Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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AUSSTELLUNG BADISCHER VOLKSKUNST IN KARLSRUHE

DER Badische Kunstgewerbeverein hat aus Anlaß
der Silberhochzeit des Qroßherzogspaares eine
Ausstellung heimischer Volkskunst veranstaltet,
welche im Juli d. J. eröffnet wurde und bis Ende
Oktober dauert. Ihren Hauptinhalt bilden die Erzeugnisse
alter badischer Volkskunst aus dem 17., 18. und der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu dem vorhandenen Bestand
des Qroßh. Kunstgewerbemuseums, in welchem die Aus-
stellung untergebracht ist, kam die ehemalige Schwarz-
waldsammlung des Fabrikdirektors Spiegelhalter in Lenz-
kirch, jetzt Eigentum der Oroßh. Sammlungen für Alter-
tums- und Völkerkunde in Karlsruhe, ferner Beiträge aus
verschiedenen städtischen Sammlungen und zahlreiche
Werke aus privatem Besitz. Eine kleinere Abteilung ent-
hält Zusammenstellungen neuerer Volkskunst und außer-
dem Werke, welche Künstler und Kunsthandwerker für
das Volk und in seinem Sinne geschaffen haben. □
□ Unsere Volkskunst läßt in ihrer Entwicklungsgeschichte
zwei Stufen klar erkennen: die reine Bauernkunst und die
ländliche Handwerkerkunst. Das Bauernhaus ist der Aus-
gangs- und Mittelpunkt der alten Volkskunst; hier hat sie
frühzeitig ganz bestimmte, vom Bedürfnis und Boden ab-
hängige Typen geschaffen. Als bedeutsamste treten in

unserem Lande hervor das malerische Schwarzwaldhaus
mit sämtlichen Räumen unter einem mächtigen Schindel-
oder Strohdach und die fränkische Hofanlage in der Rhein-
ebene und im ganzen nördlichen Teil des Landes, bei der
die Wohn- und die einzelnen Wirtschaftsräume in geson-
derten Gebäuden um einen Hof liegen. Für die Ausstellung
mußte das Haus, das dem Ganzen den Zusammenhang
gibt, leider ausscheiden. Dagegen ist die Raumkunst durch
Wohn- und Wirtsstuben, eine Küche und eine Uhrmacher-
werkstätte vom Schwarzwald vertreten. Die Wände und
Decken der Stuben sind getäfelt, das dazu verwendete
Tannen- oder Kiefernholz ist entweder in der Naturfarbe
gelassen oder bemalt. Der älteste unter diesen Räumen
ist eine Bauernwirtsstube aus Buchenberg bei Villingen
aus dem Ende des 16. Jahrhunderts; die großen, fast
quadratischen Tafeln der Decke sind durch kräftige Stäbe
getrennt, die in ihrer Profilierung noch an gotische Rippen
erinnern, ebenso wie die Vierpässe in ihrer Mitte an das
gotische Maßwerk. Dem 17. Jahrhundert gehört eine ge-
täfelte Wohnstube aus Ohlinsweiler im badischen Ober-
land mit breiten niedrigen Fenstern und Butzenscheiben
an; die Felder der geschmackvoll eingeteilten Decke sind
mit stern- und rautenförmigen Einlagen geschmückt. Bei
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