Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 48.1895

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DartainentarisHes.
Im Abgeordnetenhanse treten jetzt die Mehrheitsparleien der Jeitver-
schwendnng. die oft von ^tednern der Minorität getrieben ivird. energisch
entgegen. Man verhandelt vorder mit den Zerren der Minderlieit nnd be-
willigt dem einen fünfzehn, dem zweiten zehn, dem dritten vielleicht nnr
iüns Minntcn znm sprechen. Versucht ein Redner, die iln» zngemtssetic
Jeit zn überschreiten, so erfolgt ein Antrag ans Schluß der Debatte.
Dies Verfahren wird allgemein Beifall finden, denn schon längst herrscht
nnr eine stimme darüber, das; im Verhältnis; zn dem, was dabei herans-
kommt, im hohen Hause viel ;u viel geredet wird. Da nun aber die ver-
schiedenen Redner einer Fraction über eine bestimmte Frage in der Haupt-
sache dasselbe vortragen, so ist es entschieden besser, wenn einer sich gründlich
über die Lache ansspricht, als wenn drei oder vier sie flüchtig behandeln.
Daher hat man ans eine Anregung des Abg. Richter die Einrichtung getroffen,
das; die Erlaubnis; znm Sprechen von einem Abgeordneten ans den andern über-
tragen werden kann. Besitzt also jemand einen Redeschein für fünfzehn Minuten,
so braucht er nnr zwei Jelmminnten-Scheine von Fraclionsgenossen an sich zu
bringen nnd kann dann eine gute halbe Stunde sprechen, In der Bereitwillig-
keit, mit der die Majorität ans diesen Vorschlag cingegangen in. erkennt man
wieder die Liebenswürdigkeit und ritterliche Hemmung, durch die sich die
reckte Seite des Hauses immer ausgezeichnet hat.
Natürlich ist es verpönt, für die Ucberlaisnng eines Redescheins Held
zu geben oder zu nehmen, der.Kaufpreis bestellt immer in einigen Flaschen
Wein oder einem frühstück. Seit einigen Tagen hat sich in der Restauration
eine förmliche kleine Börse »ür Hrlaubnißschcinc entwickelt: der höchste Preis,
der bisher für einen Zehnminnten-Schein gezahlt wurde, bestand ans drei
Flaschen deutschen Schaumweins und einem zweivfündigen Hummer. Hs
ist erfreulich, das; in dem Raum, der sonst der Hrholnng nnd Jerslrennng
gewidmet ist, jetzt auch ernste (Geschäfte abgewickelt werden.

Der kecke Herlach.

Der Herr v. Herlach zog voll Vertrann
Mit anS. den 5tanal sich zu beschämt.
Hr sprach: „Ick sei,' als gewählt mich an.
Ich weis;, das; mir'S nickt fehlen kann!"
So as; nnd trank er frisch nnd frei
Und dachte nichts Arges sich dabei.
Jetzt steht er mit betrübtem Sinn:
Der schöne Wahlkreis, er ist hin!
Mit Schrecken wird ihm jetzo klar.
Das; er zur Fahrt nicht berechtigt war.
keck hat er gehandelt, das leuchtet ein,
Allein man darf ihm wohl verzeihn.
AlS ihn um Skagen der Dampfer trug,
Da hat er gebüßt schon schwer genug.

Die „Köln. VolkSztg." nennt es den „Hipsel der Unverschämtheit",
wenn Abgeordnete gute Freunde unter dem Namen von „Dienern" zu den
vieler Festen mitgenommen haben.
Das fromme Blatt hat bei seiner scharfen Vermihcilung dock wohl
nickt alle Momente berücksichtigt, die bei einer unparteiischen Hrwägung der
Sachlage in Frage kommen. Wenn nun z. B. ein Abgeordneter — wie
es dem Antisemiten Jimmermann thatsäcklich passirt ist — in Folge einer
plötzlich eingetretenen Verschiebung seines Schwerpunktes ins Meer fällt,
was wäre geschehen, wenn der „Diener" nicht zur Stelle gewesen wäre, der
ihn sofort aus dem Wasser gezogen, ans den Kopf gestellt nnd durch ge-
mütlilichcS Beklopfen und Drücken der Magenwände zur Herausgabe des
verschluckten Salzwassers ermuntert hätte? Wir hätten ein nationales
Unglück mehr zu beklagen gehabt. Auch für Ahlwardt in der „Diener"
sehr notlng. Bei seiner eingeschränkten Lebensweise in er an so voluminöse
Hrtragcnüsse. wie sie die letzten Festlichkeiten darboten, nickt gewöhnt, und
er irrte vielleicht noch auf der Suche nach seinem Hotel umher, wenn ihm
nicht ein erfahrener nnd ausgepichter Diener zur Seite gestanden hätte.
Uebcrhaupt die „Köln. VolkSztg."! Ihre Leute, die HentrnmSmänner.
sind bei der Flasche ausgewachsen, nnd der H 11 gehört zu ihrem dogmatischen
eisernen Bestand. Was dürfen solche Leute von der Entbehrlichkeit der
männlichen „Stütze" faseln Männern gegenüber, die das deutsche Volk von
der Judenknechtschaft befreien wollen, dabei naturgemäß rechts und links
anstoßen und ohne die Hrgebcnheit eines venraucnSwerthen Begleiters gar
zu leicht vom Wege abkommcn müssen?

Aoch mehr Zucker!
Hin Snndicat von Holonialfrennden und Industriellen will in Ostasrika
am Ufer des Pangani eine Jucker- und Rnmfabrik anlcgen, die das von
den Arabern dort gebaute Jnckerrohr verarbeiten soll. Die Regierung und
Major v. Wißmann haben dem Unternehmen ihre Unterstützung zugcsichert.
Jede induürieelle Unternehmung in den Holonien ist ja mit Freude
zu begrüßen, aber in diesem Falle müssen wir doch auch an nnS selbst
denken. Schon jetzt lagern im Deutschen Reich Milliarden von Juckerküten,
die nicht abzusctzcn sind, was soll nun erst werden, wenn auch in Afrika
Fabrik ans Fabrik entlieht nnd sich von dort her ein lebhafter Import
entwickelt? Man ertheile also die Honcession nur nnter der Bedingung, daß
der in der Fabrik gewonnene Jucker in 57slasrika selbst verbraucht wird.
Am einfachsten wird dies in Verbindung mit dem ebenfalls in
der Fabrik hergenellten Rum geschehen, so das; die beiden wcrthvollsten
Stoffe des JuckerrobrS sich später wieder zn nützlicher Verwendung
znsammensindcn. Mischt man Rum nnd Jncker unter Hinzniügung von
etwas heißem Wasser, so erhält man den Hrog, der das natürliche Helränk
der Afrikaner in. Kalte (Getränke können in jenen Hegenden sehr schädlich
sein, warme dagegen sind, wenn sie nickt im Uebermaß genossen werden,
nur zu empfehlen. Schon wegen der vielen Hifischlangen wird dort jeder
Vorsichtige immer etwas heißen Hrog bei der Hand haben.
Wenn der Rum der neuen Fabrik sehr gut ausfüllt, so würden gegen
seine Hinführnng in Deutschland natürlich keine Bedenken vorlicgen. Wir
können dann auch ferner nach Afrika den bei allen Negern ungemein be-
liebten Holonial - Rum crvortiren. der überall im Deutschen Reiche die
Flasche zu ",2'r M. hcrgenellt wird. Hin solcher Austausch unentbehrlicher
Nahrungsmittel wird dem Schiffsverkehr zwischen den Holonien und dem
Mntterlande einen frischen Aufschwung geben.
^^er Abgeordnete v. kardofs hat im
Reichstag bei der Debatte über die
I Jrrenanüalten von „irgend einem
kleinen Ranbttaat, Weimar
oder Renß" gesprochen. Weimar,
durch nni'ercre großen klassischen
Dichter ;nr Hroßherzigkeit. wie sie
ein ein Hroßherzogtlinm so schön sieht,
erzogen, hat ihm die barte Aeußerung
einfach verziehen. Reuß j. L. bezieht
sie nicht ans sich, sondern ans Reuß ä.2.
Reuß ü. L. fühlt sich getroffen
nnd schnaubt Rache. Wehe Herrn
v. k a r dorf f, wenn er auf einem Aus-
flüge zufällig die Hrenzcn des Fürffen-
thums überschreiten sollte! Ter Flur-
schütz des LändchcnS ist angewiesen,
ihn in diesem Fall sofort zu vcrhafrcn.
Heinrich wünscht, daß alsdann der
Häftling in ketten gelegt und ihm vorgeführt werde. Die ketten sind
bereits bei einem westfälischen Hisenwcrk bestellt.
Zugleich ist Herr v. Kardorff in die Acht und Aberacht erklärt und
sein Bild an allen Straßenecken der großen Städte des Fürstenthums an-
geschlagen worden. Wer seinen Kops, an dem aber der noch lebende Körper
befestigt sein muß, einliefert, erhält ein Pfund Silber, zur Hälfte in Nickel,
als Belohnung ansgezahlt. Hin Bankinstitut des Landes bürgt dafür.
In Hreiz wird der seit dem Mittelalter nicht mehr benutzte Schlangen-
thnrm neu tapezirt nnd mit frische,; Schlangen besetzt.

Hi ne neue Erfindung.
Aus kiel kommt die 'Nachricht von einer Hrffndung. die noch mehr
Aussehen erregen mnß als die seit einiger Zeit mit Recht so beliebt gewordenen
feurigen Fontainen.
Hinein Techniker unserer Kriegsmarine ist es nach vielen Versuchen
gelungen, den Rauch der Dampfschiffe durch Hhemikalien, die den kohlen
zngesetzt werden, schwarz-weiß-roth zn färben. Da die Farben in gleich
breiten Streifen neben einander liegen, glaubt man ein Reichsbanner in
riesenhaften Dimensionen über dem Schiffe flattern zu sehen. Feenhaft ist
der Anblick, wenn in der Nacht der Ranch elektrisch beleuchtet wird.
Der glückliche Hrfinder hofft, das; die Verwaltung der Marine ihm
gestatten wird, demnächst auf einigen Panzerschiffen die neue Rauchflaggc
vorznsühren.
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