Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

Page: 193
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DIE LEIPZIGER SCHRIFTSCHULE

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Der Grundriß ist prinzipiell verändert; während damals
eine deutliche Achse vom Königsplatz zur Sommer-
straße, also west-östlich führte, ist heute eine achsiale
Betonung in der großen Wandelhalle nord-südlich
festzustellen. Während früher, da das Treppenhaus
in der west-östlichen Achse lag, am Königsplatz wohl
der Haupteingang disponiert war, nicht aber in der
Außenarchitektur durch einen Vorbau zum Ausdruck
kam, ragt jetzt an dieser Stelle ein mächtiger mit
Stufen und Rampen ausgerüsteter Portalbau, ohne daß
er jemals in Funktion treten könnte. Denn das Treppen-
haus ist ihm entrückt, ist dezentralisiert und nach der
nördlichen und südlichen Seite gelegt worden. Während
damals der erste Entwurf wohl eine leidliche Größe
aufwies, aber dadurch, daß er mit mehreren Haupt-
geschossen rechnete, doch noch relativ neutral wirkte,
sehen wir heute das Untergeschoß auf die Bedeutung
eines Sockel reduziert und darüber machtvoll ein
schlankes System von Pfeilern und Säulen sich recken.
In all diesen Fällen verstand es Wallot, aus der Not-
wendigkeit eine Tugend zu gewinnen. So schwer es

ihm auch gefallen sein mag, immer und immer wieder
umzustoßen und neu zu prägen, so fand er doch aus
solcher Tragik des Architekten, des Dieners und Ver-
sklavten, den Weg zur Freiheit. Oder, damit unser
Betrachtungskreis keinen Riß bekomme und die Wahrheit
nicht auf den Kopf gestellt werde: Paul Wallot ge-
wann immer wieder Mittel und Wege, dem bauenden
Massenwillen neue und architektonisch stets reifere
Erlösung zu geben. Und darin nun, in solcher höchst
gesteigerten Qualität des Exekutors wurzelt die Be-
deutung der in einem Dienst am Unpersönlichen
stehenden Persönlichkeit des Architekten. Darin wurzelt
auch die Kraft für das Forterben der Konvention und
deren oft unmerkliche, aber immer entscheidende
Läuterung zur Klassik. □
□ Diese Zusammenhänge sind es, derer wir uns
erinnern wollten. Durch welch Erinnern nun aber
doch das Pathos erwachte, das Paul Wallot als einen
Architekten, als einen der Wenigen und Einsamen in-
mitten des kunstgewerblichen Niveaus ehren mußte.

DIE LEIPZIGER SCHRIFTSCHULE
Von Gustav E. Pazaurek

WIR Menschen in den Kulturländern bilden
uns ein, lesen und schreiben zu können. Das
hat aber nur bis zu einem gewissen Grade
seine Berechtigung. Mit dem Lesen geht’s ja noch
so ziemlich; die Analphabeten sind wenigstens in
Deutschland zum Glück eine ausgestorbene Klasse.
Aber mit dem Schreiben haben wir es noch nicht
allzu herrlich weit gebracht. Ich rede hier selbstver-
ständlich nicht von der leidigen Orthographie, mit
der das große Volk stets auf einem gespannten Fuße
leben wird; wir sprechen hier von der Handschrift,
welche neben einem nicht allzuweit gehenden, aber
doch vorhandenen persönlichen Gepräge nicht in der
Art der berüchtigten Medizinerrezepte rätselhaft und
unergründlich sein soll. Eine klare, übersichtliche
und dabei doch gefällige Schrift ist eigentlich leider
sehr selten. □
□ Man muß es schmerzlich bedauern, daß diese Seite
in unserem ganzen Kulturleben gar so vernachlässigt
wird. Wenn auf einem kunstgewerblichen Objekt
eine Inschrift z. B. zu Bestimmungs- oder Widmungs-
zwecken notwendig wird, so kann man nur zu häufig
wahrnehmen, daß der betreffende Künstler diesen Teil
seiner Aufgabe als etwas Untergeordnetes ansieht und
daher am liebsten irgend einem Schriftenmaler oder
Graveur die Ausführung überläßt. Bei manchen
Entwürfen, selbst bei Wettbewerbarbeiten ist es keines-
wegs selten, daß irgend eine leergelassene Stelle mit
der Bezeichnung versehen wird: »Raum für die Schrift«.
Das ist ein großer Nachteil, denn die Inschrift kann
ein kunstgewerbliches Objekt nicht nur entscheidend
beleben, sie kann auch im gegengesetzten Sinne sonstige
gute Qualitäten gänzlich paralysieren und vernichten.

□ Es wäre daher dringend wünschenswert, wenn
man der Schrift eine ungleich größere Aufmerksamkeit
schenken wollte, als dies immer noch der Fall ist.
Bei einer Ehrenurkunde ist doch geradezu die Schrift
die Hauptsache. Man sollte daher nicht nur einige


Randornamente entwerfen und die Schrift durch eine
Druckerei einfügen lassen, wie dies häufig genug
geschieht, sondern die Schrift selbst mit mindestens
derselben Sorgfalt behandeln, wie die Schmuckelemente,
die man sonst noch einfügen will. — Auch für das
Titelblatt ist die Schrift von primärer Bedeutung.
Wenn sich selbst hervorragende Künstler wie Louis
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