Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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NEUE ARBEITEN VON ALBIN MÜLLER IN DARMSTADT


n Das Bemühen, diese Einheit zu finden, gibt sich
schon in vielen neuen Maßnahmen zur Schaffung
eines vernünftigen und schönen Stadtbildes kund.
Das äußere Stadtbild gehört nämlich uns allen und
ist das Heim der Allgemeinheit und eines jeden; auf
seine Gestaltung besitzt die Allgemeinheit und jeder
befähigte Bürger ein unbestreitbares Anrecht. □
□ Zunächst sind es die neutralen Plätze, die
öffentlichen Gärten, Friedhöfe, Theater und Aus-
stellungshallen, in denen der künstlerische Wille der
Allgemeinheit sich zum Ausdruck bringen wird.
Allenthalben sind Männer durch Auslese oder im
öffentlichen Wettbewerbe gefunden worden; die den
Blick aufs Ganze gerichtet halten und das Stadt-
gebilde, als den Lebensausdruck der Allgemeinheit,
künstlerisch und seelisch intensiv empfunden haben.
□ Ihr zusammenfassendes, einigendes, künstlerisches
Streben erkennt man am deutlichsten in den Schöp-
fungen der neueren Architektur, und die Baukunst
umschließt und einigt wieder alle anderen Künste.
Aber nicht so, daß »das Kunstgewerbe in des Archi-
tekten Faust gehöre«, wie ein Stilbaurat kürzlich for-
derte, sondern indem alle Künste wieder in architek-
tonischem Geiste schaffen und sich so von selbst
dem Bauwerk überall selbstverständlich einfügen. Also

indem die Architektur wieder der Generalnenner wird,
in dem alle Künste restlos aufgehen können, um auf
dieser ökonomischen Basis die Kraft zur Entwicklung
ihrer individuellen Schönheit wiederzufinden. Dies mag
nicht allein für die bildenden Künste, sondern gewisser-
maßen auch für die Musik und für die Schauspielkunst
seine Geltung haben. Und man kann, weiter ausschau-
end, sagen, daß der Architektur erst dann ihre höchste,
monumentalste Aufgabe erwachsen wird, wenn das
Volk seine religiöse (nicht kirchliche) Einheit wieder-
gefunden haben wird und die Baukünstler in den
Gebäuden des öffentlichen Kults diesen Brunnen
reinsten, menschlichen Gehaltes künstlerisch aus-
schöpfen dürfen. Mögen wir noch weit davon ent-
fernt sein, so muß doch den Künsten dieses Ziel als
der stärkste Ausdruck des menschlichen Lebens immer
vor Augen bleiben. Solche vor dem Bildungsphilisterium
zu schützende Intuition ist für den, der ernstlich suchen
will, in den Werken unserer besten Künstler schon jetzt
zu finden, mag auch das Ringen nach Ausdruck noch
oft ästhetische Unzulänglichkeiten zeitigen. Man darf
also auf das Erwachen und Erstarken des neuen
bürgerlichen Kulturbewußtseins die größten Hoff-
nungen setzen und mit Vertrauen seiner Förderung
die besten Kräfte widmen. F. H.
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