Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 71.1921

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KUNST UND WELTANSCHAUUNG"

Es ist schon immer viel über Kunst geschrieben
worden: was sie soll, was sie hat, was sie kann,
worin sie wurzeln muß, wem sie zu dienen hat -—
aber noch nie ist mehr darüber geschrieben worden
als gegenwärtig. Was soll aber mit dem Schreiben
über Kunst erreicht werden? Wer ist überhaupt
der Empfänger solcher zahllosen Zeitepisteln über
die Kunst? Das Publikum? Der Künstler?
Keiner und beide! Ein Zeitalter, das viel schreibt
und spricht, arbeitet wenig, und wo soviel über
Kunst geschrieben wird, da hat es irgendeinen
Haken, entweder bei denen, die schaffen oder bei
denen, die reden. Nun sind in den letzten Jahren
zwei Ereignisse eingetreten, durch die die Zungen
und Federkiele derer, die sich über die Kunst
verbreiten, in besonderem Maße angefeuert wurden:
die Revolution und das Buch von Oswald Speng-
ler über den „Untergang des Abendlandes".
In lebhaft erregten Artikeln wurde Spenglers
pessimistische Anschauung über die Kunst ab-
gelehnt und darauf hingewiesen, daß im Abend-
land noch eine Fülle ungeahnter Kräfte ruhten,
die der Kunst neuen Impuls zu verleihen imstande
seien; und was lag näher, als eben die Revolution
als einen solchen Keim von ungeahnten Entfal-
tungsmöglichkeiten zu preisen! In zahlreichen
Artikeln linksradikaler Blätter wurde mit großem
^Nachdruck betont, daß erst mit der Revolution
teine Periode von jener Bedeutung anheben könne,
wie sie den großen Stilen der Vergangenheit eigen
sei; denn die Bourgeoisiekunst der entthronten
Monarchie hätte aus sich heraus niemals mehr etwas
schaffen können. Der Hamburger Kunsthallen-
direktor Gustav Pauli beispielsweise glaubt sich
in einem Buch „Kunst und Revolution" mit
folgenden Sätzen wichtig machen zu müssen:
„Wie überlebt die Monarchie war, das zeigte lange

vor dem Krieg die amtliche, von obenher beschützte
und aufgepäppelte Hohenzollernkunst, die es unter
den günstigen äußeren Bedingungen doch nur
bis zu einem Anton von Werner in der Malerei,
zur Siegesallee-Puppenfabrik in der Plastik, zum
Berliner Dom-Gespreize in der Baukunst brachte.
Die echte Kunst aber war lange vor der Revolution
schon revolutionär, der Naturalismus in der Dicht-
kunst, der Impressionismus in der Malerei, der
suchend-ringende neudeutsche Werkstil in Kunst-
gewerbe, Haus- und Gartenbau." Eine solche
Beurteilung schwimmt an der Oberfläche; mit
Oberflächlichkeit aber löst man keine Welt-
probleme. Viel ernster befassen sich verschiedene
Führer der linksradikalen Partei mit der Frage,
weil sie offenbar sehen, daß Politik und Wirtschaft
nur ein verhältnismäßig kleiner Teil des Gesamt-
habitus in der Geistesverfassung der Menschheit
ist, und daß alle wirklichen oder vermeintlichen
Siege auf dem politischen Gebiet nur Zufällig-
keiten bedeuten, wenn der Gesamthabitus nicht
mit in Bewegung gerät. Jetzt nach drei Jahren
denkt man immer mehr darüber nach, wie die
Revolutionierung des Kulturlebens, wie
die Um- und Neubildung der Kunst sich
vollziehen könne. Dabei gingen die Theoretiker
ziemlich allgemein von der Anschauung aus,
daß die große Null der Kunst des 19. Jahrhunderts
durch den Individualismus verursacht worden sei.
Der Kapitalismus habe diese einseitige Ausbil-
dung des individuellen Wollens ungeheuer begün-
stigt. Rücksichtslos und brutal, wie der Mammonis-
mus nun einmal sei, habe der Reiche, der „Millionär"
der verflossenen Ära sein Haus bauen lassen,
sein Heim eingerichtet, seine Gärten angelegt,
ohne auf die Ansprüche der Gemeinsamkeit Rück-
sicht zu nehmen; aus diesem Individualismus

Kunst und Handwerk. Jahrg. 1921. 4. Vierteljahrsheft

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