Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 48.1895

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Briefkasten.

Altcnburg. H. K.: Die „AltenbnrgerZeilnng
für Stadt und Land" (Nr. 159) berichtet aus
Gößnitz: „Während des Sonntags hatte inan
die Straßenwalze gegenüber dein „Altenburger
Hose" ausgestellt und einige Schritte zuvor eine
Warnnngslasel des Inhalts: „Vorsicht! Dampf-
Straßenwalze." Troß dieser Vorsichtsmaßregel
scheuten im Lause des gestrigen TaycS eine An-
zahl Pserde vor der Walze." Es gibt eben anch
unter den Pserdcn noch immer viele Analphabeten.
Arnsberg. H. E.: Tas „Eemral-Volks-
blatt für den Regierungsbezirk Arnsberg" ('Nr. 104)
schreibt: „Eisborn bei Balve. 17. Zuli. Bei-
nahe hätten wir einen ersten Tobten snr nnsern
Kirchhof gehabt, aber er wohnte an der andern
Seite des Asbeckcr Baches in der Asbeck, und
da dieser Bach die uralte Grenzscheide der Pfarreien
Balve (Eisborn) und Menden bildet, so ging die
Reiche diesmal nach Menden." Das ist Pech.
Hoffentlich brauchen aber die Eisborner nicht lange
mehr aus das Vergnügen zu warten, um das sie
diesmal so schändlich gekommen sind.
Berlin. R. W.: Ter Zoologe Professor
2 enden seid in Ezernowitz hat wieder allerlei
Experimente mit Laubfröschen angestellt. lieber
das Resultat sagt die „Berliner Zeitung" (Nr. 160):
„Tie Ergebnisse waren derartig, daß Lenden selb
es für einigermaßen zweifelhaft erklärte, ob die
Laubfrösche überhaupt ans WilternngSeinslüsfe
durch Ans- und Absteigen cinwirken." Tas ist
schade, denn wenn die Frösche ans die Witterung
einwirkten, könnte man sich, immer leicht das
schönste Wetter verschaffen. Man brauchte nur
den Laubfrosch ans die höchste Sprosse seiner
Leiter zu fetzen und durch eine leicht hcrznstellende
Vorrichtung sein Hinabsleigeu zu verhindern.
I. K.: ..Ouiüs u non ounniulo" heißt es in
der „Vossischen Zeitung" vom 17. Juli. Wenn
die Tante Voß ein Verbum ..canme- bildet,
denkt sie dabei gewiß an den Eanarienvogel.
A. E.: Zn der „Deutschen Warte" vom 18. Zuli
empfiehlt die Weberei von ZoHannes Tähue
in Potsdam „Hosenresle für 4—ti M." Wir
hüllen überhaupt nicht gedacht, daß Neffe von
Hosen einen Preis haben, besonders aber nicht,
daß sie so theuer befahlt werden. N. B.: Der
„Berliner Börsen-Eourier" (Nr. 929) schreibt
über die Berliner Wasserwerke: „Das Tegeler
und das Müggelwerk liefern zusammen täglich
259000Enbikmeter Wasser nach Berlin, womit nach
den bisherigen Erfahrungen der Bedarf von
zweieinhalb Einwohnern gedeckt werden kann."
Läßt sich denn nichts gegen die zweieinhalb
Menschen thnn, die eine so unerhörte Waiser-
verschwendnng treibenV - I. K.: Die „Vossische
Zeitung" vom 19. Zuli hat entdeckt, „daß die
/ Nose der geistlichen Annäherung zwischen Rußland
und Abessinien einen Dorn zeigt, an dem sich
Ztalien in Zukunft leicht Verletzungen holen
kann". Sehr schön gesagt.
Braunschwcig. Q. M.: Tas „Brann-
schweiger Tageblatt" (Nr. 990) meldet ans Köln:
„Zm Hotel Treesen in Rüngsdorf ertranken
am Montag sämmtliche dorr ivohnenden Gäste
nach dem Genüsse des Mittagessens unter Ver-
giflungserschcinnngcn." TaS ist viel Un-
glück aus ein Mal.
Danzig. F.: Tank für die freundliche An-
erkennung.
Tarmstadt. E. T.: Nicht verivendbar.
Dresden. H. L.: Zn dem Bericht über eine
Verhandlung vor Zhrem Landgericht schreibt der
„Dresdner Anzeiger" (Nr. 201): „Ta die von
der Michna erlittenen Vorstrafen längere Zeit
znrückliegen, ließ das Gericht Milde walten und
erkannte deshalb nur auf Gcfängnißstrafe in der
Tauer von I Zahr 9 Minuten." Wenn das
Gericht wirklich Milde walten lassen wollte, so
konnte es der Vernrtheillen die 9 Minuten anch
noch schenken. G. N.: Die „Dresdner Zeitung"
(Nr. 170) meldet: „Tie Pforte trifft fortwährend
militärische Sicherheilsvorkehrnnge» an der mace-
donisch-bnlgariichen Grenze. Sirnmitza. Korfchana
und Kratowo erhielten anständige Garnisonen."
Tas wirst kein gutes Licht auf die Truppen, die
bis jetzt dort gelegen haben.
Düren. L. H.: Tas „Kölner Tageblatt"
(Nr. 190) schreibt: „Dem „Swjet" zufolge wird
die bulgarische Deputation am Samstag Peters-
burg verlassen und über Moskau -und Kiel Heim-
reisen." Die Meldung bestätigt sich hoffentlich
nicht, das Gesindel hat in Kiel nichts zu suchen.

Auch dürfte das Reisegeld schwerlich zu einem
solchen Abstecher langen.
(smmendtngen. E. H.: Zn einem Artikel über
die Kriegshunde des Garde-Zäger-Bataillons in
Potsdam jagt die „Breisgauer Zeituna" (Nr.108):
„Am besten haben sich die deutschen Vorstehhunde
erwiesen, da sie neben der Gelehrtheit der Schäfer-
hunde. insbesondere des urspninglich bevorzugten
schottischen Schäferhundes, größere Ausdauer
besitzen als jene." Schäferhunde sind kluge Thiere,
aber gelehrt kann matt sie doch kaum nennen.
Freiburg i. B. V.: Allerdings sagt
M ephi st ophele s zu den Lemuren, die das Grab
für Faust graben sollen:
.Mit man'» für unsre Väter Uiat.
Verliest ein längliche» Quadrat!"
Wenn nun aber auch Goethe hier den Aus-
druck „Quadrat" in dem weiteren Sinne von
„Viereck" gebraucht, so kann das natürlich an der
einmal feststehenden Bedeutung des Wortes nichts
ändert!.
Hamburg. H. M.: Tie „Attonaer Nach-
richten" (Nr. 104) schreiben: „Falsche englische
Guineeslücke cursiren augenblicklich auf dem
Eontiueul. Tie Falsifieate sind so täuschend
nachgemacht, daß nur Kenner sie mit dem bloßen
Auge von echten glücken unterscheiden können.
Der Avers zeigt das Bild der Königin von
England mir der Zuschrift „Victoria Regina"
und der Zaffreszahl 184!». während der Revers
den König von Hannover zu Pferde im Kampf
mit dem Drachen darstelll." Es kann doch nicht
so schwer sein, die Stücke von echten zu unter-
scheiden.
Heidelberg. G. L.: Ter „Pfälzer Bote"
vom 18. Zuli sagt von WindtHorst: „Bei
Bildung des vreußischcu Eentrums trat er an
denen Spitze, wo ihn auch der unerbittliche Sensen-
mann aulraf. au Körper ein gebrechlicher Greis,
ein Züugling aber au Geist und Frische, feurig
und unverwüstlich." Ter unverwüstliche alte
Sensenmann ist hier nicht übel charakterinn.
Kiel. L. Q.: Tie „Nord-Qstsee-Zeitung"
(Nr. 941) meldet: „Ter Kreuzer „Sophie" har
auf der Reise von Tauzig nach Kiel durch den
Kaiier-Wilhelm-Eanal heule Mittag Holtenau
passirl." Weshalb mag der Kreuzer diesen Umweg
gemacht haben?
Köln. E. B.: Etwas Grausiges hat sich in
Mülheim a. Rh. begeben. Von dort wird dem
„Stadt-Anzeiger zur Kölnischen Zeitung" (Nr.924)
geschrieben: „Die Leiche des Fabrikarbeiters,
welche am Letzten des vergangenen Monats von
der hiesigen Schiffbrücke in die Wellen sprang,
soll zu Düsseldorf gelandet worden sein".
Leipzig. L. E. A.: Zn der „Leipziger Volks-
zeilnng" (Nr. 105) wird das Proiect einer
elektrischen Bahn zwischen Leipzig und Halle
besprochen und dabei gejagt: „Alle 10 Minuten
soll nach jeder Richtung ein Waget! mit einer
durchschnittlichen Geschwindigkeit von 00 Kilo-
gramm in der Stunde verkehren." Wir kennen diese
An der Berechnung nicht, aber sehr groß kann doch
die Schnelligkeit kaum sein. Q. S.: Prosit!
Metz. F. G.: Tie „Metzer Zeitung" (Nr.107)
meldet: „Berlin, 19. Zuli. Tie Fahnenträger
sämmtlicher Garderegimemer, welche unter Führung
je eines QfficierS um 11' 2 Uhr' die Fahnen und
Standarten aus dem Schloß abholten, wurden
nach der Rnhmeshalle gebracht, daselbst unter
besonders erhebender Feier bekränzt und später
in das Schloß zurückgebracht." Die Fahnen-
träger sind ja gewiß brave Leute, aber man sicht
doch keinen rechlxn Grund für eine so auffallende
Auszeichnung.
Nürnberg. L. Q.: Tie „süddeutsche Land-
Post" (Nr. 104) schreibt: „Zn der Meldung, daß
I)r. Peters beauftragt sei, in Udschidschi eine
militärische Station zu errichten, sieht sich die
„Post" aus authentischer Quelle in der Lüge zu
erklären, daß I)r. Karl Peters ein ThätigkeitSseld
am Tanganjika-See angeboren sei." Nicht alle
Blätter find so ehrlich und machen das Publicum
ausdrücklich darauf aufmerksam, wenn sic lügen.
Z. R.: Wir sind hinreichend versorgt, auch
eignen sich die eingeschickten Sachen durchaus
nicht für unser Blatt.
Qsnabrüct. L.: S. d e Z 0 ng fährt gewissen-
haft fort, das Publicum von allen Vorgängen
in seiner Familie zu unterrichten. So liest man
im „Qsnabrücker Tageblatt" vom 20. Zuli:
„Meinen neugeborenen Sohn Hartog Simon
Jsmael de Jong möchte ich gern einmal durch

die Hebamme persönlich kennen lernen. L. de
Jong."
Potsdam. A. E.: Zu der „Deutschen Tages-
zeitung" (Nr. 921) wird angczcigt: ..National-
Theater: TaS Geheimniß der kalten
Mamsell." Wir kennen das Stück nicht, es
handelt sich aber offenbar um ein sog. Schauer-
drama.
Phrmont. F. B.: Zn Zhrem Gedicht „Die
Ausstellung" singen Sie:
...hier suchst du uicht, hier fragil du nicht,
Vier lieg! c» ans vor dir.
Hier taugt du Blumen, .aäfc. Wurst
Uud allcrlci «Ycthicr.
Dir» Farbenspicl, Orangen roll,
Uud Artischocke» grün!
Wie hier dic Früchte eingemacht
I» liohcn Gläsern glühn!
Vou seinen ^oncn Wild und Frucht
Uud lausend schwere Tosen.
i?S wein ein sicher Baliamdu't
Vou Fischen. Wild und Rosen."
Mit der letzten Behauptung gehen Sie zu weit.
Fische und Wild darf auch der Dichter uicht
balsamisch duften lassen.
Negenwalde. G. B.: In Nr. 109 Ihrer
„Krcis-Zeitnng" erläßt der Vorstand des Rettungs-
Hauses „Elisabeth-Stiftung" zu Kieckow einen
Steckbrief gegen den entlaufenen Zwangszögliug
Karl Stahl ko pf. Als besondere Kennzeichen
werden angegeben: „Etwas kurze Qberlippe, am
Halse ein Leberfleck, oberhalb des Gesäßes eine
Narbe nnd ein im Entstehen begriffener Schnurr-
bart." Wenn Stahl köpf wirklich oberhalb des
Gesäßes stark behaart ist, so kann man das doch
keiueu Schnurrbart nennen, ttebrigens wird er
jene Stelle schwerlich offen zur Schau tragen.
Sirchfcuhausen i. Waldeck. T.: Dic
„Wildnnger Zeitung" vom 10. Zuli schreibt:
„lieber Kritikcrleichtcrung für den kleinen Grund-
besitz hat unter dem Vorsitz deö Qbcrpräsidcmcn
von Wilamowitz-Möllendorf in Posen eiueKonferenz
beraten, an der auch der Vortragende Rat im
landwirtschaftlichen Ministerium Or. Hermes
leilnahm". Auch die kleinen Grundbesitzer können
doch ungehindert kritisireu. wen und was sie
wollen.
Stuttgart. A. S.: Zn Zhrem „Neuen Tag-
blatt" (Nr. 168) richtet Herr Professor Karl
Skraup ein offenes Wort an die kunstliebende
Bevölkerung Stuttgarts. Er sagt u. a.: „Zm
Laufe der Saison hatte die köuigl. Hoftheater-
leitung. neben allüberall vorkonnncnden vorüber-
gehenden Erkrankungen, noch damit zu rechnen,
daß 9 Künstlerinnen durch Familienpflichien längere
Zeit dem Repenoir entzogen wurden. Auch hierbei
trifft die Zmendanz kein Verschulden". Wir freuen
uns, daß Professor St raup der Zutcndanz dies
rümliche Zeugnis; ausstcllcn kann.
Weimar. N.: Der „Allgemeinen Zeitung
für Franken und Thüringen" (Nr. 105) wird
aus Bamberg berichtet: „Gelegentlich der gestern
früh im Hain statrgehablcn Streife seitens der
Polizei hatte n. a. auch das Resultat, daß mehrere
Katzen dortselbs! ihr Unwesen trieben." Da sollte
man diese Streifen doch lieber unterlassen. Uebrictz'ns
schreibt der Eorresvoudent ein recht liederliches
Deutsch.
Werden. L. P.: Prosit!
Wilhelmshaven. S.: Einem im „Wilhelms-
havener Tageblatt" vom 18. Zuli hinter dem
Matrosen Lanken au erlassenen Steckbrief ent-
nehmen wir folgendes schnurrige Signalement:
„Haare: blond.
Stirne: frei.
Angen: blaugrau.
Nase: gebogen.
Mund: gewöhnlich.
Bart: Schnurr."
Würzburg. F. A.: Tas „Würzburger
Zonrnal" (Nr. 18-,) berichtet: „Ein Pistolcn-
duell wurde heute früh .'»Uhr durch Studirende
im Gultenberger Walde ausgefochten. Doch die
Bctheiligten beachteten das 0. Gebot." Es kommt
auch wohl selten vor, daß bei einem Duell gegen
dies Gebot gesündigt wird.

Bei der grosrcn Menge der an nn» gerichteten Zmendnngen
ist dic Beamwonnng einer jeden uns ebenso nninöglich.'v^
die 'Ansdcwaliriing der nn» nnvcrlangl zugel-ciiden Manuscnpic.
Rücksendung der Icyicre» eriolgr nur. wenn der Zcndung -ao
erforderliche Porto in Briefmarken bcigefügt ist.
Dic Redaction dcS Kladderadatschs_

^Verantw. Red. i. V.: W. Polstorff in Berlin. — Verantw. für den Jns.-Thcil: L. v. Waligorski. — Verlag von A. Hofmann L Tomv., Lcipzigerstr. 1351. — Druck von Hcmpel L To. — Sämmllich in Berlin-
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