohnenden Könige ohne den erforder-
lichen Erlaubnißschein im Umherziehen regieren wollen. König Agua
mußte deshalb 4 Mark Geldstrafe bezahlen, wobei strasverschärfend die
häufige Wiederholung dieser Strafthat ins Gewicht fiel.
4-
Gcrcchrcn Unwillen erregte das Benehmen des Ncdacteurs D. vom
„Boten aus dem Kamerungebirge", der einen verstorbenen Trunkenbold
eben Trunkenbold genannt hatte in einer Art Nachruf. Wegen groben
Unfugs angeklagt mußte D. das Delict zugestehen und wurde demgemäß
verurtheilt, nachdem der Staatsanwalt hervorgehoben hatte, welche Be-
unruhigung durch derartige Nachrufe in der Bevölkerung hervorgcrusen
würde. Die Verletzung des Pieiätsgefühls sei außerordentlich groß. Das
Trinken sei gewissermaßen eine geistige Beschäftigung zu nennen, wie

die Abspannung danach und die Kopfschmerzen unwiderleglich bewiesen.
Schon das Hineinschütten der Flüssigkeit in den zum Denken bestimmten
Körpertheil spräche dafür. Stellten sich bei derartigen andauernden Denk-
übungen schließlich Zittern von Händen und Beinen und Visionen ein, so
sei dieser gewiß interessante Zustand, als eine Berufskrankheit anzusehcn.
und wenn auch der Volksmuud für einen damit Behafteten die Bezeichnung
Trunkenbold habe, so sei es um so mehr Aufgabe der Presse, zartfühlend
und mildernd einer derartig rohen Ausdrucksweise entgegen zu wirken.
„Mehr oder weniger sind wir ja alle eines Tages von solchen Nachrum?
bedroht", schloß der Staatsanwalt. Der frenetische Beifall der Zuhörn-
tribüne bewies, wie sehr mit diesen Worten die Stimmung der .Kameruner
wiedergegeben war.
Das Landgericht von Klein-Popo verdonnerte gestern den Drucker
B. Ading wegen Aufreizung mittels der Presse zu 2 Monaten Gefängniß.
Er hatte nämlich ein Werk zum Abdruck gebracht, wegen dessen bereits zwei
Mal eine Freisprechung erfolgt war, und hätte sich von seinem Standpunkt
aus sagen müssen, daß das Gericht damals lediglich zu den srci-
sprechcndcu Erkenntnissen gekommen war, um die bestehende Nechts-
unsichcrheit zu vermehren. Auch durfte er als Drucker sich keineswegs
durch die Verhandlungen und Erklärungen, die im preußischen Abgeordneten-
haus über die willkürliche Ausdehnung preßgejetzlicher Verantwortlichkeit
vor einigen Jahren bereits abgegeben waren, in Sicherheit wiegen lassen,
denn die Gesetze sind dem Menschen nur gegeben, um ihre Gedanken darin
zu verbergen, und das sicherste Recht ist das Standrecht: Heute roth,
morgen todt.

Aus Sofia.
——
Dem Exminister Stambulow, der zur Wiederherstellung seiner
Gesundheit ins Ausland reisen will, wird von der bulgarischen Negierung
der Paß verweigert, aber beileibe nicht aus bösen Absichten, sondern aus
Liebe und Hochachtung, wie der Minister Natschewitsch jüngst unserm
Gorrcspondenten versicherte. „Sehen Sie", sagte er, „dieser Stambulow
hat ja unbestritten einige wohl zu beachtende Verdienste um die Errichtung
des unabhängigen Fürstenthums. Wir verehren ihn ja auch mit einer
Liebe, die vielleicht etwas ungeschickt, aber um so aufrichtiger ist. Wir
veranlassen wöchentlich einige Volksausläuse vor seinem Hause, wir schlagen
ihm mit Hilfe der Polizei die Fenster ein, um den etwas schwer zugäng-
lichen Herrn dem jauchzenden Volke Zu zeigen, wir würden uns sogar
herbeilasscn, ihm in einem unserer kleinen, aber komfortablen Staatsasyle
unter sorgsamer Bewachung ein „alium cum di^nitate" zu gewähren,
wie es sich kein Exminister besser wünschen kann, aber ihn über die Grenze
lassen, nein, das können wir nicht. Wer weiß — solche Zuckerkranke sind un-
berechenbar — ob er sich nicht lieber in einem fremden Lande begraben lassen
als bei uns in Ehren leben möchte. Nein, einen Auslandpaß für Stambulow
gibt es nicht." Dabei zwinkerte der Minister listig mit den Augen, als ob
er sagen wollte: „Ja, wir Bulgaren modcrnisiren uns rasch, und auch
unsere Dankbarkeit ist nach dem neusten Zuschnitt".

Die „Berliner Neuesten Nachrichten" schreiben: „Wir können nur
wiederholen, daß es für jeden Wähler, dem die Zukunft des Reiches am
Herzen liegt, angesichts der Sachlage eine Ehrenpflicht ist, am Wahltage
nicht zu fehlen, um die Wiederwahl des bisherigen langjährigen Vertreters
l)r. Friedrich Böttcher, sichern zu helfen."
Die Zukunft des Reiches! Augenscheinlich ist irgendwo eine
Schraube losgegangen, und einige Sparren sind an den unrichtigen Ort
geratheu, und der stolze Bau des Reiches wankt.
Wer die Thätigkeit des vr. Böttcher in Sachen der Umsturzvorlage
kennt, wird auch die Tiefe der Tinte ermessen können, in welche er seine
Partei hineingeritten hat. Helft! Rettet! Die Augen Deutschlands sind
am 9. Juli auf Waldeck gerichtet.
Waldeck? Wer hieß denn so?

Aus Belgrad meldete der Telegraph, daß in Schabatz in der Nach!
zum 25. Mai der vom König Alexander gelegte Grundstein zur Eavallerie-
Eascrnc sanunt allen eingegrabenen Gold- und Silbermünzen gestohlen
worden ist.
ES liegt uns fern, zn denken, Milan könnte der Schatzgräber gewesen
sein Ob er nicht aber die Sache wenigstens ausbaldowert hat?
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