Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

Page: 13
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbeblatt1911/0020
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
NACHLESE VON DER WELTAUSSTELLUNG BRÜSSEL
Von Otto Schulze-Elberfeld


MAN müßte als Berichterstatter über die Dar-
bietungen einer Weltausstellung, und sei das
auch nur für einige Fachgruppen, etwas mit der
Journalistik jonglieren,
das heißt, mit jener
gefälligen und höflichen
Form, Ernstes und Hei-
teres sagen, die auch
bei abfälliger Kritik
nicht verletzend wirkt.
So sollte es wenigstens
sein. Wir haben uns in
einem gewissen Über-
hebungsgefühl und mit
einer Selbstwohlgefäl-
ligkeit und Selbstver-
sorgung inzwischen so
alle Fettaugen der Kri-
tik heruntergefischt, daß
es eigentlich schwer
fällt, solcher noch un-
aufgewärmt habhaft zu
werden. Da heißt es,
entweder die Suppe ver-
dünnen — oder auf den
Grund gehen. °
□ Nach dem verhee-
renden großen Brande,
dessen Trümmer auf
den Ausstellungsbesu-
cher noch heute er-
schütternd wirken, des-
sen Folgen so manche
Bitterkeiten gegen die
verschonten Nationen
gezeigt haben, und bei
dem mir nach allen
Berichten die ideellen
Verluste, man denke
nur an Altengland, doch
noch empfindlicher und
nachwirkender schei-
nen als die materiellen,
freut man sich des Er-
haltenen um so mehr.
Daß diese Freude deut-
scherseits eine beson-
ders hochgehende ist,
darf uns billigerweise
nicht verübelt werden;
sie sollte aber doch mit
mehr Vorsicht und mit
mehr Stimmungsgefühl
den geschädigten Na-
tionen gegenüber zum
Ausdrucke kommen,
sonst setzen wir uns
der Gefahr aus, eine
sehr zweifelhafte Ge-
genliebe zu ernten; es
fehlt schon heute nicht
an wenig schmeichel-
haften Worten für uns.
Die Stimmung war
schon von Anfang an
gegen uns, weil wir so
ganz für uns bleiben
wollten. Diese Isolie-

erarucKenaes uoerge-
weil unsere Ge-

Albin Müller, Detail des Musiksaales für den Großherzog; von Hessen
Ausführung: Hofmöbelfabrik Gliickert, Darmstadt

rung schließt gewiß zugleich ... ....
wicht gegen die anderen Nationen ein, „w.
samtleistung innerhalb eines Staatenbundes hier erstmalig
das Deutsche Reich auf
einer Weltausstellung,
ja überhaupt auf einer
Ausstellung so ge-
schlossen vertritt. □
n Dem fast wider-
sprechend, macht un-
sere Gesamtabteilung
nach außen einen sehr
bescheidenen, jedenfalls
keinen repräsentativen
Eindruck. Man ahnt
gar nicht, daß hinter
den ländlich, ja land-
wirtschaftlich anmuten-
der. Fassaden — man
denkt zunächst an einen
großen süddeutschen
Gutshof — nicht nur
große Kostbarkeiten,
sondern sogar riesige
Hallen verborgen sind.
Ohne Nebengedanken
soll es gesagt sein: war
der Architekt hier nicht
etwas zu bayerisch, tat
er gut, den Charakter
der Ausstellung auf der
Münchener Theresien-
höhe einfach auf das
Gelände einer Weltaus-
stellungzu verpflanzen ?
Ich glaube, daß hier et-
was daneben gehauen
ist; sind wir daheim
auch allzu häufig
Aschenbrödel, - so kön-
nen wir draußen doch
mal die Prinzessin spie-
len. So etwas Auf-
machung schadetdurch-
aus nicht, wenn man
sich davor hütet, prot-
zig, parvenühaft oder,
was häufig unserFehler
war, mit Säbelgerassel
aufzutreten. Immerhin,
und ich wiederhole hier
ja nur, bleibt die deut-
sche Abteilung als Ge-
samtleistung das Bedeu-
tendste und Eindrucks-
vollste der ganzen Aus-
stellung. Aber bedauer-
lich bleibt es wieder,
daß wir nach dem Aus-
lande pilgern müssen,
um ab und zu Gelegen-
heit zu haben, einen
Gesamtüberblick über
deutsches Schaffen zu
gewinnen. Man soll ge-
wiß nicht für eine Welt-
ausstellung in Deutsch-
land Stimmung machen,
loading ...