Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 71.1921

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finden sich wasserköpfige Zwerge. Während die Renais-
sance psychiatrische Erscheinungen nur in den hysterischen
Stellungen verzückter Figuren andeutet, sind Darstellungen
des Grausigen besonders in der spanischen Kunst und der
Barockkunst beliebt. Die Märtyrerszenen spielen hier eine
große Rolle, und der Realismus geht soweit, daß Ribera
einen Fall von halbseitiger zerebraler Kinderlähmung dar-
stellt. Velasquez bietet für den Psychiater geradezu eine
Fundgrube, denn er hat in sechs Bildern Zwerge und
Idioten so genau porträtiert, daß man die verschiedenen
Krankheiten, an denen die unglücklichen Narren des spani-
schen Hofes litten, feststellen kann, so echten Kretinismus
bei dem Nino de Vallescas, Wasserköpfigkeit beim Don
Antonio, Schwachsinn bei Don Juan de Austria usw. Auch
andere spanische Maler haben Zwerginnen und Mikrozephale
im Bilde festgehalten. Mit der Psychiatrie hängt, was
sonst nicht beachtet wird, Dürers „Melancholie" zusam-
men; sie ist nämlich von dem Meister als ein Trostblatt
für Kaiser Maximilian geschaffen, der am Saturnaber-
glauben litt und fest davon überzeugt war, die unter diesem
Planeten Geborenen seien zum Wahnsinn disponiert.
Rubens schildert Besessenheit, epileptische Anfälle und
deutliche Erscheinungen des Alkoholismus. In den Alters-
selbstbildnissen Rembrandts will Weygandt alkoholische
Züge erkennen. Die Tanzwut ist des öfteren geschildert
worden, so von dem älteren Breughel. Besonders drastisch
ist die Wiedergabe des Alkoholismus auf dem berühmten
Blatt von Hogarth, das die „Trinkergasse" von Gin Lane
wiedergibt. Im 18. Jahrhundert beginnen nun die Dar-
stellungen von Irrenhäusern, die für die Geschichte der
Behandlung der Wahnsinnigen wichtig sind. Goya zeigt
die Zustände am Ende des 18. Jahrhunderts, Gautier schil-
dert die Szene, wie der Arzt Pinel die Irren der Salpetriere
von den Ketten befreit, und Wilhelm von Kaulbachs Narren-
haus gibt ein deutliches Bild der deutschen Anstalten wäh-
rend der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Von der aller-
modernsten Kunst möchten wir in diesem Zusammenhang
überhaupt nicht reden. — Frankfurt hat bereits eine solche
„Ausstellung von Irrenkunst". In einem Frankfurter Kunst-
salon ist eine größere Anzahl von Malereien, Zeichnungen
und Skulpturen ausgestellt, die von Geisteskranken her-
rühren, die vor ihrer Erkrankung sich nicht als Künstler
betätigten. Es handelt sich dabei um eine Sammlung, die
in der psychiatrischen Klinik der Heidelberger Universität
von Dr. Hans Prinzhorn zu wissenschaftlichen Zwecken
zusammengebracht wurde. Auf die künstlerische Bedeutung,
die diese eigenartige Ausstellung besitzt, weist S. Schwa-
bacher im „Cicerone" hin. Die Schöpfer dieser Irrenkunst
leiden zum größten Teil an Dementia praecox; es sind sog.
„Schizophrene", Menschen mit „Zerspaltung der Seele",
mit einer geistigen Zerrüttung, deren anatomische Ursache
noch nicht ergründet ist. Ihr Zustand äußert sich in den
bildnerischen Versuchen in einer Übersteigerung des Ich-
gefühls, in Darstellung von Halluzinationen, in der An-
einanderreihung vager Assoziationen. Darüber hinaus aber
zeigen die vorgeführten Werke oft ein sehr feines kompo-
sitionelles Gefühl, große Anmut und unter dem Einfluß
dämonischer oder religiöser Verzückung sogar einen gran-
diosen Empfindungsausdruck. „Man wird", sagt Schwa-

bacher, „an Werke echtester Kunst, bald an primitivste
Plastik, bald an byzantinische Malerei oder an Gotik, an
moderne Werke von Nolde und Rousseau, an die Laszivität
Pascins erinnert, ohne daß den Arbeitern, Schreinern, Schlos-
sern, Elbschiffern usw., die diese Arbeit gemacht haben,
jene Werke zugänglich gewesen sein können. Man erkennt
mit Ehrfurcht, daß dieselben ewigen Gesetze des künst-
lerischen Bildens, die wir aus der Kunst der Gesunden
kennen, hier im Unterbewußten und Unbewußten waltend
sind. Es ist manchmal sogar, als ob mit dem Wegfall
gewisser Hemmungen ein Schöpfungsdrang, der sich bei
den gesunden Handwerkern nie ausgesprochen hätte, oder
bei einem Frl. X., die früher konventionelle Dilettanten-
arbeit gemacht hatte, nie zum Ausdruck gekommen wäre,
in dem durch die Krankheit verstärkten Impuls der Trieb-
äußerungen in Erscheinung getreten ist."

Das Rätesystem der Tiroler Künstler. Der „Bund" meldet:
Kurz nach dem Zusammenbruch Österreichs wurde in
Tirol ein interessanter Versuch unternommen. Es sollten
alle künstlerisch tätigen Personen in einer festgefügten
Organisation zusammengeschlossen werden, und diese
Organisation sollte weit über die Bedeutung eines Vereines
hinaus gleichsam die Grundlage eines Kunstamtes geben.
Es war nicht zu verkennen, daß hierbei der Gedanke an
das Rätesystem lebhaften Einfluß ausübte. Alle Fragen
der Kunst und der Künstler, persönliche und sachliche, sollte
ausschließlich von den Künstlern entschieden werden,
und in Dingen, die auch die Allgemeinheit berührten, aber
das Gebiet der Kunst streiften oder mit ihm verbunden
waren, sollte dem Rate der Künstler bestimmender Einfluß
gesichert werden. Auf diese Weise entstand die Tiroler
Künstlerkammer. Sie wurde von den Künstlern mit großer
Begeisterung begrüßt, und die Beteiligung war, allen
Skeptikern zum Trotz, so zahlreich, daß sie fast an Ein-
mütigkeit grenzte. Die innere Gliederung der Kammer
war klug und praktisch ausgedacht. Es verdient hervor-
gehoben zu werden, daß auch außenstehende Kreise die
Bestrebungen förderten und die Tiroler Landesregierung
das Unternehmen moralisch und materiell unterstützte.
Allein gerade die breite Grundlage war der Nährboden des
Verhängnisses. In dem Bestreben, alle mit der Kunst in
Verbindung stehenden Kreise zusammenzufassen, war man
mit der Aufnahme der Mitglieder zu liberal gewesen, und
so hatten auch Leute Zutritt erhalten, die einer strengen
Auslegung des Begriffes Künstler nicht standhalten konnten.
Es ergab sich unabweislich die Notwendigkeit einer Sichtung
und damit zugleich das Element der Zersetzung. Um die
gefährliche Klippe zu umschiffen, wurde festgesetzt, daß
sich alle Mitglieder dem Spruche einer Jury unterwerfen
müßten, die darüber zu entscheiden hätte, wer auf Grund
seiner bisherigen künstlerischen Leistung das Recht auf
Mitgliedschaft der Kammer besitze. Es muß bezweifelt
werden, ob die Jury jemals die Aufgabe zu lösen imstande
sein werde, daß die noch im Zuge befindlichen Bemühungen
um die Neuaufrichtung der Kammer fruchtlos verlaufen
werden und daß die Tiroler Künstlerkammer endgültig der
Vergangenheit überantwortet ist. Damit ist neuerlich ein
bemerkenswerter, von anfänglichen Erfolgen gekrönter Ver-
such der Zusammenfassung des Künstlertums gescheitert.

Die Klischees zu den Abbildungen dieses Heftes lieferten die Firmen Zerreiss& Co. in Nürnberg und Meisenbach Riffarth & Cie. in München.

Schriftleiter: Prof. Dr. Jos. Ludwig Fischer — Herausgegeben vom Bayerischen Kunstgewerbeverein — Verlegt bei Georg W. Dietrich
Für die Anzeigen verantwortlich: F.C.Mayer — Druck von R. Oldenbourg — alle in München
Copyright: 1921 by Georg W. Dietrich

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