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Naturbevbachtung, wobei namentlich die Zeichnung der
Thiere von jeder gleichzeitigen bewundernswürdig absticht;
die Malerei aber, vorzüglich bei der Männergruppe vor
dem Thor, vollendet. Bei aller Mannichfaltigkcit des
Colorits doch harmonisch; bei aller Tiefe doch klar; im
vollen Licht doch ganz kräftig, steht diese Gruppe als ein
zweites Wunder neben dem der Heiligen. Sie war ganz
von Staub und Moder verschont geblieben und veranlaßte
mich diesmal zu weitern Nachforschungen, die ein so er-
freuliches Ergebniß herbeigeführt.

Auf dem dritten Bilde sind drei Scenen aufgesührt:
Zuerst sehen wir die Heilige in ihren Mantel gehüllt, in
Flammen vor dem Palast, unversehrt; der Prätor sieht
verwundert aber verstockt dem Creigniß von oben zu.
Sodann im Innern des Hauses wird Oel über Feuer ge-
sotten, ein Knecht schürt (mit dem Blaebalg) die Flamme,
die Heilige steht nackt, mit dem Rücken gegen ihre Pei-
niger, unter denen der Prätor selbst erscheint, gerichtet,
und wird von denselben mit dem siedenden Oel übergossen.
Da auch dies nichts verfängt, so läßt sie der Tyrann
mit dem Dolch erstechen, was im dritten Raum abgebildet
jst. __ Dieses Bild gab dem Künstler wahrscheinlich die
Veranlassung zur freicrn Behandlung der Legende vom
heil. Georg, wodurch es ihm möglich wurde, die beiden
einzigen nackten Figuren der ganzen Vildersolge sich ein-
ander gegcnübcrzustellen, und mit einer gleichartigen
Palast-Architektur den symmetrischen Eindruck zu ver-
stärken. Das lezte Bild aus der Legende der heil. Lucia
führt uns in die Vorhalle einer Kirche. Im Hinter-
gründe sieht man, in der Abthcilung eines Bogenganges,
die Heilige mit gebrochenem Auge und bedeutenden Wun-
den die Hostie nehmen. Im Vorgrund unter der Halle
ist ihr Leichnam auf feierlich geschmücktem Todtcnbctt
ausgestellt. Eine große Anzahl frommer Frauen und
Männer jedes AlterS und Standes hat sich zur Theil-
nahme und Verehrung herangedrängt. Alle Vorzüge des
Künstlers als Maler steigern sich in diesem Gemälde auf
den höchsten ihm möglichen Grad, allein cs tritt auch
zugleich der in dieser Richtung unvermeidliche Ucbelstand,
wenn auch kaum bemerklich, der Naturalismus ei». Die
Gesetze der Verjüngung bei der Entfernung der Gestalten
sind ihm nun klar geworden, die Köpfe verkleinern sich
nicht nur nach dem Hintergrund zu, sondern erhalten
auch einen leichten Luftton; die Zeichnung ist, mit weni-
gen Ausnahmen, durchaus corrcct. Der Kopf der Heili-
gen — mit dem Ausdruck seliger Ruhe, zart im gebroche-
nen Licht, in milder Farbe vollkommen, selbst im Relief;
die Farben von einem Feuer und einer Kraft, wie sie
uur in den besten venelianischen Oelbildern anzutrcffen,
und die Ausfübrunz von einer in der Thal beispiellosen
Vollendung. Beobachtung und Auffassung des Natür-
lichen führen zur Anwendung des Bildnisses, wie die

florentinische Schule zu ihrem großen Verderben erfahren;
Avanzo läßt sich auch zum Bildniß verleiten, und obwohl
er die aufgeführten Personen zur Theilnahmc zwingt, so
sind sie doch nicht seine, sondern selbstständige Gestalten,
wodurch der Bruch in die Darstellung trilt. Ich sage
nicht, daß er hier merklich oder störend ist, allein er ist
da und der Anfang zu einer neuen Kunstrichtung ge-
macht, die erst in Paul Veronese ihre Vollendung feiert.
— Ein schöner junger Mann in dunkclrvth-violettem
Mantel zur Rechten, eine blau gefütterte Capuze über
dem Kopf scheint mir das Bildniß des Malers zu sepn;
unter seinen Füßen, in dem Rand des Bildes, finden
sich auch die Spuren des Namens, von denen ich Dir
früher sprach.

Dies Gemälde hat durch Stcinwürse oder ähnliche
Frevel eine Menge Löcher erhalten, die sich um das An-
gesicht der Heiligen besonders häufen. Glücklicher Weise
ist dieses, wie fast ein jedes, im Bild verschont geblieben
und eine Wiederherstellung des Ganzen leicht zu bewerk-
stelligen, was ich auch (mit Erlaubnis der Behörde)
begonnen.

Es bleibt mir nun noch übrig, von dem Votivgemälde,
das die Hälfte der vbern Ostwand einnimmt, zu sprechen.
In vollem Waffeuschmuck knien, von ihren Schutzheiligen
begleitet, die Herren der Soragna vor dem Throne der
Jungfrau, der am rechten Ende des Bildcö aufgerichtet
ist, so daß die ganze Darstellung, die erste aus jener Zeit
wir bekannte derartige, im Profil genommen ist. Es
sind aber, den Unterschriften zu Folge, zunächst dem Thron
Rolandinus, der Vater des heil. Georg, und Ma-
thilde, seine Gattin, von einer Heiligen (im Königs-
schmuck, vielleicht S. Lucia) geführt. Hierauf folgen ihre
Söhne: Montinus, Guido, Bvnifacius und An-
tonius, von deren Patronen ich nur St. Jacob bei
Bvnifacius (dem Stifter der Felircapellc) und S. Agnes
bei Antonius erkenne; sodann ibrc Enkel: Antonius
(unter dem Schutz des gleichnamigen Heiligen), Simon
mit der heil. Christin«, und Fulcus mit einem mir
unbekannten ritterlichen Heiligen, vielleicht S. Martin;
endlich der fünfte der Söhne, der Stifter der Capelle,
Raimundinus, wie sein Vater geleitet vom h. Georg.

Das Gemälde hat zum Theil gelitten; die Heiligen
sind von großer idealer Schönheit, die Bewegung des die
Gebete bejahenden Christkindes äußerst lieblich und naiv.
Dagegen machen die Vildnißfiguren mit dem unmaleri-
schen, monotonen Eisenzeug und den wunderlichen Helm-
hörnern und Wölfen, keinen erfreulichen Eindruck. Sic sind
auch, wie mir scheint, von untergeordneter Hand gemacht.

Alle diese Gemälde sind zu meiner großen Freude,
und zur Bequemlichkeit der Betrachtung und des Stu-
diums auf die senkrechte Mauer gemalt. Nur das obere
Ende der ober» reicht geschickt in das Tonnengewölbe der
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